KAPITEL 16 #3

Der Morgen ist still. Der See spiegelt nichts.

Im tiefen Wald ein Ger?usch, diesmal nicht das ?chzen von Holz, sondern ein Summen, subsonisch, in der Brust gefühlt statt geh?rt.

Alle fünf registrieren es gleichzeitig. Nolan sieht es daran, wie ihre K?rper reagieren: Schultern sinken, der Atem wird tiefer, die Pupillen weiten sich.

Das Summen wohnt im Brustbein, hinter den Rippen, im Raum zwischen zwei Herzschl?gen.

Stadium 5. Der Ruf.

Nolan schreibt die Worte mit einer Hand ins Feldtagebuch, die ruhig ist und von Bernsteinlicht durchzogen. Beginn Stadium 5. Alle fünf Probanden. Gerichteter Sog: Südsüdwest, abfallend. Der Wald ruft uns hinunter.

?Ich spür’s seit dem Morgengrauen“, sagt Theo. Seine Stimme ist vertr?umt. Die Hand presst sich ihm auf die Brust. ?Vorher war der Sog waagerecht. Zu ihnen hin. Durch die B?ume. Das hier ist senkrecht. Es zieht mich runter. In den Boden.“

?Bei mir auch.“ Dereks klinische Maske ist verrutscht. Darunter ist ein Gesicht mit gro?en Augen, jung. ?Es sitzt in den Fü?en. Als würde der Boden mich einladen. Als w?re da unten ein Ort, und er will mich dort haben.“

Jonah drückt Nolans Hand. ?Ist das der Wald oder die, sie?“

?Beides. Die Waldschrate und der Wald sind derselbe Organismus.

Und wir geh?ren jetzt dazu.“ Nolan sieht auf seine mit Jonahs verschr?nkte Hand, beide von verblassendem Bernstein durchzogen, das Licht flie?t an der Berührungsstelle zwischen ihren H?uten hin und her, als h?tte das Glühen selbst gelernt zu springen.

?Ich glaube, unter uns ist eine Struktur.

Unter dem tiefen Wald. Das Wurzelwerk l?uft irgendwo unter dem See zusammen. “

?Woher wei?t du das?“, fragt Derek.

?Moder hat es mir gezeigt. Nicht in Worten. über Berührung, als wir –“ Er beendet den Satz nicht. Muss er nicht. ?Eine Kammer. Unterirdisch. Wo die Wurzelsysteme zusammenkommen. Die Waldschrate wollen, dass wir dorthin gehen.“

Fünf M?nner sitzen mit dieser Information da.

Das Feuer ist zu Glut heruntergebrannt. Das Summen in ihren Brustk?rben ist nicht schw?cher geworden.

Wenn überhaupt, ist es tiefer geworden, genauer, nicht mehr nur eine Richtung, sondern ein Ziel, ein genauer Punkt im dreidimensionalen Raum, unten und südlich und tief unter dem Schwarzwald.

Mason spricht. Seine Stimme ist leise. Die Wut ist weg. Was bleibt, ist etwas, das Nolan noch nie von Mason geh?rt hat: Ehrlichkeit ohne Panzer.

?Ich gehe dahin, wohin dieser Sog mich zieht. Das wei? ich. Ich glaube, ich wei? es seit gestern Nacht. Und ich brauche euch vier, damit ihr mir sagt, dass ich nicht den Verstand verliere.“

?Du verlierst nicht den Verstand“, sagt Theo.

?Tust du nicht“, sagt Jonah.

Derek z?gert. Der Arzt in ihm, das letzte rationale Bollwerk, liefert sich ein kurzes, sichtbares Scharmützel mit dem Mann, der leuchtende Handabdrücke auf der Brust und den Namen eines Wesens im Herzschlag tr?gt.

?Klinisch kann ich es nicht ausschlie?en“, sagt er.

?Ich kann genauso wenig ausschlie?en, dass keiner von uns je klarer im Kopf war. Die Datenlage ist beispiellos.“

?Derek“, sagt Mason.

?Du verlierst nicht den Verstand.“

Das Summen schwillt an. Ein tiefes, langsames Pochen, das durch den Boden wandert und durch ihre Stiefel hinauf und sich in der H?hlung jeder Brust festsetzt. Eine Einladung. Eine Vorladung. Ein Versprechen.

Nolan schl?gt das Feldtagebuch ein letztes Mal auf. Unter den Eintrag zu Stadium 5 schreibt er:

Wir gehen hinunter. Alle fünf. Ich lasse dieses Feldtagebuch am Lagerplatz zurück. Falls es jemand findet: Das ist kein Notruf. Wir sind nicht verirrt. Wir werden gerufen. Wir antworten.

Was auch immer da unten ist, wir gehen zusammen.

Er klappt das Feldtagebuch zu und legt es auf seinen Rucksack. Den Bleistift daneben. Ein Protokoll für wen auch immer nach ihnen kommt, obwohl Nolan vermutet, dass niemand kommen wird. Der tiefe Wald beh?lt das Seine.

Er steht auf. Die anderen stehen mit ihm auf.

Keine Diskussion. Keine Abstimmung. Die fünf setzen sich gemeinsam in Bewegung, so, wie ein Schwarm dreht, nicht weil ein Vogel es entscheidet, sondern weil der Impuls durch alle gleichzeitig geht, übertragen durch das Geflecht unter ihren Stiefeln, durch die Sporen in ihrem Blut, durch die Bindung, um die sie nicht gebeten haben und die sie nicht mehr ablehnen wollen.

Theo geht als Erster, weil Theo immer als Erster geht.

Derek folgt, dann Jonah. Mason h?lt am Waldrand inne und sieht zurück zum Lagerplatz: das tote Feuer, die verstreuten Rucks?cke, Nolans Feldtagebuch obenauf auf seiner Tasche wie ein kleiner Grabstein.

Sein Kiefer arbeitet. Dann dreht er sich um und geht in den tiefen Wald, und die goldenen Spuren auf seiner Haut werden heller, als das Kronendach sich über ihm schlie?t, als w?re der Wald froh, ihn zurückzuhaben.

Nolan geht als Letzter. Er wirft einen letzten Blick auf den See: schwarzes Wasser, grauer Himmel, die Karw?nde, die sich darum erheben wie hohle H?nde. Sch?n und gleichgültig. Ein Ort, der seit tausend Jahren menschliche Geschichten verschluckt und keine davon behalten hat.

Er geht nach Süden. In die B?ume. Hinunter.

Der Schwarzwald schlie?t sich hinter ihnen wie ein Buch.

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