SPORE (Ein Schwarzwald-Roman)

SPORE (Ein Schwarzwald-Roman)

By Sable Locke

KAPITEL 1

FREIBURG

Der Flughafen riecht nach Bodenwachs und umgew?lzter Luft, und Nolan Hale hat seit zweiundzwanzig Stunden nicht geschlafen.

Er steht am Gep?ckband in Basel-Mulhouse, sieht zu, wie die Koffer über das Band purzeln wie K?rper, die einen Hang hinunterrollen, und versucht sich zu erinnern, warum er das für eine gute Idee gehalten hat.

Fünf Tage im Schwarzwald. Fünf M?nner. Eine letzte Reise, bevor Jonah Whitmore eine Frau namens Claire heiratet, die ihren Kombucha selbst ansetzt und Nolan auf Abendgesellschaften ?den Stillen‘ nennt, was zutrifft und ihm trotzdem Lust macht, die Faust durch eine Rigipswand zu schlagen.

Seine Reisetasche kommt. Armeegrün, an einer Ecke mit Panzertape geflickt. Er greift sie sich, dreht sich um, und Mason Vogt kommt auf ihn zu wie ein L?schfahrzeug.

?Hale.“ Mason klatscht ihm beide H?nde auf die Schultern, fest genug, um Wirbel neu zu sortieren. ?Du siehst aus wie durchgekaut und wieder ausgespuckt.“

?Ich bin Economy geflogen. Ab Portland.“

?H?ttest upgraden sollen.“

?Von einem Wildbiologengehalt.“

Mason grinst. Er braucht mehr Platz, als sein K?rper eigentlich beansprucht.

Eins dreiundachtzig, gebaut wie ein Seecontainer, der rotbraune Bart kurz gehalten, Unterarme, die aussehen, als w?ren sie in einer Werkstatt zusammengesetzt worden.

Er tr?gt schon Cargoshorts und Trailrunner, als k?nnte der Schwarzwald sie am Zoll überfallen.

?Wo ist der Br?utigam?“, fragt Mason.

Nolan nickt zum anderen Ende des Terminals, wo Jonah Whitmore steht, einen Arm um Derek Yoon gelegt, in der anderen Hand das Handy am Ohr.

Er lacht über irgendetwas. Natürlich lacht er.

Jonah lacht immer. Eins einundneunzig, goldbraune Haut, Schultern, breit genug, um auf jede einen Mantel zu h?ngen.

Er bewegt sich durch die Welt, als w?re die Welt um seine Ma?e herum entworfen worden, und Nolan sieht ihm seit zehn Jahren dabei zu und sagt nichts darüber, was ihn dieses Zusehen kostet.

H?r auf damit.

Er h?rt damit auf.

?Er telefoniert mit Claire, seit wir gelandet sind“, sagt Derek und steht pl?tzlich an Nolans Ellbogen.

So bewegt Derek sich. Leise, sparsam, auf einmal da.

Schwimmerfigur, scharfer Kiefer, das Haar kurz geschnitten.

Er ist Notarzt in Seattle und tr?gt die kontrollierte Ruhe von jemandem, der in einen offenen Brustkorb gesehen und ihn langweilig gefunden hat.

?Ich gebe ihm drei Minuten, bis Mason ihm sagt, er soll auflegen. “

?Zwei“, sagt Nolan.

Es dauert neunzig Sekunden. Mason durchquert das Terminal in vier Schritten, pflückt Jonah das Handy aus der Hand und sagt: ?Claire. Er geh?rt uns für fünf Tage. Du kriegst den Rest seines Lebens. Abgemacht?“ Er legt auf, bevor sie antworten kann.

Jonah starrt ihn an. Dann lacht er, dieser Laut aus dem ganzen K?rper, der in der Brust anf?ngt und nach au?en rollt, und Nolan spürt ihn in den Rippen wie eine Stimmgabel, die man gegen Knochen geschlagen hat. Er sieht weg. Studiert die Abflugtafel. Studiert sie gründlich.

?Wo ist Theo?“, fragt Derek.

Wie von der Frage herbeigerufen, taucht Theo Varga aus Richtung Duty-free auf, mit einer Tüte, die klirrt.

Eins fünfundsiebzig, drahtig, dunkle Locken, von einer Sonnenbrille zurückgeschoben, die er drinnen nicht braucht, T?towierungen, die beide Unterarme hinaufklettern.

Links eine Schlange, rechts ein Dom, dazwischen sortiertes Chaos.

Er ist mit siebenundzwanzig der Jüngste und tr?gt es, als h?tte ihn noch nie besch?ftigt, der Jüngste in einem Raum zu sein.

?Meine Herren.“ Er hebt die Tüte. ?Ich bringe J?germeister und ausgesprochen schlechte Entscheidungen.“

?Es ist zehn Uhr morgens“, sagt Derek.

?Es ist Jonahs Junggesellenabschied.“

?Es ist eine Wandertour.“

?Derek.“ Theo legt ihm eine Hand auf die Schulter. ?Mein sch?ner, verklemmter Freund. Es kann beides sein.“

* * *

Sie mieten einen Bus bei einem Verleih in der N?he des Freiburger Hauptbahnhofs, einen grauen Mercedes Sprinter, der nach dem Urlaub von jemand anderem riecht.

Nolan f?hrt, weil Nolan immer f?hrt. Er hat die Route geplant, die Genehmigungen besorgt, Wanderkarten mit seinen Forschungsnotizen zur Pilzdichte in europ?ischen Altbest?nden abgeglichen.

Diese Reise ist halb Junggesellenabschied und halb Feldarbeit, und nur Nolan wei?, dass sich das Verh?ltnis seit Monaten in Richtung Feldarbeit verschiebt.

Freiburg breitet sich im Rückspiegel aus, rotgedeckt, mittelalterlich, unm?glich sauber.

Eine Universit?tsstadt, an den Westrand des Schwarzwalds geschoben wie ein letzter Vorposten, bevor die B?ume alles verschlucken.

Die Turmspitze des Freiburger Münsters f?ngt die sp?te Vormittagssonne, dann steigt die Stra?e, und die Stadt f?llt zurück.

Die B31 l?uft nach Osten. Die Berge fangen an.

?Erkl?r’s mir noch mal“, sagt Jonah vom Beifahrersitz. Er hat sich zur Seite gedreht, ein Knie hochgezogen, diese lockere Haltung, die er seit dem Studium hat, wenn er auf dem Boden von Nolans Studentenzimmer sa? und bis zwei Uhr nachts über nichts redete. ?Den Plan.“

?Wir fahren ins H?llental. Morgen durchs Tal. Neun Kilometer, immer am Rotbach entlang. An einer Stelle, die Hirschsprung hei?t, verengt sich das Tal auf etwa neun Meter.“

?Und das hei?t?“

?Eine Sage. Ein Hirsch, von einem J?ger gehetzt, ist dort über die ganze Schlucht gesprungen. Die W?nde sind an der Stelle hundertdrei?ig Meter hoch.“

?Vierhundert Fu?“, sagt Derek von hinten, weil Derek alles umrechnet.

?Dann sto?en wir nach Osten in den Bannwald vor. Schutzgebiet. Keine Wege, kein Netz, Fichten- und Tannenaltbestand. Auf der anderen Seite liegt ein Karsee, der Feldsee. Da lagern wir.“

?Und was machst du da eigentlich?“, fragt Mason. Er ist in die hintere Ecke geklemmt, den Rucksack zwischen den Knien. ?Mit den Pilzen oder was das ist.“

?Pilznetze.“ Nolan f?ngt sich, bevor er in den Vorlesungsmodus kippt. ?Die unterirdischen Wurzel-Pilz-Systeme, die B?ume miteinander verbinden. Der Schwarzwald hat einige der ?ltesten in Europa. Ich nehme Proben, kartiere Dichtemuster, dokumentiere auff?lligen Wuchs.“

?Atemberaubend“, sagt Mason.

?Du kannst gern in Freiburg bleiben und trinken.“

?Ich kann gern beides.“

Theo, quer über die mittlere Bank gefl?zt, die Fü?e in Dereks Scho? (Derek hat die Fü?e nicht zur Kenntnis genommen, so geht Derek mit Theo um), macht den J?germeister auf. ?Auf Jonah“, sagt er. ?Der letzte freie Mann. Noch fünf Tage.“

?Vier“, korrigiert Jonah. Er nimmt die Flasche, trinkt, reicht sie an Nolan weiter.

Nolan trinkt. Das Lakritzbrennen l?uft die Kehle hinunter und setzt sich. Er reicht die Flasche zurück, ohne auf Jonahs Hand zu sehen, auf die gebr?unten Finger, auf den Ringfinger, der noch leer ist, weil der Ehering in Portland liegt und graviert wird.

Die Stra?e wird schmaler. Fichten dr?ngen an die Bankette, achtzehn Meter hoch, ihr Kronendach schlie?t sich über der Fahrbahn wie ein Kiefer. Das Sonnenlicht geht innerhalb eines Kilometers von Gold in Graugrün über.

?Herrgott“, sagt Theo und setzt sich auf. ?Der ist wirklich schwarz.“

Er hat nicht unrecht. Die Dichte ist ungeheuerlich.

Nolan wusste es theoretisch, aus Satellitenbildern und Kronendachanalysen, aber hineinzufahren ist etwas anderes.

Die B?ume stehen so eng, dass ihre unteren ?ste aus Lichtmangel abgestorben sind; zurück bleiben nackte St?mme wie S?ulen in einem Dom, den niemand gebaut hat.

Das Kronendach darüber ist eine einzige Masse, undurchdringlich, und darunter wird die Welt zu dauerhafter D?mmerung.

Silva Nigra. Die R?mer haben ihn so genannt, weil die Sonne den Boden nicht erreichte. Zweitausend Jahre sp?ter hat sich nichts ge?ndert.

?Je tiefer wir reinfahren, desto dichter wird es“, sagt Nolan. ?Manche Abschnitte haben seit Jahrhunderten kein direktes Sonnenlicht gesehen.“

?Super“, sagt Mason. ?Genau das wollten wir.“

?Du hast das ausgesucht, Mann“, sagt Jonah.

?Nolan hat das ausgesucht. Ich hab Vegas ausgesucht. Wir k?nnten jetzt in Vegas sein.“

?Wir k?nnten jetzt in Vegas sein“, echot Theo, aber er klebt am Fenster und starrt in die B?ume, und in seinem Gesicht liegt etwas, das Nolan wiedererkennt, weil er es auch spürt.

Ein Sog. Nicht auf etwas Bestimmtes hin.

Einfach nach innen. Der Wald tut, was der Wald tut: Er zieht den Blick tiefer, als er gehen sollte.

* * *

Sie halten in Hinterzarten, um Ausrüstung zu leihen. Ein kleiner Ausrüster an der Hauptstra?e, geführt von einer Frau Mitte sechzig mit stahlgrauem Haar und der Haltung von jemandem, der jeden Weg in Baden-Württemberg gegangen ist und keinen für ausreichend befunden hat.

Nolan wickelt das Gesch?ft in passablem Deutsch ab, w?hrend die anderen durch den Laden treiben und Wanderst?cke und Packs?cke mit der ziellosen Neugier von M?nnern betasten, die Meinungen über Ausrüstung haben, aber keine Ahnung.

Mason nimmt ein Beil und schwingt es probeweise.

Derek liest die Zutatenliste auf einer Packung gefriergetrocknetem Risotto.

Theo setzt eine Mütze in Hirschform auf und macht ein Selfie.

Jonah steht am Fenster und sieht nach Osten.

Nolan sieht ihn an. Das Licht fasst Jonahs Profil, den kr?ftigen Kiefer, die kleine Falte zwischen den Brauen, die da ist, seit er vor acht Monaten die Verlobung bekannt gegeben hat.

Ruhelos. Das ist das Wort. Jonah Whitmore ist ruhelos, und es wird schlimmer, je n?her die Hochzeit kommt, nicht besser.

?Alles okay?“, fragt Nolan und tritt neben ihn ans Fenster.

Jonah dreht sich um. L?chelt. Es kommt nicht bei den Augen an. ?Ja. Ist nur komisch, so weit weg von zu Hause, wei?t du? Claire wollte mit. Ich hab ihr gesagt, es ist eine M?nnertour.“

?Es ist eine M?nnertour.“

?Ich wei?. Ich…“ Er bricht ab. F?hrt sich mit der Hand über den Nacken, eine Geste, die Nolan tausendmal gesehen hat, eine Geste, die hei?t, dass Jonah gleich etwas Wahres sagt und es dann doch nicht tut. ?Fünf Tage kommen mir lang vor.“

If ads affect your reading experience, click here to remove ads on this page.