KAPITEL 10 #2

?Das sind keine Armillaria. Ich wei? nicht, was das ist.“ Nolan setzt sich ans Feuer. Seine Stimme ist ruhig, seine H?nde nicht. ?Die Wachstumslinien sind gerichtet. Nicht radial wie eine normale Myzelausbreitung. Sie wachsen in geraden Linien. Auf uns zu.“

Stille. Das Feuer knackt.

?Auf unsere Zelte zu?“ Jonah setzt sich auf.

?Dorthin, wo wir geschlafen haben. Wo unsere K?rper Kontakt mit dem Boden hatten.“ Den Rest sagt Nolan nicht. Er muss nicht. Alle verstehen.

?Heilige Schei?e“, flüstert Theo. ?Wir füttern es.“

?Die Wurzeln reagieren auf organische Verbindungen in unserem Schwei?, abgestorbenen Hautzellen und anderen K?rperflüssigkeiten.

“ Nolan rutscht in den klinischen Modus, weil der klinische Modus das Einzige ist, was zwischen ihm und der Panik steht.

?Es ist nicht ungew?hnlich, dass Pilzf?den auf N?hrstoffquellen reagieren.

Ungew?hnlich sind die Geschwindigkeit und die Gerichtetheit.

Diese Wachstumsrate liegt Gr??enordnungen über allem, was in der Literatur steht.

Und das lineare Wachstumsmuster legt nahe. “ Er h?lt an.

?Legt was nahe?“ Masons Stimme ist flach.

?Absicht.“

Das Wort f?llt wie ein Stein in stehendes Wasser. Absicht. Nicht Instinkt, nicht Tropismus, nicht Chemotaxis. Absicht. Etwas im Boden unter ihren Fü?en entscheidet sich dafür, auf sie zuzuwachsen.

?Das, was ich letzte Nacht im Wald gefunden habe.“ Masons Kiefer ist hart. ?Die Klauenspuren. Der Fu?abdruck. Was da drau?en lebt, h?ngt das damit zusammen? Mit dem Pilz?“

Nolan nickt langsam. ?Ich glaube, die Organismen im Wald und das unterirdische Netz sind Teil desselben Systems. Der Pilz, die Sporen, was da drau?en ist und uns beobachtet. Es ist alles eine Sache.“

?Ein Symbiont“, sagt Derek. ?Die Sporen sind ein Bindungsmechanismus. Ein Weg, um. Was? Zu rekrutieren? Zu domestizieren?“

?Ich wei? es noch nicht.“

?Sehr beruhigend.“

Theo zieht die Beine an die Brust. Er ist der, der zuerst aufgeh?rt hat zu k?mpfen, der gesagt hat, das passiert nun mal, warum so tun als ob, aber selbst Theo sieht jetzt unruhig aus.

Die Ehrlichkeit in ihm ist brutal und geht in beide Richtungen.

Er kann sich ansehen, was er will, aber er kann sich auch ansehen, was Angst macht.

?Die Sporen haben uns ver?ndert“, sagt Theo. ?Uns ge?ffnet. Und jetzt frisst der Wald davon, oder was? Kommt n?her, weil wir ihm gegeben haben, was er wollte?“

?Wir wissen nicht, ob es parasitisch ist“, sagt Nolan. Aber die Worte fühlen sich dünn an.

Jonah rückt n?her zu Nolan. Legt ihm die Hand auf den unteren Rücken. Warm. Fest. Ein Anker. ?Was machen wir?“

?Ich wei? es nicht.“

?K?nnen wir weg?“

Nolan denkt an den Weg, der sie zum See zurückgeführt hat. An den Wald, der sich neu geordnet hat, um sie hierzubehalten. ?Das wei? ich auch nicht.“

Sie sitzen damit. Das Feuer brennt auf Glut herunter, und Mason legt nach, ohne dass ihn jemand bittet, und das Fichtenkronendach über ihnen ist so dicht, dass die Sterne nur in einem schmalen Streifen direkt über ihnen sichtbar sind, wie wenn man vom Grund eines Brunnens nach oben sieht.

?Wir sollten heute Nacht Wache halten“, sagt Mason. ?Was da drau?en ist, kommt auch n?her.“

Niemand widerspricht.

* * *

Nolan übernimmt die zweite Wache. Mitternacht bis drei. Er sitzt auf dem umgestürzten Stamm, den Theo und Derek vorhin beansprucht haben, und starrt in den dunklen Wald und h?rt zu.

Der Bannwald bei Nacht ist nicht still. Er atmet.

Nicht als Bild. Nolan h?rt rhythmische Ausatmungen, Luft, die sich durch das dichte Kronendach bewegt, als h?tte es Lungen.

?ste knarren. Etwas bewegt sich im Unterwuchs, wahrscheinlich Kleinzeug, Waldm?use und R?telm?use, aber jedes Ger?usch wird von der Talakustik der Karw?nde so verst?rkt, dass eine Maus in der Nadelstreu klingt wie ein K?rper, der sich auf schweren Gliedern durchs Dunkel schleppt.

Nolans Lampe schneidet einen dünnen Strahl in die B?ume. Am Rand des Lichts glühen die neuen Pilzformationen. Schwach. Ein kühles Grüngold, das in einem Rhythmus pulsiert, von dem Nolan mit einem Ruck begreift, dass er seinem eigenen Herzschlag entspricht.

Er legt sich die Hand auf die Brust. Z?hlt. Das Glühen pulsiert. Im Takt.

Er h?lt den Atem an. Ver?ndert seinen Herzschlag bewusst, verlangsamt ihn, so wie er es vor Jahren in einem Atemkurs gelernt hat. Das Glühen passt sich an. Zwei Sekunden Verz?gerung, wie ein Signal, das durch das Geflecht l?uft und zurückkommt.

Das Myzel kann seinen Herzschlag spüren.

Es ist im Boden unter seinen Stiefeln. Es hat wahrscheinlich sie alle gespürt, ihre Pulse, ihre Erregung, ihre Angst, ihre Lust, seit sie einen Fu? in den tiefen Wald gesetzt haben.

Ein Sinnesgeflecht, durch den Boden gewoben wie ein Nervensystem, und sie sind darauf herumgelaufen, haben darauf geschlafen, darauf gefickt und ihm mit jedem Schritt Daten über ihre K?rper geliefert.

Nolan müsste entsetzt sein. Ein Teil von ihm ist es.

Aber ein gr??erer Teil, der Biologe, der Forscher, der Mann, der in den Schwarzwald gekommen ist, weil ihn Pilzf?den auf zellul?rer Ebene faszinieren, dieser Teil ist hingerissen.

Er sitzt auf einem Sinnessystem, das ausgefeilter ist als alles in der menschlichen Neurowissenschaft.

Eine verteilte Intelligenz, die über Chemie und Vibration und Licht kommuniziert.

Etwas, das hier war, bevor die R?mer ihn benannten, und das Jahrtausende Zeit hatte, sich zu verfeinern.

Er zieht die Stiefel aus.

Er sollte nicht. Er wei?, dass er nicht sollte. Aber der Wissenschaftler in ihm ist st?rker als der überlebende, war immer st?rker, und er streift die Socken ab und setzt die nackten Fü?e auf den Waldboden.

Das Moos ist warm. Die Erde darunter summt.

Nicht h?rbar. Subsonisch. Ein Beben, das durch die Fu?sohlen eintritt und die Beine hinaufwandert und sich im Becken und in der Brust festsetzt. Es fühlt sich an, als stünde man auf einem lebenden K?rper. Es fühlt sich an, als atmete der Boden unter ihm.

Nolan schlie?t die Augen. Der Ton wird st?rker. Nicht lauter, tiefer. F?llt in der Frequenz, bis er unterhalb der H?rschwelle liegt und Nolan ihn nur noch in den Knochen spürt, in den Z?hnen, in den Kammern seines Herzens.

Und dann, schwach, am ?u?ersten Rand der Empfindung: eine Antwort.

Nicht sein zurückgeworfener Herzschlag. Eine Antwort. Ein anderer Rhythmus. Langsamer. Ungeheuer. Wie der Herzschlag eines Organismus von der Gr??e des Waldes selbst.

Die bernsteinglühenden Pilze flammen heller auf.

Alle gleichzeitig, im Rhythmus dieses gewaltigen langsamen Herzens.

Die B?ume um die Lichtung scheinen sich nach innen zu neigen, sicher eine T?uschung, ein Streich von Feuerlicht und Ersch?pfung, aber Nolan k?nnte schw?ren, dass das Kronendach seit ihrer Ankunft dichter geworden ist. Der Ausschnitt sichtbaren Himmels ist schmaler.

Die B?ume stehen enger. Das Dunkel ist vollst?ndiger.

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