KAPITEL 16 #2
?Nicht.“ Mason starrt ins Feuer. Die goldenen Spuren auf seiner Haut glühen langsam, unabh?ngig von seinem Atem, in einem Rhythmus, von dem Nolan vermutet, dass es Kerns ist. ?Mir geht’s gut. Mir geht’s nicht gut. Ich, ich hab kein Wort für das, was ich bin. Lasst es einfach.“
Fünf M?nner um ein totes Feuer und einen Kaffeetopf. Der See h?lt den Himmel. Der tiefe Wald steht südlich von ihnen wie ein geduldiger Gott. Nolan sieht sie der Reihe nach an und macht Bestandsaufnahme dessen, was aus ihnen geworden ist.
Theo: der Verwandeltste. Die bernsteingrünen Spuren überziehen ihn wie Efeu eine Mauer, am dichtesten an H?nden und Kehle und an den Innenseiten der Handgelenke.
Er sitzt in seiner eigenen Haut mit einer Mühelosigkeit, die ans Katzenhafte grenzt.
Was Splint ihm gegeben hat, oder genommen, es hat eine Unruhe zur Ruhe gebracht, die er sein ganzes Leben mit sich getragen hat.
Derek: k?mpft gegen die Verwandlung und verliert mit Anstand.
Seine Spuren sind pr?zise, konzentriert, Handabdrücke, Fingerabdrücke, eine einzelne Linie über dem Brustbein wie ein Schnitt, in Licht gezeichnet.
Er fasst sie andauernd geistesabwesend an.
Ertappt sich dabei und h?rt auf. Fasst sie wieder an.
Jonah: k?rperlich am wenigsten gezeichnet, emotional am st?rksten ver?ndert.
Seine Spuren sind blass, aus zweiter Hand, übertragen über Nolan, über N?he, über das Sporenfeld in der Luft.
Aber aus seinem Gesicht ist die Spannung verschwunden, die er seit der Verlobung mit sich herumtr?gt.
Die Enge um den Kiefer, die vor der Hochzeit da war, ist weg.
Er sieht aus, denkt Nolan, wie jemand, der endlich aufgeh?rt hat wegzulaufen.
Und Mason. Mason, der golden glüht wie eine Reliquie, heilig und zerst?rt, der mit hochgezogenen Schultern dasitzt, die aufgeplatzten Kn?chel um einen Blechbecher gelegt, und dessen ganzer K?rper eine Frequenz sendet, auf die Nolans eigene Spuren aufflackern.
Theo bricht das Schweigen, weil Theo immer das Schweigen bricht. ?Also. Wir haben jetzt alle B?ume gefickt.“
Derek verschluckt sich am Kaffee. Jonah schl?gt die H?nde vors Gesicht. Masons Mundwinkel zuckt, der Geist dessen, was in einem anderen Leben ein Lachen w?re.
?Genau genommen –“, f?ngt Nolan an.
?Nein.“ Derek hebt eine Hand. ?Kein ?genau genommen‘. Ich bin Notarzt. Ich habe Dinge gesehen. Nichts, nichts in meiner Assistenzzeit hat mich auf das klinische Bild von fünf M?nnern mit leuchtenden Sexmalen vorbereitet.“
?Das sind keine Sexmale“, sagt Nolan. ?Das sind Bindungsspuren.“
Vier Gesichter sehen ihn an. Er kennt diesen Blick. Es ist derselbe, den sie ihm im Studium zugeworfen haben, wenn er auf Partys über Mykorrhiza-Netzwerke abschweifte.
?Erkl?r’s“, sagt Derek. Der Arzt taucht aus dem Wrack auf.
Nolan greift nach dem Feldtagebuch. Schl?gt es bei den Skizzen auf, die er gemacht hat, bevor seine Handschrift versagte: Myzeldiagramme, Karten der Sporenverteilung, seine eigenen groben anatomischen Zeichnungen der Pilzgebilde, denen sie am zweiten Tag begegnet sind.
?Die Waldschrate, ich wei? nicht, wie ich sie sonst nennen soll, sind nicht getrennt vom Wald.
Sie sind Knoten. Das Pilzgeflecht unter dem tiefen Wald ist ein einziger Organismus.
Vielleicht der gr??te einzelne Organismus, den ich je dokumentiert habe.
Es reicht.“ Er h?lt inne. Woher wei? er das?
Er hat es gefühlt. Durch den Boden. Durch Moders Ranken, als sie sich mit seinem Nervensystem verschaltet haben.
?Kilometer. Mindestens. M?glicherweise den ganzen Schwarzwald.
Die Sporen sind nicht reproduktiv, nicht so, wie biologische Organismen sich fortpflanzen.
Sie sind ein Bindungsmechanismus. Sie stellen symbiotische Verbindungen zu kompatiblen Wirten her.
Wir sind die Wirte. Die Waldschrate sind die Schnittstelle an der Oberfl?che.
Sie ern?hren den Wald, der Wald ern?hrt sie, und wir ern?hren jetzt beide. “
?Kompatibel?“ Masons Stimme ist Schmirgelpapier.
?Die Sporen wirken nicht bei jedem. Die neurochemische Kaskade braucht eine schon vorhandene Anlage, Oxytocin-Rezeptordichte, Serotonin-Wiederaufnahmeprofile, Pheromonempfindlichkeit. Es ist nicht zuf?llig. Der Wald hat uns ausgew?hlt.“
?Ausgew?hlt.“ Masons Hand schlie?t sich fester um den Kaffeetopf.
?Ich wei?, wie das klingt.“
?Es klingt irre. Es klingt, als wolltest du mir sagen, dass ein Pilznetzwerk unsere Hirnchemie durchgemustert und entschieden hat, dass wir was sind? Zuchtvieh?“
?Bindungsvieh. Symbiotisch, nicht parasit?r. Sie brauchen biologischen Input von au?en, um die Verbindung zu halten. W?rme. Neurochemie. Menschliche Erregung erzeugt Substanzen, die das Geflecht nicht selbst herstellen kann.“
Derek h?rt mit seinem klinischen Gesicht zu, dem, das Nolan an ihm aus Notaufnahmen kennt, dem, das Informationen verarbeitet, ohne zu reagieren. ?Du beschreibst einen obligaten Mutualismus. Der Wald stellt die Infrastruktur. Die Waldschrate stellen –“
?Wartung. Und die Anbindung an Oberfl?chenorganismen. An uns.“
?Und wir stellen?“
?Biochemischen Input. Der Austausch von bernsteinfarbenem Saft l?uft in beide Richtungen.
Sie nehmen Serotonin, Dopamin, Oxytocin, Substanzen, die ich nicht mal identifizieren kann.
Wir bekommen, was im Saft ist, die Euphorie, die beschleunigte Heilung.
“ Nolan hebt die H?nde. Vor zwei Tagen waren seine Handfl?chen vom Griff in die Rinde aufgerissen.
Jetzt ist die Haut glatt. ?Mutualistisch. Wir geben Biochemie. Der Wald gibt –“
?Die besten Orgasmen in der Geschichte der menschlichen Sexualit?t?“, bietet Theo an.
?Herrgott, Theo“, murmelt Mason.
?Unter anderem“, sagt Nolan. ?Aber es ist mehr als k?rperlich. Die Verbindung bleibt. Wir k?nnen sie spüren. Sie k?nnen uns spüren. Wir sind jetzt eingebunden. Dauerhaft.“
Das Wort f?llt wie ein Stein in einen stillen Teich.
?Dauerhaft“, wiederholt Jonah.
?Die Spuren sind stabil. Die Pilzsubstanzen in unserem Blut bauen sich nicht ab. Ich beobachte meine eigenen Vitalwerte und meine kognitive Funktion, und das hier ist kein vorübergehender Rausch. Das ist etabliert.“
Mason steht auf. Geht fünf Schritte. Bleibt stehen. Nolan sieht zu, wie die goldenen Spuren auf seinem Rücken durchlaufen, heller, dunkler, heller, und fragt sich, ob Kern Masons Unruhe durch die Verbindung spürt. Wahrscheinlich. Ziemlich sicher.
Mason dreht sich um. Sein Gesicht ist entbl??t. Roh. Die Aggression, die früher seine Grundeinstellung war, ist zu einer roheren Ehrlichkeit darunter abgeschliffen worden. ?K?nnen wir gehen?“
?Ich glaube schon. Die Barriere sollte uns w?hrend der Bindung in Reichweite halten. Die Bindung steht jetzt. Ich glaube nicht, dass Entfernung sie brechen würde.“
?Aber wir würden es spüren. Den Sog.“
?Ja.“
Mason sieht nach Süden. Die Hand hebt sich ihm an die Brust und presst sich flach auf das Brustbein, unbewusst, eine Geste, die Nolan in den letzten vierundzwanzig Stunden bei allen gesehen hat. Dort wohnt der Sog. Ein zweiter Herzschlag. Ein Kompass, der in die B?ume zeigt.
?Ich will nicht weg“, sagt Theo. Schlicht. Ohne Drama.
Derek widerspricht ihm nicht. Das allein sagt Nolan alles, was er über Dereks Standpunkt wissen muss.
Jonah greift nach Nolans Hand. Ihre Finger verschr?nken sich. ?Was sagst du uns nicht?“
Nolan hat darauf gewartet, dass jemand fragt. Jonah, natürlich. Jonah liest ihn immer.
?Die Zusammensetzung der Sporen ?ndert sich. Mir ist es heute Morgen aufgefallen. Das Pheromonprofil in der Luft ist anders. Die enthemmenden und erregenden Substanzen nehmen ab. Etwas Neues ersetzt sie.“
?Neu wie?“
?Ich habe nicht die Instrumente, um es sauber zu analysieren.
Aber subjektiv –“ Er h?lt inne. H?rt in den eigenen K?rper hinein, so, wie er es in den letzten achtundvierzig Stunden gelernt hat.
So, wie die Sporen es ihm beigebracht haben.
?Es ist eine gerichtete Substanz. Sie erzeugt ein Gefühl der Anziehung zu einem bestimmten Ort. “
?Tiefer“, sagt Mason. Er sieht immer noch nach Süden.
?Tiefer.“
Nolan sieht sie der Reihe nach an. Theo, der als Erster ging und singend zurückkam.
Derek, der rational hineinging und Theos Hand haltend zurückkam.
Jonah, der überhaupt nicht ging und das Mal trotzdem tr?gt.
Mason, der am l?ngsten gek?mpft hat und am tiefsten gefallen ist. Und sich selbst, Nolan Hale, Wildbiologe, der den F?den ins Dunkel gefolgt ist und etwas gefunden hat, das ihn besser verstand, als er sich selbst verstand.
Fünf M?nner. Fünf verschiedene Wege in dieselbe Ausl?schung.