KAPITEL 8
DER STANDHAFTE
Mason Vogt ist kein Mann, der wegl?uft.
Er l?uft auf die Dinge zu. Das ist der verdammte Punkt.
Das ist die Stellenbeschreibung: hundert Kilo Vorw?rtsbewegung, als Erster durch die Tür, wenn die Tür brennt, als Erster die Leiter hoch, als Erster rein.
Er hat sich in achtundzwanzig Jahren kein einziges Mal von etwas zurückgezogen, das ihm Angst gemacht hat.
Er zieht sich jetzt zurück.
Die Stirnlampe schneidet einen gelben Kegel ins Dunkel, und das Dunkel frisst ihn nach drei Metern auf.
Die B?ume stehen hier so dicht, dass der Strahl nicht zurückgeworfen wird.
Er h?rt einfach auf, geschluckt von Fichtenst?mmen und dem schwarzen Nichts dazwischen.
Seine Stiefel knacken Totholz. Sein Atem ist zu laut.
Alles ist zu laut au?er dem Wald, der überhaupt kein Ger?usch macht, und das geh?rt hier nicht her, das geh?rt so verdammt wenig hierher, dass er es als Druck im Nacken spürt.
W?lder machen Ger?usche. Das wei? er. Ist mit seinem Alten in den Cascades auf Wei?wedelhirsche aufgewachsen, kennt den Soundtrack: Wind im Kronendach, knarrende ?ste, das Rascheln kleiner Dinge im Unterwuchs.
Der Schwarzwald ist stumm. Nicht leise. Stumm.
Als h?tte jemand einen Raum voller Menschen auf lautlos geschaltet, und jetzt h?rt man das eigene Blut flie?en.
Er geht schneller.
Hinter ihm, einen halben Kilometer, vielleicht mehr, er hat den überblick verloren, das Lager.
Die Zelte. Die anderen. Theo und Derek, die tun, was zum Teufel Theo und Derek in diesem Zelt tun, und deren Ger?usche Mason auf drei?ig Meter h?ren konnte und die ihm in den Magen gefahren sind wie eine Faust. Und Nolan und Jonah, die vor einer Stunde Richtung See verschwunden sind, mit diesem Ausdruck im Gesicht, diesem furchtbaren wissenden Ausdruck, wie zwei Menschen, die auf eine Explosion zugehen, an der sie seit Jahren bauen.
Alle brechen ein. Alle knicken. Alle geben nach, was immer das hier ist: die Luft, die Sporen, der Pheromon-Schwachsinn, den Nolan st?ndig mit seinen feinen mykologischen W?rtern zu erkl?ren versucht, w?hrend seine Pupillen die Gr??e von Suppentellern haben und ihm die H?nde zittern, sobald Jonah vorbeigeht.
Nicht Mason.
Schei? drauf.
Er rückt die Stirnlampe zurecht und duckt sich unter einen tiefen Ast, und ein Spinnennetz klatscht ihm ins Gesicht, und er rei?t daran, fluchend, sein Puls schie?t hoch, was ihn rasend macht, weil Mason Vogt nicht wegen eines verdammten Spinnennetzes hochschie?t.
Er ist Feuerwehrmann. Er hat einen neunzig Kilo schweren Mann aus einem Fenster im ersten Stock gezogen, w?hrend der Boden wegbrach. Er hat keine Angst.
Er hat Angst.
Das Eingest?ndnis kommt ohne Erlaubnis, und er zerdrückt es, vergr?bt es, stopft es in dasselbe tiefe Loch, in das er jedes Gefühl steckt, das nicht in den Bauplan des Mannes passt, den er sich gebaut hat.
Das Loch wird voll. Das Loch wird seit zwei Tagen voll, und die Dinge, die er hineinstopft, klettern immer wieder heraus.
Zum Beispiel der Traum. Letzte Nacht. Im Zelt.
Er bleibt stehen. Presst sich die Handballen auf die Augen, bis er Rauschen sieht.
Er wird nicht an den Traum denken. Er wird nicht an Theos Gesicht im Traum denken, daran, wie der Traum-Theo von unten zu ihm hochgesehen hat, von den Knien aus, mit diesen dunklen Augen, und gesagt hat komm schon, Mase, h?r auf, dich zu verstellen, und er wird ganz bestimmt nicht daran denken, was danach passiert ist, weil es nicht passiert ist. Es war ein Traum.
Von Sporen hergestellt. Chemisch. Falsch.
Sein Schwanz ist halb hart in der Wanderhose und ist es seit Sonnenuntergang, und er will schreien.
Er geht.
Der tiefe Wald wird dichter. Er geht weiter hinein, das wei? er, weg vom See, weg von den Karw?nden, in den Teil des Waldes, wo Orkan Lothar ’99 alles quer gelegt hat und nie jemand aufger?umt hat.
Das Totholz steht stellenweise brusthoch: massige Fichtenst?mme kreuz und quer übereinander wie Knochen in einem Beinhaus, Wurzelteller aus der Erde gerissen und senkrecht aufgerichtet, sechs Meter verfilzte Wurzeln und Erde, in der Form der Gewalt erstarrt, die sie gemacht hat.
Er klettert über einen Stamm. Die Holzhaut ist weich von F?ulnis.
Seine Hand sinkt bis zum Handgelenk ein und kommt mit einem leuchtenden Film heraus, blassgrün, schwach glimmend, und streift ihm die Finger wie Kriegsbemalung.
Er wischt sie an der Hose ab, und es verschmiert, aber geht nicht weg.
Das Leuchten bleibt. Er sieht den Umriss des eigenen Handabdrucks auf dem Oberschenkel, fremd und hell im Rückstreulicht der Stirnlampe.
?Fuck“, sagt er, zu den B?umen, zur Stille, zu niemandem.
Er müsste zurück. Er wei?, dass er zurück müsste.
Der vernünftige Teil seines Hirns (der Teil, der die Prüfung an der Feuerwehrschule bestanden hat, der Teil, der Statik berechnet, w?hrend Decken einstürzen), dieser Teil brüllt ihn an.
Du hast dich verlaufen, Idiot. Du hast kein GPS.
Dein Handy ist gestern gestorben. Du gehst tiefer in einen Wald hinein, der schon bewiesen hat, dass er dich im Kreis führen kann. Dreh um.
Er dreht nicht um.
Weil es da hinten schlimmer ist. Da hinten ist Theos St?hnen durch Zeltw?nde.
Da hinten sind Nolan und Jonah am See, die endlich das tun, wovon au?er offenbar Nolan und Jonah seit Jahren alle wissen.
Da hinten ist Derek, Derek mit seinen Schwimmerschultern und seinem scharfen Kiefer und seinem trockenen verdammten Humor, Derek, der Mason heute Morgen abgepasst und gesagt hat deine Pupillen sind weit, lass mich deinen Puls fühlen und Mason zwei Finger auf die Innenseite des Handgelenks gelegt hat, und Mason h?tte fast. Er h?tte fast.
Er schl?gt gegen einen Baum.
Mit voller Wucht, ohne Handschuh, die Rinde rei?t ihm die Kn?chel auf, und der Schmerz ist eine Erleichterung.
Sauber. Einfach. Schmerz versteht er. Für Schmerz hat er ein Modell.
Wofür er kein Modell hat, ist das, was passiert ist, als Derek sein Handgelenk berührt hat, dieser lebendige Schlag, der von seinem Pulspunkt in die Leiste lief und ihm die Sicht flackern lie?, die Art, wie sein Schwanz in einem Herzschlag von halb hart zu Granit wurde, und der Ausdruck auf Dereks Gesicht (klinisch und wissend und kein bisschen überrascht), der sagte: ja, ich sehe es, du versteckst gar nichts.
Blut l?uft ihm über die Kn?chel. Er sieht zu, wie es im Lampenstrahl tropft.
Leuchtend rot auf grünem Moos. Der Waldboden saugt es sofort auf, das Moos wird dunkler, trinkt, und für eine irre Sekunde k?nnte Mason schw?ren, dass der Boden als Antwort pocht.
Wie ein Herzschlag. Wie eine Zunge, die ihn schmeckt.
Er geht weiter.
Er denkt an Portland. Seine Wohnung. Die Hantelbank in der Garage, den schweren Sack am Deckenbalken, wie sein K?rper ihm Sinn ergibt, wenn er unter einer Langhantel liegt: einfache Physik, Last und Hub, Muskel gegen Schwerkraft.
Er denkt an die letzte Frau, mit der er geschlafen hat, vor drei Wochen, eine Rettungssanit?terin von Wache 9, dunkle Haare, starke H?nde, ein Lachen, das den Raum füllte.
Es war gut. Es war unkompliziert. Er kam, sie kam, er fuhr nach Hause und schlief neun Stunden und wachte auf und wusste genau, wer er war.
Heute Nacht wei? er nicht, wer er ist.
Der Gedanke kommt, und er wischt ihn weg, aber er klebt. Er klebt seit zwei Tagen, diese schleichende Aufl?sung, dieses Gefühl, dass die R?nder von Mason Vogt (fest, tragend, bewehrt) weich werden. Por?s. Dinge hereinlassen, die er sein ganzes erwachsenes Leben lang drau?en gehalten hat.
Zum Beispiel, wie Theo ihn heute Nachmittag angesehen hat.
Kein Flirten (Theo flirtet mit allen, und es bedeutet nichts), sondern etwas jenseits davon.
Etwas Nacktes und Unironisches. Theo hatte Mason nach dem See die nasse Hand auf die blo?e Schulter gelegt, und Masons Haut hatte aufgeleuchtet wie eine Platine, und er hatte Theo so hart weggesto?en, dass Theo stolperte, und für eine kranke, schwindelige Sekunde hatte Mason ihm hinterher gewollt.
Ihn festnageln. Das Bild war fertig angekommen: Theo auf dem Rücken im Schotter, Masons Hand an seiner Kehle, und es war keine Gewalt.
Das war das Problem. Es sah aus wie Gewalt, war es aber nicht, und Mason kennt den Unterschied, weil Gewalt seine zweite Sprache ist und das hier etwas anderes war.
Er geht schneller. ?ste peitschen ihm über die Arme. Es ist ihm egal.
Das Gel?nde f?llt ab. Er steigt in eine Klinge hinunter, so eine Falte in der Landschaft, in der im Frühjahr Wasser l?uft und die Vegetation noch dichter, noch dunkler ist. Farne bis zur Hüfte.
Die Luft ist hier dick, nicht nur warm, sondern strukturiert.
Er spürt sie auf der Haut wie Seide, als atmete jemand ihn aus allen Richtungen gleichzeitig an, und die Sü?e ist überw?ltigend.
Honig und Moos und darunter etwas, das nicht Pflanze ist und nicht Tier, etwas, das sein Stammhirn ohne seine Erlaubnis wiedererkennt und als m?nnlich einordnet.
Sein Magen zieht sich zusammen. Verlangen, nicht übelkeit.
Er bei?t die Z?hne zusammen und drückt sich durch die Farne.
Die Klinge l?uft aus, und er steht auf einer Lichtung.
Oder keiner Lichtung. Einer Gasse. Einer Stelle, an der ein massiger K?rper vor Kurzem genug durchs Gestrüpp gebrochen ist, dass die geknickten St?ngel noch grün sind, noch Saft austreten lassen.
Die Gasse ist zwei Meter breit. Breiter als jeder Wildwechsel.
Die Farne zu beiden Seiten sind nach au?en gebogen, flach gedrückt, wie Vorh?nge, die eine gewaltige Masse beim Durchgehen geteilt hat.
Mason bleibt stehen.
Seine Stirnlampe findet den ersten Baum.