KAPITEL 2 #2

Die Flechte ist gew?hnlich. Usnea, vermutlich U.

longissima, die Bartflechte, in europ?ischen Bergw?ldern verbreitet.

Aber durch sie hindurch, zwischen die blassen Str?nge gef?delt, w?chst ein v?llig anderer Organismus.

Ein Pilzk?rper, f?dig, schwach lumineszierend.

Nicht leuchtend, nicht genau. Eher so, wie bestimmte Minerale unter UV-Licht fluoreszieren, nur dass es hier keine UV-Quelle gibt. Nur das trübe Graugrün des Waldbodens.

Nolan zieht ein Probenbeutelchen aus der Jackentasche.

Pinzette. Er nimmt ein kleines Stück, verschlie?t es, h?lt es hoch.

Die F?den sind bernsteinfarben. Unter Vergr??erung – er hat eine Handlupe dabei, natürlich hat er das – ist die Struktur anders als alles in seinem inneren Katalog.

Nicht ganz Hyphen. Nicht ganz Wurzeln. Das Verzweigungsmuster ist zu regelm??ig, sieht zu absichtsvoll aus, eher wie Kapillaren in Gewebe als wie die zuf?llige Ausbreitung eines Pilzes.

?Nolan.“ Mason, weiter oben am Weg. ?Du machst das Ding.“

?Welches Ding?“

?Das Ding, wo du vor einem Baum kniest und wir anderen rumstehen und uns fragen, ob wir dich lieber allein lassen sollten.“

?Zwei Minuten.“ Er nimmt eine zweite Probe. Fotografiert beide mit dem Handy. Der Zeitstempel zeigt 14:37. Der GPS-Stempel zeigt Kein Signal.

Er prüft das Handy. Kein Balken. Keine Daten. Er ?ffnet die Kompass-App. Sie dreht sich, unsicher, und bleibt auf einer Richtung stehen, die nicht stimmen kann. Südost, wo sie nach Osten gegangen sind.

?Hat jemand Empfang?“, ruft er.

Vier Handys kommen zum Vorschein. Vier Displays werden geprüft.

?Tot“, sagt Derek.

?Auch nicht“, Theo.

?Nichts“, Jonah.

Mason h?lt sein Handy h?her, als k?nnten die zwanzig Zentimeter mehr etwas helfen. Sie helfen nichts. ?Wahrscheinlich die Talw?nde. Wir kriegen ihn wieder, wenn wir rausklettern.“

?Wahrscheinlich“, sagt Nolan. Aber das Tal hat sich ge?ffnet.

Die W?nde stehen hier fünfzig Meter auseinander, und sie sind über dem tiefsten Abschnitt.

Das Signal müsste zurückkommen. Er legt es neben den sü?en Geruch und den anomalen Luftdruck und die glühenden F?den.

Datenpunkte, die noch kein Muster ergeben.

* * *

Sie steigen noch eine Stunde. Der Weg, sofern man ihn so nennen kann, wird zur Andeutung.

Eine ausgetretene Linie durch die Krautschicht, die kommt und geht wie ein Radiosignal.

Das Kronendach über ihnen hat Totalit?t erreicht: kein einziger Fleck direkter Himmel, nur eine ununterscheidbare Decke aus Fichtennadeln, so dicht, dass es D?mmerung sein k?nnte oder Mitternacht oder der Grund des Meeres.

Nolans GPS zeigt 960 Meter. Fünfhundert Meter Anstieg seit dem Parkplatz. Seine Beine spüren es. Alle Beine spüren es. Mason ist still geworden, was hei?t, dass er sich qu?lt und es nicht zugeben wird, und Dereks exakter Schritt hat sich verkürzt, und selbst Jonah ist langsamer geworden.

Nur Theo scheint unberührt. Wenn überhaupt, hat er beschleunigt. Er l?uft vor, kommt zurück, l?uft wieder vor, und in seiner Bewegung liegt eine Lockerheit, die am Parkplatz nicht da war. Eine Flüssigkeit.

?Ich fühl mich fantastisch“, verkündet Theo und f?llt neben Nolan zurück. ?Liegt das an der H?he? Ich fühl mich wie nach zwei Drinks auf leeren Magen.“

?H?henlagen k?nnen leichte Euphorie ausl?sen“, sagt Derek hinter ihnen.

Seine Stimme hat den diagnostischen Klang, die Stimme, die er in der Notaufnahme benutzt, wenn er innerlich schon Differenzialdiagnosen durchgeht.

?Verminderte Sauerstoffs?ttigung, kompensatorische Endorphinausschüttung. Das sollte sich stabilisieren.“

?Ich will nicht, dass sich das stabilisiert. Ich will mich für immer so fühlen.“

Nolan spürt es auch. Er spürt es seit einer halben Stunde und versucht, es der normalen Zufriedenheit zuzuschreiben, im Gel?nde zu sein, im Altbestand, an einer Arbeit, die ihm etwas bedeutet.

Aber es ist mehr als das. Da ist eine W?rme in der Brust, für die es keine physiologische Grundlage gibt.

Eine sich ausbreitende Leichtigkeit, wie der erste Schluck Whiskey, nur ohne das Brennen.

Seine Gedanken bewegen sich anders. Lockerer.

Die dauerhafte, leise Anspannung, die er mit sich tr?gt – die Anspannung, Jonah zuzusehen, die Gruppe zu führen, der Verantwortliche zu sein –, hat sich zu etwas beinahe Angenehmem erweicht.

Er schreibt: 960 m. M?gliche h?henbedingte Stimmungshebung in der gesamten Gruppe.

Theo V. am ausgepr?gtesten. Eigene subjektive Erfahrung: leichte Euphorie, verminderte Angst, gesteigerte Sinnessch?rfe.

Farben wirken ges?ttigter. Klangaufl?sung erh?ht.

Kann einzelne Vogelrufe auf gr??ere Entfernung unterscheiden als sonst. Vermerkt für Vergleich mit den Ausgangswerten.

Er schreibt nicht: Es geht mir gut, und ich wei? nicht mehr, wann es mir zuletzt gut ging, und das macht mir Angst.

Vor ihnen lacht Jonah über einen Spruch von Mason.

Der Laut rollt durch die B?ume, und die B?ume fangen ihn auf und halten ihn, und einen Moment lang klingt der Schwarzwald wie ein Ort, an den Lachen geh?rt, was er nicht sollte, weil die R?mer ihn nicht wegen seiner Gastfreundschaft Silva Nigra genannt haben.

* * *

Sie machen an einer Lichtung Rast. Keine natürliche Lichtung, sondern eine Stelle, an der B?ume gefallen sind, drei gewaltige Fichten, von Wind oder F?ulnis geworfen, die Wurzelteller aus der Erde gerissen und senkrecht aufgerichtet wie eingefrorene Explosionen.

Die freiliegenden Wurzelteller messen sechs Meter im Durchmesser, verbacken mit Erde und Stein, und aus jeder Fl?che, jeder Wurzel, jedem Erdklumpen, jedem gesprengten Stück Fels wachsen die bernsteinglühenden F?den.

Nolan starrt.

Es sind Tausende. Das Bernsteinlicht ist hier unverkennbar, st?rker als das, was er am Stamm gesehen hat, und die F?den wachsen nicht blo?.

Sie sind vernetzt. Sie folgen den Wurzelverl?ufen mit einer Genauigkeit, bei der sein Feldbiologenhirn stottert.

Pilznetze besiedeln Wurzelsysteme, ja. Das ist Mykorrhiza-Symbiose, die Grundbeziehung der Wald?kologie.

Aber Mykorrhiza-Netze sind für das blo?e Auge unsichtbar.

Sie sind mikroskopisch. Was Nolan hier ansieht, ist makroskopisch, sichtbar, leuchtend, organisiert, und nichts in seiner Ausbildung, seiner Forschung, seinen Jahren mit sporenbürtiger ?kologie auf drei Kontinenten hat ihn darauf vorbereitet.

?Was zum Teufel ist das?“, sagt Mason neben ihm.

?Ich wei? es nicht.“

?Du wei?t es nicht? Du bist doch der Pilzmensch.“

?Ich wei? es nicht.“ Nolan sagt es noch einmal, weil die Wiederholung ehrlich ist. Er kniet sich an den n?chsten Wurzelteller.

Die F?den sind warm. Nicht k?rperwarm, sonnenwarm, die W?rme eines Organismus, der Energie aufgenommen hat, nur dass es hier keine Sonne gibt.

Seit vielleicht Jahrzehnten keine Sonne gegeben hat. Das Kronendach darüber ist absolut.

Er nimmt Proben von verschiedenen Stellen des Wurzelsystems. Jede Probe verschlossen, beschriftet, mit Zeitstempel. Seine H?nde sind ruhig. Sein Kopf ist es nicht.

Der sü?e Geruch ist hier st?rker. Viel st?rker.

Er ist nicht mehr schwach. Er ist da, ein gleichbleibender tiefer Ton unter der Fichte und der nassen Erde, und so nah an den offenen Wurzelsystemen kann Nolan die Quelle bestimmen.

Die F?den. Das Bernsteinlicht und der sü?e Geruch kommen aus demselben Organismus.

Anomales makroskopisches Pilznetz. Lumineszent, bernsteinfarben, warm bei Berührung, starke sü?e Geruchssignatur.

W?chst in direkter Symbiose mit den Wurzelsystemen von P.

abies. Dichte au?erordentlich, sichtbare Besiedlung s?mtlicher freiliegender Wurzeloberfl?chen.

Struktur legt organisiertes Wachstumsmuster nahe statt zuf?lliger Besiedlung.

Das ist nicht zuf?llig. Das ist Architektur.

Er streicht die letzten beiden S?tze. Schreibt sie noch einmal. Streicht sie.

?Nolan.“ Jonah geht neben ihm in die Hocke. Ihre Schultern berühren sich. Keiner von beiden rückt weg. ?Du steigerst dich rein.“

?Ich dokumentiere.“

?Du steigerst dich rein und dokumentierst. Ich kenne beides.

“ Jonah legt ihm die Hand in den Nacken, eine Geste, so vertraut, dass sie zwischen ihnen praktisch ein Handschlag ist, Jonahs breite Fl?che um den Nacken gelegt, der Daumen auf dem H?cker des siebten Halswirbels.

Das ist eine Freundschaftssache. Es war immer eine Freundschaftssache.

Nolan sagt sich seit zehn Jahren, dass es eine Freundschaftssache ist.

Aber heute l?st die Berührung eine Kaskade in ihm aus, die mit Freundschaft nichts zu tun hat.

Hitze, echte k?rperliche Hitze, strahlt vom Berührungspunkt die Wirbels?ule hinunter und in den Bauch und tiefer, und er muss für einen Moment die Augen schlie?en, weil die Alternative w?re, sich in Jonahs Hand zu lehnen wie eine Katze, sich in seine W?rme zu drücken, und das kann er nicht. Nicht hier. Nicht mit Zeugen.

?Alles gut“, sagt Nolan. Seine Stimme klingt normal. Zehn Jahre übung.

Jonahs Daumen bewegt sich über den Wirbel. Einmal. Langsam. ?Sicher?“

?Ja.“

Der Daumen h?rt auf. Die Hand hebt sich. Nolan ?ffnet die Augen.

Auf der anderen Seite der Lichtung hat Mason den Arm um Theos Schultern gelegt.

Das ist nicht ungew?hnlich. Mason ist k?rperlich, aggressiv in seiner Zuneigung, so wie er in allem aggressiv ist. Aber der Arm liegt da seit mehreren Minuten.

Und Theo hat sich hineingelehnt. Und Mason hat ihn nicht abgeschüttelt oder daraus einen Schwitzkasten gemacht oder irgendetwas anderes getan, womit M?nner Z?rtlichkeit in Rangelei umbauen.

Derek sitzt auf einem gestürzten Stamm und beobachtet Mason und Theo mit dem Gesicht, das er in der Notaufnahme bekommt, wenn ein Wert auf der Kurve nicht zum Patienten passt. Registrierend. Katalogisierend. Noch nicht alarmiert.

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