KAPITEL 11 #2

Rinde. Die Haut ist Rinde, dunkel, lebendig, in der Textur wie der Stamm eines Baums aus dem Altbestand, aber sie bewegt sich.

Sie atmet. Der Brustkorb weitet sich und zieht sich zusammen, und die Holzhaut arbeitet mit, und wo sie arbeitet, sieht Nolan die Schichten darunter: Moos, blassgrün, leuchtend, das die Anatomie darunter nachzeichnet wie Adern unter Haut.

Die Schultern sind m?chtig, abfallend, beh?ngt mit herabfallendem Wuchs, der aussieht wie Haar, bis er es nicht mehr tut.

Flechte und Moos, die in schweren Vorh?ngen auf die Schultern fallen, und zwischen der Flechte wachsen kleine Konsolenpilze an den Schl?fen wie Zierrat. Wie eine Krone.

Das Gesicht. Nolan kann das Gesicht keine Sekunde lang ansehen, dann gleitet ihm der Blick ab und kommt zurück und gleitet wieder ab.

Es ist beinahe menschlich. Der Knochenbau, falls es Knochen hat, n?hert sich einem menschlichen Sch?del an, aber gestreckt, kantig, die Wangenknochen zu hoch, die Brauen zu schwer, der Kiefer zu lang.

Der Mund ist unsichtbar, eine versiegelte Linie in der dunklen Oberfl?che, und darüber die Augen.

Bernstein. Glühend. Sie spiegeln nicht das Feuer. Sie erzeugen ihr eigenes Licht, tief und warm und uralt, wie leuchtender Pilz, der an dunklen Orten schon brannte, bevor es irgendetwas mit Augen gab, das ihn h?tte sehen k?nnen.

Diese Augen sind auf Theo gerichtet.

Auf den Unterarmen des Wesens – und die Arme sind lang, l?nger, als menschliche Proportion es zul?sst, die H?nde h?ngen auf H?he der Oberschenkel, die Finger dick, die N?gel dunkel – blühen kleine wei?e Blüten.

Dieselben Blüten, die seinen Weg durch den Wald gezeichnet haben.

Sie ?ffnen sich, w?hrend Nolan hinsieht, die Bl?tter spreizen sich weit, und aus ihren Mitten steigt ein feiner Staub.

Golden. Sü?. Der Geruch trifft Nolan drei Sekunden sp?ter, und ihm knicken fast die Knie ein.

Honig und Moos und dunkle Erde, und darunter ein Moschus, tierisch und roh, eine Chemie, die jede zivilisierte Synapse umgeht und direkt im Hirnstamm landet, dort, wo Sprache nicht existiert.

?Heilige Schei?e“, haucht Jonah.

Mason hebt das Beil. ?Hinter mich. Alle sofort hinter mich, verdammt.“

Niemand bewegt sich. Nicht aus Mut. Weil die subsonische Vibration jetzt in ihnen ist. Nolan spürt sie im Gerüst seines Skeletts, eine Resonanz, die ihn festnagelt, wo er steht.

Sein Herz hat sich darauf eingeschwungen.

Er ist irgendwie sicher, dass alle fünf Herzen sich darauf eingeschwungen haben und dass das Herz des Wesens, falls es ein Herz hat, der Dirigent ist.

Derek steht erstarrt am Feuer. Der Mund offen. Sein Arztgehirn l?sst eine Diagnostik laufen, die nie zum Abschluss kommen wird, weil es kein diagnostisches Raster gibt für das, was da zehn Meter entfernt in den dunklen B?umen des Bannwalds steht.

?Es ist einer von ihnen“, h?rt Nolan sich sagen. Seine Stimme klingt, als geh?rte sie jemandem, den er früher gekannt hat. ?Die Pilzf?den, das Geflecht. Das ist es, was die ganze Zeit darunter lag. Die ganze Zeit.“

Das Wesen macht einen Schritt nach vorn.

Der Boden antwortet. Kein Erdbeben. Ein Wiedererkennen.

Das Moos wird heller, wo der Fu? aufsetzt.

Die Wurzeln im Boden leuchten in einem sich ausbreitenden Ring auf, Bernsteinlicht rast nach au?en durch das Netz, und Nolan sieht zu, wie das Licht die Randb?ume erreicht und sie hinaufklettert und die Blüten sich weiter ?ffnen und die Sporen in der Luft dichter werden, und sein Schwanz ist jetzt ganz hart, drückt gegen die Wanderhose, und er hasst seinen K?rper und liebt seinen K?rper und kann den Unterschied nicht mehr erkennen.

?Splint“, sagt Theo.

Das Wort kommt aus ihm heraus, als h?tte er es immer schon gewusst. Als h?tte ein Wissen es ihm in den Mund gelegt, das ?lter ist als Sprache.

Nolan versteht nicht, woher Theo den Namen hat, aber er wei?, mit derselben Gewissheit, die ihm sagt, dass das unterirdische Netz zuh?rt, dass der Name richtig ist.

Das Wesen, Splint, legt den Kopf schief.

Die Bewegung ist vogelhaft und unheimlich, zu flüssig für etwas aus Holz, und die bernsteinfarbenen Augen flammen heller.

Die Blüten auf seinen Unterarmen stehen jetzt ganz offen, jede so gro? wie ein Zweieurostück, die wei?en Bl?tter zittern vor etwas, das Eifer sein k?nnte.

Er ist der Kleinste, denkt Nolan. Und dann: der Kleinste wovon?

?Theo, tu’s nicht.“ Masons Stimme ist ein Bellen. Ein Befehl. Aber seine Beilhand zittert. ?Beweg dich verdammt noch mal nicht.“

Theo bewegt sich.

Er geht auf Splint zu, mit der unbeeilten Gewissheit eines Mannes, der nach Hause geht.

Barfu? auf dem leuchtenden Moos, die t?towierten Arme locker an den Seiten, das Kinn gehoben.

Die Sporen teilen sich vor ihm und schlie?en sich hinter ihm, und Nolan begreift, dass sie nicht blo? in der Luft h?ngen.

Sie haben eine Richtung. Sie str?men auf Splint zu, und Theo geht in dieser Str?mung.

?Theo!“ Mason macht einen Schritt nach vorn, und die Vibration im Boden ?ndert sich, eine Warnung, in den Knochen gespürt, unmissverst?ndlich. Mason bleibt stehen. Die Farbe weicht ihm aus dem Gesicht. ?Theo, ich schw?r’s dir.“

Theo sieht nicht zurück. Er verkürzt den Abstand, sechs Meter, viereinhalb, drei, und die Sporenkonzentration um ihn herum ist jetzt sichtbar, ein goldener Dunst, der ihm an Haut und Haar h?ngt, als ginge er durch eine Wolke leuchtenden Blütenstaubs.

Sein Atem hat sich ver?ndert. Nolan h?rt es selbst auf diese Entfernung. Langsam und and?chtig.

Auf anderthalb Metern bewegt Splint sich.

Schnell. Schneller, als ein Wesen dieser Gr??e sich bewegen dürfte.

Eben noch steht er still, dann ist der Arm ausgestreckt, dieser unm?glich lange Arm mit der dunklen Holzhaut und den offenen Blüten, und die Hand ist dicht an Theos Gesicht.

Berührt es nicht. Schwebt. Diese dicken Finger, mit N?geln aus dunklem Horn, so nah, dass die W?rme, die von der Rinde ausgeht, spürbar sein muss.

Theo h?rt auf zu atmen. Der ganze Wald h?rt auf zu atmen.

Dann berühren Splints Finger ihn. Die Kuppen, und Nolan sieht jetzt, dass die Fingerkuppen anders sind als der Rest der Hand, glatter, fast weich, wie das helle Holz unter abgesch?lter Rinde, drücken sich gegen Theos Wange.

Die Blüten auf Splints Unterarmen ?ffnen sich so weit, dass die Bl?tter sich nach hinten klappen. Neue treiben an seinen Handgelenken aus. An den Schultern. Klettern ihm den Hals hinauf in einem Schwall von Wei? auf dunklem Holz.

Theo gibt einen Laut von sich. Kein Wort.

Kein St?hnen. Etwas dazwischen, ein Vokal, aus ihm herausgezogen durch die Berührung mit etwas, für dessen Verarbeitung sein Nervensystem nie gebaut wurde.

Seine Pupillen, schon weit, dehnen sich, bis die Augen schwarz sind.

Sein K?rper schwankt nach vorn, der Hand entgegen, in die Berührung hinein, und die Sporen um die beiden entzünden sich.

Der goldene Dunst wird zu einem warmen Bernsteinlicht, das sie aussehen l?sst wie Figuren auf einem Gem?lde, beleuchtet von einer Lichtquelle, die der Maler sich weigerte zu erkl?ren.

Das Signal ?ndert sich wieder. Weicher. Eine tiefe, rollende Frequenz, die Nolan jetzt nicht mehr in den Knochen spürt, sondern in der Brust, im weichen Gewebe der Lunge, im Muskel des Herzens. Es fühlt sich an wie eine Frage.

If ads affect your reading experience, click here to remove ads on this page.