KAPITEL 8 #2
Die Klauenspuren beginnen gut zwei Meter über dem Boden und ziehen nach unten.
Vier parallele Furchen, tief, keine Kratzer, Kerben, durch sieben Zentimeter Rinde bis ins Kernholz geschnitten.
Das Holz darin ist hell und frisch. Saft l?uft aus den Wunden wie Blut aus Schnitten.
Jede Furche zweieinhalb Zentimeter breit.
Zweieinhalb Zentimeter Abstand. Was immer sie gemacht hat, hat eine Handspanne von fast drei?ig Zentimetern.
Mason wird der Mund trocken.
Er bewegt die Stirnlampe. Der n?chste Baum.
Dieselben Spuren. H?her: zweieinhalb Meter, vielleicht zwei sechzig.
Und der n?chste. Und der n?chste. Ein Korridor markierter B?ume, der sich ins Dunkel zieht, jeder auf einer H?he vernarbt, die kein B?r in Europa erreichen k?nnte, jeder frisch, jeder mit Saft, der schwach im Dunkeln leuchtet.
Lumineszent. Dasselbe blasse Grün, das noch immer auf seiner Hand klebt.
Etwas hat dieses Revier markiert. Etwas mit Klauen und Gr??e und einer Schrittweite, die zwei Meter Unterwuchs plattlegt. Etwas, das kein B?r ist, kein Keiler, kein Tier aus Nolans Bestimmungsbüchern.
Mason war in brennenden H?usern. Er hat einen Rettungsspreizer gehalten, w?hrend sich ein Van um ein schreiendes Kind zusammendrückte. Er hat Dinge gesehen, die seine Definition von Angst von Grund auf neu gebaut haben.
Das hier ist etwas anderes.
Das ist die alte Angst. Die, die ganz unten im Hirnstamm wohnt, unterhalb der Sprache, unterhalb der Vernunft, im nassen Dunkel, wo Menschen Beute waren und der Wald Z?hne hatte.
Sie denkt nicht. Sie rationalisiert nicht.
Sie flutet den K?rper mit Adrenalin und Cortisol und schreit lauf in einer Frequenz, die die Ohren v?llig umgeht.
Er l?uft nicht. Er ist Mason Vogt, und er l?uft nicht weg.
Er folgt den Spuren.
Jeder Baum erz?hlt dieselbe Geschichte. Vier Klauen.
Senkrecht gezogen. Tief genug, um das Kambium zu t?ten, was hei?t, dass das, was das gemacht hat, sich nicht gekratzt hat.
Es hat eine Nachricht hinterlassen. Mason hat in den Cascades B?ren B?ume markieren sehen.
Das hier ist etwas anderes. B?renmarken sind verstreut, zuf?llig, revierbezogene Schmiererei.
Diese hier sind bewusst gesetzt. Gleichm??ig verteilt.
Fallen in parallelen Linien ab, so gerade, als w?ren sie mit dem Lineal gezogen.
Er fasst eine der Furchen an. Das Holz darin ist glatt, fast poliert, und warm.
Innen warm, nicht sonnenwarm, als h?tte das Markieren selbst W?rme erzeugt.
Seine Finger kommen klebrig vom leuchtenden Saft zurück, und er h?lt sie in den Lampenstrahl und sieht zu, wie das Leuchten pocht.
Langsam. Rhythmisch. Im Takt eines Rhythmus, der nicht sein Herzschlag ist.
Seine Hand zittert. Er ballt die Faust und drückt, bis der Kn?chel weiter aufrei?t und der Schmerz das Zittern überschreibt, und er geht weiter, weil Stillstehen sich anfühlt wie Ertrinken.
Der Korridor der vernarbten B?ume ?ffnet sich in einen weiteren Raum, wo das Kronendach dünn genug ist, um Himmel zu sehen: ein ausgefranster Kreis Sterne, die ersten, die er sieht, seit er den See verlassen hat.
Der Boden ist hier Schlamm, kein Moos. Nass.
Schwarz. Seine Stiefel sinken bei jedem Schritt fünf Zentimeter ein.
Die Stirnlampe findet den Fu?abdruck.
Er liegt in der Mitte der Lichtung. Ein einzelner Eindruck im schwarzen Schlamm, mit dunklem Wasser gefüllt, perfekt erhalten. Mason starrt ihn lange an.
Er ist so gro? wie ein Essteller.
Kein B?r. B?ren hinterlassen Klauenl?cher vor dem Ballen, und die Zehenzahl stimmt nicht.
Dieser Abdruck zeigt fünf Zehen wie ein menschlicher Fu?, aber jede Zehe ist so dick wie Masons Daumen, und der Ballen ist breit und flach, und der Eindruck ist sieben Zentimeter tief, was hei?t, dass das Ding, das ihn gemacht hat (sein Feuerwehrhirn rechnet automatisch, über Bodendichte und Eindrucktiefe), dreihundert Kilo wiegt. Mindestens.
Fünf Zehen. Zweibeiniger Gang. Dreihundert Kilo.
Nichts im Schwarzwald passt zu dieser Beschreibung. Nichts auf der Erde passt zu dieser Beschreibung.
Mason sinkt neben dem Abdruck in die Hocke. Seine Knie stecken im Schlamm. Seine Stirnlampe bringt das stehende Wasser im Eindruck zum Glühen. Seine Kn?chel bluten noch, und das Blut tropft in den Schlamm, und der Schlamm trinkt es, wie das Moos es getrunken hat, sofort, gierig.
Dann trifft ihn der Geruch.
Er kommt von überall. Aus den B?umen, aus dem Boden, aus der Luft selbst, als liefe er gegen eine Wand aus Geruch.
Petrichor: der saubere, mineralische Biss von Regen auf hei?em Stein.
Zerdrückte Nadeln. Dunkler Honig. Und unter allem ein Geruch, moschusartig und tierisch und so grunds?tzlich m?nnlich, dass Masons ganzer K?rper reagiert, bevor sein Hirn eingreifen kann.
Sein Schwanz wird vollst?ndig hart. Sofort.
Schmerzhaft. Drückt gegen den Hosenlatz mit einer Verzweiflung, die nichts mit Dereks Handgelenk zu tun hat oder Theos Traumgesicht oder irgendeinem der Dinge, gegen die er seit zwei Tagen k?mpft.
Das ist etwas anderes. Das ist ein Signal, gerichtet auf einen Teil von ihm, der keinen Namen hat, eine Frequenz, die gleichzeitig in seinen Backenz?hnen und seiner Leiste mitschwingt, und sein K?rper sagt ja in einer Sprache, die er nicht spricht.
Er geht auf die Knie.
Auf beide. In den Schlamm. Neben den Fu?abdruck.
Die H?nde auf den Oberschenkeln. Den Kopf gesenkt.
Die Haltung ist unwillkürlich. Seine Beine haben einfach aufgeh?rt, haben ihn abgeworfen wie einen Boxer nach einem K?rpertreffer.
Und die Demütigung darin, die vollst?ndige Erniedrigung von Mason Vogt auf den Knien im Schlamm, weil ein Geruch ihn umgeworfen hat, ist so gewaltig und so lückenlos, dass er nicht einmal die Wut findet.
Die Wut ist weg. Verschluckt. Das tiefe Loch, in das er alles steckt, ist voll und l?uft über, und was herausl?uft, ist keine Wut.
Es ist Verlangen.
Er will. Er will. Das Wollen ist eine k?rperliche Kraft, eine Schwerkraft, die ihn nach vorn und nach unten zieht, und er wei? nicht, was er will, weil das, was er will, noch keine Form hat, keinen Namen, aber sein K?rper wei? es.
Sein K?rper versucht seit zwei Tagen, es ihm zu sagen, und er hat auf B?ume eingeschlagen und ist davongestürmt und hat es Wut genannt, weil Wut das einzige gro?e Gefühl ist, das er sich je erlaubt hat.
Der Geruch wird st?rker. N?her.
Masons Atem kommt in kurzen, harten Zügen.
Seine H?nde sind F?uste auf den Oberschenkeln.
Die Kn?chel schreien, wo die Rinde sie aufgerissen hat.
Sein Schwanz ist eine Qual, pochend, und die Sporen in seinen Lungen l?sen eine neue Reaktion aus: eine Hitze, die in der Brust beginnt und nach au?en strahlt, eine R?te, die ihm über Hals und Gesicht und Kopfhaut steigt und die Haut zu eng für das Skelett werden l?sst.
Etwas bewegt sich in den B?umen.
Eine Verdr?ngung, kein Ger?usch. Der Luftdruck ?ndert sich: eine feine Kompression, so wie sich Luft verschiebt, wenn ein gro?er K?rper in der N?he Raum einnimmt.
Masons Stirnlampe zuckt nach links, nach rechts, malt die Fichtenst?mme in zackigen gelben Strichen, und er sieht nichts. Nur B?ume. Nur Dunkel.
Aber das Dunkel hat jetzt Struktur. Das Dunkel hat die falsche Form. Am Rand der Lampenreichweite, wo das Licht dünn und bernsteinfarben wird und stirbt, steht eine Gestalt.
Mason kann es nicht sehen. Er kann es spüren. Eine Anwesenheit. Eine Masse. So, wie man in einem stockdunklen Raum eine Wand spürt, bevor die H?nde sie finden. Die Luft sagt es einem. Die Luft sagt: etwas ist hier. Etwas ist nah. Etwas ist gro?.
Der Geruch erreicht seinen H?hepunkt. Mason würgt daran.
Nicht, weil er widerlich ist, sondern weil er so intensiv ist, dass sein Riechsystem überlastet und sein K?rper nicht wei?, ob er sich erbrechen oder st?hnen soll.
Der Moschus ist tierisch und uralt und unm?glich, unbegreiflich anziehend, ein Wort, das er nicht benutzen will, ein Wort, das nicht in den Wortschatz von Mason Vogt geh?rt, der hetero ist, der immer hetero war, der sich durch die weibliche Belegschaft von drei Feuerwachen gefickt und nie, kein einziges Mal, einen Mann angesehen und gewollt hat
Eine Vibration.
Tief. Subsonisch. Er h?rt sie nicht. Er fühlt sie. Im Brustraum, in den Sch?delknochen, im Schwanz. Ein Grollen, das die Ohren umgeht und direkt mit dem K?rper spricht, und die Mitteilung ist einfach und absolut und unmissverst?ndlich:
Ich sehe dich.
Masons Stirnlampe stirbt.
Die Birne flackert nicht, wird nicht schw?cher.
Sie wird schwarz. Wie ein Schalter. Als h?tte eine Hand sie ausgemacht.
Die Dunkelheit ist vollst?ndig: das dichteste, absoluteste Dunkel, das er je erlebt hat, dunkler als jeder ru?schwarze Raum, dunkler als jeder Keller, weil es hier kein Streulicht gibt, keinen Laternenschein, keinen Mond, nichts au?er den Sternen in diesem ausgefransten Kreis, und sie reichen nicht, sie reichen bei Weitem nicht.
Sein Atmen ist das Lauteste im Wald.
Und dann, kein Ger?usch, kein Bild, sondern Wissen, das über Kan?le ankommt, die er nicht versteht, wei? er genau, wo es steht.
Vier Meter links von ihm. Am Waldrand. Zweieinhalb Meter gro?.
Vielleicht zwei siebzig. Er spürt die Hitze davon, oder bildet sich ein, sie zu spüren, eine W?rme, die durch den kalten Schlammgeruch und den Nadelgeruch strahlt und unter allem hindurchschneidet mit diesem dunklen Honigmoschus, der sein Hirn in Rauschen verwandelt.