KAPITEL 2
H?LLENTAL
Das Tal verschluckt sie in Etappen.
Zuerst verengt sich der Himmel: ein Streifen Grauwei? zwischen den Talw?nden, breit genug, um offen zu wirken, dann halb so breit, dann noch einmal halb so breit.
Der Weg folgt dem Rotbach, der kein Fluss ist, sondern ein kontrollierter Wutanfall aus Schmelzwasser, der durch Bl?cke von der Gr??e eines Volkswagens schl?gt.
Das Ger?usch ist ungeheuer, ein dauerndes wei?es Tosen, das jedes Gespr?ch zur Frage der Lautst?rke macht.
Nolan sieht zu, wie die Talw?nde zu beiden Seiten steigen.
Der Fels ist dunkler Gneis, von Quarzadern durchzogen, die das dünne Licht auffangen und in kalten Blitzen zurückwerfen.
Jonah geht vorneweg. Er geht immer vorneweg.
Das entscheidet niemand; das ist Gravitation.
Jonah bewegt sich, und die Leute fallen hinter ihm ein, wie Wasser einer Rinne folgt.
Sein Schritt ist lang und leicht, und er schwingt die Wanderst?cke im unbewussten Takt eines Mannes, dessen K?rper nie ein Problem war, das er l?sen musste.
Nolan geht als Zweiter. Auch das ist Gravitation.
Hinter ihnen: Derek, dann Theo, dann Mason als Schlusslicht, weil Mason niemandem folgt, aber den Rücken deckt und den Wald herausfordert, es mit ihm zu versuchen.
?Wie weit bis zur Engstelle?“, ruft Jonah nach hinten.
?Vier Kilometer.“ Nolan sieht aufs GPS. Das Signal stottert, zwei Balken, ein Balken, das kleine Dreieck dreht sich suchend. ?Vielleicht fünf. Hinter der Ravennabrücke wird das Tal enger.“
?Hinter was?“
?Ein Viadukt. Eisenbahnviadukt. 1887. Vierzig Meter über uns.“
Zwanzig Minuten sp?ter gehen sie darunter hindurch.
Ein gewaltiger Steinbau, der sich über ihnen spannt, die Gleise rostig bis zur Farbe von altem Blut, das Ganze pelzig von Moos und Flechten, als fr??e der Wald es langsam auf.
Mason pfeift, und der Ton springt von den Talw?nden zurück, gebrochen, vervielfacht, falsch. Drei Echos, wo eines sein sollte.
?Die Akustik hier drin ist bizarr“, sagt Derek. Er bleibt stehen. Klatscht einmal in die H?nde. Der Schall prallt von der linken Wand ab, von der rechten, nach oben, und kommt als stotternder Ausbruch zurück, der fast nach Sprache klingt.
?Lass das“, sagt Theo.
?Warum?“
?Weil es klingt, als würde eine Stimme antworten.“
Derek verdreht die Augen. Aber er klatscht nicht noch einmal.
* * *
Der Weg steigt. Nicht steil – das H?llental ist ein allm?hlicher Anstieg, der dem Gef?lle des Bachs rückw?rts folgt –, aber stetig, und binnen einer Stunde verdienen die Rucks?cke ihr Gewicht.
Nolans Hemd ist feucht zwischen den Schulterbl?ttern.
Vor ihm gl?nzt Jonahs Nacken. Die goldbraune Haut dunkelt nach, wo sich am Haaransatz Schwei? sammelt, und ein einzelner Tropfen l?uft die Sehne an der linken Halsseite hinunter, und Nolan sieht ihm nach und zwingt sich dann aufzuh?ren, weil es eine Grenze gibt, bis zu der die überwachung fremden Schwei?es noch als beil?ufig durchgeht.
Stattdessen holt er das Feldtagebuch heraus. Kleines Moleskine, wasserfest. Er schreibt im Gehen, die Handschrift eng und exakt:
H?llental, 560 m ü. NN. Talw?nde überwiegend Paragneis, variszisches Grundgebirge.
Kronendachdeckung ca. 85 % trotz Talausrichtung.
Dominante Arten: Picea abies, Abies alba, in unteren Lagen Fagus sylvatica.
Moosdichte auf freiliegenden Felsfl?chen deutlich h?her als erwartet.
M?glicher Indikator für erh?hte Feuchte jenseits normalen Auwaldeinflusses.
Wissenschaft. Die Sprache der Kontrolle. Nolan schreibt darin, wie andere Leute beten, um einer Welt Ordnung aufzuzwingen, die sich dagegen sperrt.
?Du führst Tagebuch“, sagt Theo und ist pl?tzlich an seiner Schulter. Theo bewegt sich durch eine Gruppe, wie sich eine Kugel durch einen Flipperautomaten bewegt: abprallend, unberechenbar, auf einmal neben dir. ?Was schreibst du? ?Liebes Tagebuch, die B?ume sind hoch und ich habe Gefühle.‘“
?Geologische Beobachtungen.“
?Also Gefühle über Steine.“
?Geh Mason nerven.“
?Mason hat gedroht, mich in den Bach zu werfen, wenn ich noch mal seinen Rucksack anfasse.“
?Dann nerv Derek.“
?Derek macht dieses Ding, wo er sich im Gehen den Puls misst. Ich glaube, er nimmt ihn gegen seine Schrittzahl.
Das ist beunruhigend.“ Theo f?llt in Nolans Schritt.
Seine Energie ist anders als die der anderen.
Zappelig, ruhelos, die Finger immer in Bewegung, trommelnd auf dem Oberschenkel oder dem Wanderstock oder der n?chstbesten Fl?che.
Aber seine Augen sind scharf. ?Darf ich dich was fragen? “
?Kann ich dich daran hindern?“
?Ist mit Jonah alles okay?“
Nolans Stift h?lt mitten im Strich an. ?Wie meinst du das?“
?Ich meine, er hat Claire vor neun Monaten einen Antrag gemacht und ist seitdem jeden Monat verspannter geworden. Er redet nicht über die Hochzeit, au?er jemand fragt. Wenn jemand fragt, wechselt er innerhalb von zwei S?tzen das Thema. Und er sieht dich an, als w?rst du…“ Theo bricht ab.
?Als w?re ich was.“
?Wei? ich nicht. Als w?rst du der letzte Mensch auf der Welt, den er entt?uschen will.“
Der Stift l?uft weiter. Die Linie ist gerader, als sie sein sollte, hart ins Papier gedrückt. ?Mit Jonah ist alles in Ordnung. Nervosit?t vor der Hochzeit. Hat jeder.“
?Meine Schwester nicht. Die war selig. Zum Kotzen, ehrlich gesagt.“
?Deine Schwester hat keinen Mann geheiratet, den sie achtzehn Monate kannte.“
?Berechtigt.“ Theo ist genau vier Sekunden still, was ein pers?nlicher Rekord sein k?nnte. ?Dir ist klar, dass er diese Tour deinetwegen ausgesucht hat, oder? Nicht den Wald. Dich.“
?Er hat sie ausgesucht, weil ich sie vorgeschlagen habe.“
?Nolan.“ Theos Stimme l?sst die aufgesetzte Leichtigkeit fallen. Was darunter liegt, ist vorsichtiger, wissender. ?Er hat sie ausgesucht, weil du dabei sein würdest. Benutz mal dein gro?es Wissenschaftlerhirn.“
Dann ist Theo weg, hüpft nach vorn, um Mason wegen des Beils am Rucksack zu piesacken, und Nolan bleibt mit einem Satz im Feldtagebuch zurück, der ins Nichts ausl?uft, und mit einer Pulsfrequenz, die seine eigene Disziplin nicht herunterbekommt.
* * *
Der Hirschsprung.
Das Tal verengt sich auf neun Meter.
Nolan hat darüber gelesen. Die engste Stelle im H?llental, wo sich die Talw?nde zueinander neigen wie Verschw?rer und der Himmel zu einem Riss wird.
Drei?ig Meter über dem Weg hockt ein Bronzehirsch auf einem Felsband und erinnert an die Sage: ein Hirsch, von einem J?ger verfolgt, sprang hier über die ganze Schlucht. Der Hirsch entkam. Der J?ger stürzte.
Darunter zu stehen, l?sst Nolan die Sage anders verstehen, als er sie auf dem Papier verstanden hat.
Die W?nde hier verengen sich nicht nur. Sie drohen.
Der Gneis ist dunkler, nasser, die Oberfl?che in ihrer Textur fast organisch, und der Streifen Himmel darüber ist so dünn, dass es sich anfühlt, als k?nnte sich das Tal ganz schlie?en, als stünde man in einem Schlund, der noch überlegt, ob er schluckt.
?Neun Meter“, sagt Derek und sieht nach oben. Seine Stimme ist flach, klinisch, aber die Hand umklammert den Wanderstock so fest, dass die Kn?chel wei? werden. ?Das ist schmaler als meine Wohnung.“
?Deine Wohnung ist elf Meter breit?“, fragt Mason.
?Meine Wohnung ist ein Einzimmerappartement in Capitol Hill. Elf Meter w?ren fürstlich.“
Jonah legt den Kopf in den Nacken. Der Bronzehirsch f?ngt den Lichtsplitter, und einen Moment lang sieht er weniger nach Denkmal aus als nach Warnung. Ein Tier, mitten im Sprung eingefroren, verzweifelt, das letzte Bild vor Flucht oder Aufprall.
?Ich mag das hier nicht“, sagt Jonah leise.
?Das Tal?“
?Das Gefühl.“ Er rollt die Schultern. ?Als h?tte sich der Luftdruck ge?ndert.“
Nolan sieht auf die Uhr. Der H?henmesser zeigt 620 Meter. Stimmt. Der barometrische Druck ist normal. Er sieht noch einmal hin. Der Wert ist normal. Es gibt keinen atmosph?rischen Grund für das, was Jonah beschreibt.
Aber Jonah hat recht. Etwas an der Luft hat sich ge?ndert.
Nolan hat es vor fünfzehn Minuten bemerkt und unter anstrengungsbedingter Wahrnehmungsverschiebung abgelegt, aber diese Einordnung tr?gt jetzt nicht mehr.
Die Luft ist dicker. Nicht feucht. Dick.
Sie sitzt anders in der Lunge. Braucht eine halbe Sekunde l?nger, bis sie wieder drau?en ist.
Und da ist ein Geruch.
Schwach. So schwach, dass Nolan ihn unbewusst abgelegt hat, wie er im Gel?nde jede beil?ufige Geruchsinformation verarbeitet: Moos, nasser Fels, zersetzendes organisches Material, Bachmineral, Fichtenharz.
Alles erwartbar. Aber darunter, hineingeflochten wie ein Faden in ein Seil, eine Sü?e.
Honigverwandt, aber kein Honig. Blumig, aber keine Blume, die er benennen kann. Ein warmer Geruch an einem kalten Ort.
Er schreibt: Anomale Geruchssignatur am Hirschsprung. Schwach. Sü?. Keiner bekannten lokalen Flora zuzuordnen. M?glich: G?rung organischen Materials in zirkulationsarmer Tallage. Vermerkt zur weiteren Untersuchung.
?Weiter“, sagt er. ?Hinter der Stelle wird das Tal breiter.“
* * *
Es wird breiter. Aber nicht so, wie Nolan es erwartet hat.
Hinter dem Hirschsprung steigt der Weg in einer Reihe von Kehren, die in die n?rdliche Talwand geschlagen sind.
Das Tal ?ffnet sich. Die B?ume kommen zurück, Fichte und Tanne, aber sie haben hier einen anderen Charakter.
?lter. Die St?mme sind m?chtiger, manche mit drei Metern Umfang, was sie auf mindestens vierhundert Jahre bringt.
Die Holzhaut ist tief gefurcht, fast schwarz, und die unteren ?ste sind dicht mit einer blassen Flechte bewachsen, die er nicht kennt.
Er bleibt stehen. Kniet sich hin. Bringt das Gesicht nah an den n?chsten Stamm.