KAPITEL 1 #2

?Wir müssen nicht alle fünf machen. Wir k?nnen nach drei abbrechen, wenn…“

?Nein.“ Jonah legt ihm die Hand auf die Schulter. Drückt zu. L?sst sie liegen. ?Ich will hier sein. Ich will mit euch hier sein.“

Der Druck h?lt eine Sekunde l?nger, als er sollte.

Nolan spürt jeden einzelnen Finger durch das Hemd.

Dann nimmt Jonah die Hand weg und wendet sich zurück zum Fenster, und Nolan steht da, mit der Phantomw?rme dieses Griffs auf dem Trapezmuskel, und hasst sich mit einer Pr?zision, die nur ein Jahrzehnt übung hervorbringt.

Er liebt Jonah Whitmore. Seit dem zweiten Studienjahr, als Jonah nach einer Party auf seiner Couch einschlief und Nolan drei Stunden lang daneben auf dem Boden sa?, ihm beim Atmen zusah und mit pl?tzlicher, vernichtender Klarheit begriff, dass er am Arsch war.

Er hat nie ein Wort gesagt. Nicht zu Jonah.

Zu niemandem. Er geht mit Frauen aus, ist mit Frauen ausgegangen, und er macht das ordentlich, funktional, ausreichend.

Er kann die mechanische Arbeit der Heterosexualit?t erledigen wie alles andere: kompetent, ohne Leidenschaft, mit der grimmigen Effizienz eines Mannes, der einen Vertrag erfüllt, an dessen Unterschrift er sich nicht erinnert.

Aber Jonah. Jonah ist die Variable, die er nicht kontrollieren kann. Jonah ist der Datenpunkt, der jedes Modell zerlegt.

Die Ladeninhaberin bringt die Leihrucks?cke an den Tresen: fünf Vierzig-Liter-Deuter, fünf Isomatten, zwei Dreimannzelte, ein Kochset.

Nolan prüft alles zweimal. Er kontrolliert Rei?verschlüsse und Zeltstangen.

Das ist es, was er tut. Er organisiert Logistik, damit er keine Gefühle organisieren muss.

?Alles gut?“, fragt die Frau.

?Ja, danke.“ Er z?gert. ?Wir gehen in den Bannwald. ?stlich vom H?llental, Richtung Feldsee.“

Ihr Gesicht ver?ndert sich, kaum merklich: ein Zusammenziehen um den Mund, ein winziges Schmalerwerden der Augen. ?Der Bannwald ist gesperrt.“

?Wir haben Genehmigungen.“

?Genehmigungen.“ Sie sagt das Wort, als reiche es nicht.

?Der Bannwald ist nicht dasselbe wie die Wege.

Da gibt es keine Zeichen. Keinen Empfang.

Der Wald dort ist…“ Sie sucht nach dem Wort.

?Nicht bewirtschaftet. Nach dem Orkan Lothar, neunundneunzig.

Zwanzigtausend Hektar, die haben sie liegen lassen.

Alles, was gefallen ist, alles, was gewachsen ist, sie haben es liegen lassen. “

?Ich wei?. Deswegen erforsche ich ihn.“

Sie sieht ihn lange an. Dann greift sie hinter den Tresen und holt eine Karte hervor.

Keine Touristenkarte. Ein topografisches Blatt, mit Bleistift von Hand erg?nzt.

?Der Weg zum Feldsee geht hier.“ Sie zieht eine Linie nach.

?Wenn Sie den See erreichen, bleiben Sie am Südufer.

Die Karwand im Norden, die Wurzelsysteme, die sind nicht stabil. “

Nolan nimmt die Karte. ?Danke.“

?Der Wald ist alt“, sagt sie. ??lter als die Wege. ?lter als die Stra?en. Ihre Genehmigungen interessieren ihn nicht.“ Sie sagt es ohne Melodram, als Feststellung, so wie man anmerkt, dass Wasser nass ist oder Feuer brennt.

* * *

Sie laden den Bus und fahren nach Osten. Die Stra?e verf?llt, Asphalt zu Schotter zu festgefahrener Erde. Die B?ume rücken n?her. Das GPS verliert das Signal, findet es, verliert es wieder.

Mason macht den J?germeister auf. Theo verbindet sein Handy mit dem Bluetooth des Busses und spielt etwas Deutsches, Elektronisches, das klingt wie eine vertonte Panikattacke.

Derek protestiert. Mason überstimmt ihn.

Jonah vermittelt. Das ist die Dynamik. Das ist die Dynamik seit ihrem zweiten Semester an der Oregon State, als fünf Erstsemester auf demselben Flur der Finley Hall landeten und in eine Umlaufbahn fielen, die seit zehn Jahren h?lt, durch Abschlüsse und Umzüge und Berufswechsel und Masons Scheidung und Theos drei Monate in etwas, das er hartn?ckig ?eine Wellness-Einrichtung‘ nennt, und Dereks Assistenzzeit, die ihn in drei Jahren um sechs hat altern lassen.

Sie sind, denkt Nolan, die wichtigsten Menschen in seinem Leben.

Alle vier. Und einer von ihnen wird demn?chst der Ehemann von jemandem sein, und Nolan hat sie alle nach Deutschland gefahren, um fünf Tage in einem Wald zu verbringen, den er von Satelliten aus studiert hat, weil ihm kein anderer Weg eingefallen ist, sich zu verabschieden.

Die Stra?e endet an einem Wanderparkplatz. Ein Holzschild, eingeschnittene Buchstaben:

WANDERPARKPLATZ H?LLENTAL

Nolan parkt den Bus. Sie verteilen das Gewicht, Ausrüstung nach Packvolumen und K?rpermasse, weil Nolan eine Tabelle gemacht hat.

Mason tr?gt am meisten. Theo tr?gt den J?germeister.

Derek tr?gt die Erste-Hilfe-Ausrüstung, die er selbst gepackt hat und die vollst?ndiger ist als die mancher Rettungswagen.

Sie stehen am Ausgangspunkt in einem lockeren Halbkreis. Fünf M?nner, fünf Rucks?cke, und vor ihnen ?ffnet sich der Taleingang wie ein Schlund.

?Letzte Chance“, sagt Mason. ?Vegas.“

?Gehen“, sagt Jonah.

Sie gehen.

Nach fünfzig Metern schlie?t sich das Kronendach über ihnen.

Die Temperatur f?llt um fünf Grad. Das Ger?usch der Stra?e, dieses dünne Grundbrummen der Zivilisation, verschwindet, als h?tte jemand es abgeschaltet, und an seine Stelle treten Wind in den Fichten, das ferne Schlagwerk von Wasser auf Stein und etwas unter diesen beiden Ger?uschen, das Nolan nicht bestimmen kann.

Eine tiefe Vibration. Kein Summen. Kein Dr?hnen.

Etwas, das man mehr fühlt als h?rt, Bass durch einen Fu?boden, lauter Druck und keine Tonh?he.

Er legt es ab. Akustische Eigenschaften des Tals. Echoverzerrung. Es wird eine Erkl?rung geben.

Es gibt immer eine Erkl?rung.

Der Weg f?llt ins H?llental ab, und die fünf folgen ihm hinunter, und hinter ihnen steht der graue Mercedes Sprinter auf dem Schotterplatz, den Schlüssel in Nolans linker Hosentasche, und über ihnen zieht sich das Kronendach zu wie ein Vorhang, und irgendwo vor ihnen, weit vor ihnen, tiefer, als Wege reichen, tiefer, als Genehmigungen erlauben, tiefer, als Nolans Satellitenbilder je aufgel?st haben, atmet der Waldboden aus.

Aber das spüren sie noch nicht.

Noch nicht.

If ads affect your reading experience, click here to remove ads on this page.