KAPITEL 13

MODER HOLT SICH NOLAN

Myzel verzweigt sich nicht zuf?llig.

Nolan kniet dort, wo der Wurzelteller einer gestürzten Buche sich aus dem Boden gerissen hat und einen Bodenanschnitt freilegt, der leuchtet.

Er f?hrt die blassen F?den mit dem Zeigefinger nach, vorsichtig, um keinen zu zerrei?en.

Hyphennetze f?chern in fraktalen Mustern nach au?en, vorhersagbar, wenn man die Mathematik dahinter kennt.

N?hrstoffgradienten, Feuchtigkeitsunterschiede, die chemische Verst?ndigung zwischen Wurzelspitzen.

Sechs Jahre hat er damit zugebracht. Er wei?, wie Myzel sich verh?lt.

Dieses Myzel verh?lt sich nicht.

Die F?den laufen in Parallelen. Dutzende, hell gegen den dunklen Humus, alle in dieselbe Richtung ausgerichtet.

Nordost. Tiefer in den Bannwald hinein. Sie glühen in schwachem Bernsteinlicht, in einem Rhythmus, den Nolan jetzt seit drei Minuten beobachtet: 1,2 Sekunden an, 0,8 Sekunden aus, mit mechanischer Pr?zision wiederholt.

Kein dokumentiertes Pilznetz erzeugt koordinierte Lichtpulse.

Er hat die Anomalie vor vier Tagen im Feldtagebuch festgehalten.

Damals war seine Handschrift noch lesbar.

Er steht auf. Wischt sich die H?nde an den Oberschenkeln ab. Der sü?e Geruch ist jetzt überall, so konstant, dass er ihn nicht mehr wahrnimmt, so wie man den Klang des eigenen Atems nicht mehr wahrnimmt. Honig und nasse Erde und ein Unterton, tierisch, warmblütig, lebendig.

Im Lager schl?ft Jonah. Sie hatten die Nacht ineinander verschlungen in Nolans Schlafsack verbracht, Jonahs Brust an Nolans Rücken, und als Nolan im Morgengrauen hinausgeglitten war, hatte Jonah seinen Namen gemurmelt und nach ihm gegriffen.

Nolan hatte ihm die Kn?chel geküsst und war trotzdem gegangen.

Weil das Pilznetz das Unm?gliche tut und Nolan es verstehen muss, und dieses Müssen ist ?lter und grundlegender als alles, was die Sporen mit ihm angestellt haben.

Er folgt den F?den.

* * *

Der tiefe Wald schluckt ihn in Etappen. Zuerst verklingen die Lagerger?usche.

Theos Murmeln von dort, wo er jetzt schl?ft, das Knirschen von Nylon, Dereks gleichm??iger Atem.

Dann setzt der Vogell?rm aus, was falsch ist. Es ist Mitte September.

Der Morgenchor müsste noch laufen. Stattdessen: Stille, und die tiefe Vibration, die Nolan im Brustbein spürt, im Knorpel zwischen den Rippen, eine Frequenz unterhalb des H?rens.

Die Wurzelf?den werden dicker, w?hrend er geht. Aus einzelnen Hyphen werden Str?nge, dann Kabel, die als wei?e Rippen über den Waldboden treten und bernsteingrün glühen. Sie laufen vor ihm zusammen wie Venen, die auf ein Herz zulaufen.

Nolans Puls ist erh?ht. Er nimmt ihn am Handgelenk: achtundachtzig, neunzig, zweiundneunzig.

Adrenalin plus Restwirkung der Sporen plus das schlichte tierische Wissen, dass er beobachtet wird.

Er wei? es seit gestern. Seit Theo leuchtend zurückkam.

Seit Nolan den Daumen auf eine dieser bernsteinglühenden Spuren an Theos Schlüsselbein gelegt und gespürt hat, wie sie gegen seine Haut pulsierte, im selben 1,2-Sekunden-Takt wie das unterirdische Gitter.

Dasselbe Netz. Derselbe Organismus. Die Waldschrate sind nicht im Wald.

Sie sind der Wald.

Er steigt über einen gestürzten Stamm, und der lebendige Boden unter seinen Stiefeln leuchtet in sich ausbreitenden Ringen auf, konzentrische Kreise, die von jedem Fu?auftritt nach au?en laufen.

Eine Druckkarte. Sein Gewicht, sein Gang, seine K?rpertemperatur, durch die Stiefelsohlen in das Netz darunter geleitet.

Jeden Schritt, den er tut, registriert das Netz.

?Okay“, sagt er laut. Seine Stimme klingt flach in der toten Luft. ?Okay. Ich wei?, dass du mich verfolgst.“

Der Wald antwortet nicht. Aber vor ihm, vielleicht vierzig Meter, laufen die blassen F?den auf eine Lichtung zu, wo eine m?chtige Buche gestürzt ist, der Wurzelteller aus der Erde gerissen und senkrecht aufgestellt, drei Meter verfilzte Wurzeln und anhaftende Erde.

Lothars Werk, seit fünfundzwanzig Jahren vermodernd.

Der Wurzelteller ist von Pilzwuchs überwuchert.

Konsolenpilze so gro? wie Essteller. Herabh?ngende Austernseitling-Büschel.

Und darunter, durch das tote Holz gef?delt wie ein zweites Nervensystem, Hyphen, so dicht, dass sie stetig bernsteinfarben glühen, ohne zu pulsieren.

Nolan tritt auf die Lichtung und bleibt stehen.

Er wei?, dass er nicht allein ist.

* * *

Moder tritt hinter dem Wurzelteller hervor, so wie ein Gedanke aus dem Unbewussten auftaucht, nicht pl?tzlich, nicht allm?hlich, einfach abrupt anwesend, als w?re er immer da gewesen und Nolans Wahrnehmung h?tte endlich aufgeholt.

Zweieinhalb Meter. Vielleicht zwei sechzig.

Sein K?rper ist der Wald, senkrecht gestellt: Holzhaut dunkel wie nasser Torf, durchsetzt von durchscheinenden Stellen, wo die F?den unter der Oberfl?che sichtbar laufen, wei?, verzweigend und wieder zusammenlaufend unter der Haut wie ein Kreislauf aus Licht.

Konsolenpilze wachsen an seinen Unterarmen, den Schultern, dem Grat des Schlüsselbeins.

Kleine, zarte, cremefarben mit braunen R?ndern.

Pleurotus ostreatus, liefert Nolans Gehirn automatisch, und dann: Nein.

Das sind keine Austernseitlinge. Das ist etwas, das keinen Namen hat.

Moders Gesicht besteht aus gehauenen Winkeln, zu scharf für menschlichen Knochenbau, Wangenknochen wie Verwerfungslinien.

Sein Mund ist unsichtbar, bis er den Kopf neigt und er sich ?ffnet, nur ein wenig, und was darin ist, ist dunkel und glatt.

Seine Augen. Nolan kann die Farbe nicht festhalten.

Bernstein. Dann grün. Dann tiefes Violett, wie die Leuchterscheinung von Panellus stipticus, nur ges?ttigt, unm?glich.

Er sieht Nolan an mit einem Ausdruck, den Nolan wiedererkennt, weil er ihn selbst tausendfach getragen hat, kniend in Waldboden, mit Lupe und Feldtagebuch.

Neugier. Methodische, geduldige, spezifische Neugier.

?Du hast mich studiert“, sagt Nolan.

Seine Stimme zittert nicht. Darauf ist er stolz. Die H?nde zittern, aber die Stimme h?lt.

Moder tritt vor. Einen Schritt. Der Boden summt, wo sein Fu? aufsetzt, und die Pilzf?den lodern in diesem konzentrischen Ringmuster nach au?en, um Gr??enordnungen heller als bei Nolans Schritten.

Das Netz erkennt das Eigene. Moders Zehen, fünf, lang, die N?gel dunkel wie Horn, sinken in den Boden, und das Licht wandert durch seine durchscheinende Holzhaut hinauf und kartiert in einem Aufblitzen sein inneres Geflecht.

Nolan steht sehr still.

Noch ein Schritt. Moder ist jetzt nah genug, dass Nolan ihn riechen kann: konzentriert, überw?ltigend, der Waldgeruch, destilliert auf seine Essenz.

Petrichor und dunkler Honig und myzeliale Stoffwechselprodukte, die flüchtigen organischen Verbindungen, die Pilznetze erzeugen.

1-Octen-3-ol, Geosmin, eine dritte Verbindung, die Nolan nicht bestimmen kann, eine, die ihm die Knie weich macht und das Wasser im Mund zusammenlaufen l?sst.

Moder greift nach ihm.

Nicht nach dem Gesicht. Nicht nach dem K?rper. Nach den H?nden.

* * *

Moder nimmt Nolans rechte Hand und dreht sie mit der Fl?che nach oben.

Die Berührung ist warm. Nolan hat K?lte erwartet – Rinde, Holz, Mineral –, aber Moders Haut strahlt Hitze ab, h?her als menschliche Norm, vielleicht neununddrei?ig, neununddrei?igfünf.

Die Textur ist genau das, wonach sie aussieht: Rinde.

Rau in der einen Richtung, glatter in der anderen, mit Flecken unm?glicher Weichheit dort, wo das Pilzgeflecht nah an die Oberfl?che l?uft.

Unter Nolans Fingerkuppen fühlen sich diese durchscheinenden Stellen an, als berühre man einen Puls.

Moder studiert Nolans Hand. F?hrt die Linien der Handfl?che mit einem langen Finger nach. Drückt den Ballen des Daumens, breit, der Nagel dicht und dunkel, in das Fleisch von Nolans Handteller und h?lt ihn dort.

Nolans Herzfrequenz schie?t hoch. Er spürt sie im Hals, in den Handgelenken, im Schritt.

Und er wei?, weil die Verbindung sie koppelt, weil er barfu? dasteht, weil er die Stiefel abgestreift hat, ohne sich dafür zu entscheiden, er wei?, dass Moder es ebenfalls spürt.

Durch den Boden. Durch die F?den. Nolans Herzschlag, mit zweiundneunzig Schl?gen pro Minute durch den Kontakt in den Organismus unter ihnen geleitet.

Moders Augen verschieben sich. Bernstein zu Grün.

Er dreht Nolans Hand um. Studiert die Kn?chel.

Die Sehnen. Drückt behutsam zwischen die Mittelhandknochen und sieht Nolan dabei ins Gesicht.

Er lernt, welcher Druck Nolans Pupillen weitet.

Welche Berührung seinen Atem ver?ndert. Er zeichnet Reaktionen auf, wie Nolan Pilzmorphologie aufzeichnet, mit Geduld und Pr?zision und einer Aufmerksamkeit fürs Detail, die an Andacht grenzt.

?Du kannst meinen Puls durch den Boden spüren“, flüstert Nolan. ?Du spürst ihn, seit wir angekommen sind. Alle unsere Pulse. Unsere Temperaturen. Unsere Erregungsreaktionen. Das Wurzelnetz ist ein Sinnesgeflecht, und du bist der Zentralprozessor.“

Moders Mund ?ffnet sich weiter. Kein L?cheln. Etwas ?lteres als L?cheln. Best?tigung.

Er nimmt Nolans andere Hand.

* * *

Was jetzt kommt, geht nicht schnell.

Moder arbeitet an Nolans H?nden, was sich anfühlt wie zwanzig Minuten.

Er drückt jede Fingerkuppe. F?hrt die Venen am Handgelenk nach.

Beugt jeden Finger behutsam, prüft den Bewegungsumfang, lernt die Mechanik.

Wenn er die empfindlichen Stellen findet, die Schwimmh?ute zwischen Nolans Fingern, die Innenseiten der Handgelenke, kehrt er zu ihnen zurück.

Wiederholt die Berührung. Variiert den Druck.

Beobachtet Nolans Gesicht mit diesen wechselnden Augen und passt an.

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