KAPITEL 2 #3
Die Lichtung ist warm. W?rmer, als sie in dieser H?he, in diesem Schatten, in dieser Jahreszeit sein sollte. Nolan sieht auf die Uhr. Das Thermometer zeigt 19 °C. Am Parkplatz waren es 11. Sie haben fünfhundert Meter H?he gewonnen. Die Temperatur h?tte fallen müssen. Sie ist nicht gefallen.
Er schreibt es auf. Seine Handschrift ist ein wenig weniger exakt als noch im Tal. Er bemerkt es nicht.
?Wir sollten weiter“, sagt er. ?Noch zwei Stunden bis zur Bannwaldgrenze. Wir k?nnen heute Nacht am Rand lagern und morgen zum Feldsee vorsto?en.“
?Oder“, sagt Theo, und er grinst, dieses scharfe, waghalsige Grinsen, ?wir lagern genau hier. Der Platz ist der Wahnsinn. Ich will nicht weg.“
?Wir haben hier kein Wasser.“
?Da ist ein Bach.“ Theo zeigt hin. Da ist einer.
Nolan kann ihn h?ren, ein dünner heller Klang, vielleicht fünfzig Meter ?stlich.
Vorher hat er ihn nicht geh?rt. Sein Geh?r ist offenbar sch?rfer geworden.
Der Klang ist beinahe musikalisch, einzelne T?ne innerhalb des Flie?ens, und er ertappt sich dabei, wie er den Kopf schr?g legt, wie ein Hund sich einer Frequenz zuneigt, die nur er wahrnimmt.
?Wir bleiben beim Plan“, sagt Nolan. ?Heute Nacht Bannwaldgrenze. Morgen Feldsee.“
Sie packen zusammen. Sie gehen weiter.
Aber Nolan sieht sich nach der Lichtung um, als sie aufbrechen, nach den gestürzten B?umen mit ihren Wurzeltellern, die bernsteinfarben im D?mmer brennen, nach der sü? riechenden Luft, die im Raum h?ngt wie ein ausgeatmeter Atemzug, und er spürt einen Widerwillen zu gehen, für den es keinen vernünftigen Grund gibt.
Er will bleiben. Will in den glühenden F?den knien und die blo?en H?nde in die warme Erde legen und fühlen, was darunter ist.
Er tut es nicht. Er schultert den Rucksack und folgt Jonahs breitem Rücken den Weg hinauf und sagt sich, dass das, was er da fühlt, wissenschaftliche Neugier ist und sonst nichts.
* * *
Die letzte Stunde des Marsches ist seltsam.
Das Wort, das Nolan im Feldtagebuch benutzen würde, ist anomal. Das Wort, das sein K?rper benutzen würde, h?tte sein K?rper Sprache, ist gut.
Die Gruppe geht enger zusammen. Nicht absichtlich.
Es gibt kein Gespr?ch über Abst?nde, keine Entscheidung.
Die Lücken zwischen ihnen schrumpfen einfach.
Mason, der sonst weit ausschert und mit besitzergreifendem Abstand geht, l?uft Schulter an Schulter mit Derek.
Jonah f?llt immer wieder zurück, um neben Nolan zu gehen, und wo der Weg auf G?nsemarsch schrumpft, legt er die Hand an Nolans Rucksackgurt und l?sst sie dort, führend, überflüssig, warm.
Theo summt. Kein Lied. Eine tiefe, tonlose Vibration, die in seinem Brustkorb mitschwingt und sich mit dem Grundton des Waldes zu harmonieren scheint, diesem tiefen Brummen, das Nolan im Tal bemerkt hat und nicht einordnen kann.
Theo summt, und der Wald summt, und Nolans Brustbein vibriert mit beidem, und er schreibt nichts davon auf, weil das Feldtagebuch in der Tasche steckt und seine H?nde mit den Wanderst?cken besch?ftigt sind und er nicht stehen bleiben will, weil Bewegung sich gerade au?erordentlich anfühlt, der Rhythmus des Schritts, das Schwingen der Arme, die Hitze in den Muskeln.
Mason erz?hlt von einem Einsatz, bei dem sich ein Mann mit einem Leguan und einer Schrotflinte im Badezimmer verbarrikadiert hat.
Es ist eine Geschichte, die sie alle kennen.
Sie lachen, als kennten sie sie nicht. Das Lachen ist zu viel.
Zu laut, zu lang, es prallt von den B?umen mit demselben verzerrten Echo, das auch das Tal produziert hat, und Nolan ist sich in irgendeiner klinischen Kammer seines Hirns bewusst, dass fünf M?nner, die so hart über eine Geschichte lachen, die sie schon kennen, eine Abweichung vom Ausgangsverhalten darstellen.
Er nimmt es wahr. Er notiert es. Er handelt nicht danach.
Denn danach zu handeln, hie?e anzuerkennen, dass ein Prozess mit ihnen geschieht, chemisch, umweltbedingt, mit jedem Atemzug sü?er, warmer, unm?glicher Luft in die Lungen eintretend, und wenn er das anerkennt, muss er aufh?ren, der Mann zu sein, dem es zum ersten Mal seit Monaten gut geht, und anfangen, der Wissenschaftler zu sein, der nach dem Warum fragt.
Er ist nicht so weit.
Noch nicht.
Sie erreichen die Bannwaldgrenze in der D?mmerung. Ein Holzschild, alt, die Buchstaben tief eingeschnitten und von Jahrzehnten Wetter dunkel gebeizt:
NATURSCHUTZGEBIET BANNWALD
Das Verlassen der Wege ist verboten Betreten auf eigene Gefahr
Darunter, in kleineren Lettern, ein Hinweis auf den Schutzstatus des Waldes, die Sch?den des Orkans Lothar, die laufende Regeneration.
Nolan gibt der Gruppe das Kleingedruckte wieder: Keine Wege.
Keine Pflege. Keine Sicherheit. Der Wald hier wurde sich selbst überlassen, nachdem der Sturm ihn geholt hatte, und sich selbst überlassen hat er eine Wildnis hervorgebracht, wilder und dichter als jeder bewirtschaftete Wald Europas.
Hinter dem Schild ?ndern sich die B?ume.
Die bewirtschaftete Fichtenmonokultur weicht dem Chaos.
Gewaltiges Totholz, liegen geblieben, wo es vor fünfundzwanzig Jahren niedergegangen ist, die Wurzelteller aufgerissen und besiedelt von allem, was Halt fand.
Junger Wuchs explodiert durch die Lücken: Birke, Weide, Hasel, alles gewunden dem Licht entgegen, das die gefallenen Riesen zurückgelassen haben.
Und überall, über dem Totholz, den Stubben, dem offenen Boden, den lebenden B?umen, die bernsteinglühenden F?den.
Sie sind hier dichter. Heller. Das Bernsteinlicht ist selbst im Rest des Tageslichts sichtbar, ein schwacher warmer Schein auf der Holzhaut und dem Moos und der rohen Erde, und der sü?e Geruch liegt nicht mehr unter dem Wald. Er ist der Wald. Jeder Atemzug liefert ihn direkt ins Blut.
?Wir lagern hier“, sagt Nolan. ?Genau an der Grenze. Wir gehen morgen mit frischem Licht hinein.“
Niemand widerspricht. Sie sind zu besch?ftigt damit, sich gut zu fühlen.
Die Zelte stehen mit ungew?hnlicher Effizienz.
Fünf M?nner arbeiten im Einklang, nehmen die Bewegungen der anderen vorweg, reichen Heringe und Stangen, ohne dass jemand fragt.
Mason und Theo bauen das gro?e Zelt auf, Jonah und Derek das kleinere, und Nolan stellt den Gaskocher auf und filtert Wasser aus einem Bach in der N?he, das k?lter und sauberer schmeckt als jedes Wasser, das er je gefiltert hat, mineralisch hell, fast sü?.
Sie essen. Gefriergetrocknete Nudeln, die besser schmecken, als sie das Recht dazu haben.
Theo bringt den J?germeister zum Vorschein.
Mason bringt einen Flachmann Bourbon zum Vorschein, von dem er niemandem erz?hlt hat.
Derek bringt einen missbilligenden Gesichtsausdruck zum Vorschein, der ungef?hr neunzig Sekunden h?lt, bevor er den Flachmann nimmt.
Das Feuer – klein, eingefasst, nur deshalb legal, weil sie streng genommen noch au?erhalb des Bannwalds sind – wirft orangefarbenes Licht auf die erste Baumreihe, und dahinter ist der Wald dunkel.
Vollkommen dunkel. Nicht die Dunkelheit einer Landnacht mit Sternen und Streumondlicht, sondern die Dunkelheit eines geschlossenen Raums, einer H?hle, eines Ortes, an dem Licht nicht blo? fehlt, sondern ausgeschlossen ist. Das Kronendach über ihnen l?sst nichts durch. Nolan kann den Himmel nicht sehen.
Aber er kann die F?den sehen. Im Dunkeln verst?rkt sich ihr Schein. Das n?chste Totholz, zehn Meter vom Feuer, pocht in bernsteinfarbenem Licht in einem Rhythmus, den Nolans Hirn als organisch deutet, bevor seine Ausbildung eingreifen kann. Wie Atmen.
Es ist reaktionsgetriebene Chemolumineszenz, sagt er sich. Oxidation von Luciferin oder einem Analogon. Viele Pilzarten zeigen das. Mycena chlorophos. Omphalotus olearius. Der Mechanismus ist gut verstanden.
Aber diese Arten leuchten grünwei?. Das hier ist bernsteinfarben. Warmes Bernstein. Und es atmet.
?Sch?n“, sagt Theo. Er sitzt dem Totholz am n?chsten, im Schneidersitz, das Gesicht von unten vom Schein beleuchtet. Seine Pupillen sind geweitet. Nicht alarmierend, aber merklich, wenn man ein Mann ist, der Dinge bemerkt, und das ist Nolan.
?Ist es“, stimmt Jonah zu. Er sitzt neben Nolan.
Ihre Oberschenkel berühren sich. Keiner von beiden rückt weg.
Jonahs K?rper strahlt Hitze durch zwei Lagen Stoff, und Nolan kann ihn riechen, nicht nur Deo und Schwei?, sondern darunter den bestimmten warmen, k?rnigen Geruch von Jonahs Haut, den Nolan sich seit einem Jahrzehnt unwillkürlich einpr?gt.
?Ich k?nnte lange hierbleiben“, sagt Mason. Er sagt es leise, und das ist falsch. Mason sagt Dinge nicht leise. Mason projiziert. Mason sendet. Aber hier, jetzt, an diesem Feuer, in dieser Luft, sagt Mason Vogt Ich k?nnte lange hierbleiben mit einer Sanftheit, die Derek den Kopf drehen l?sst.
?Das ist die H?he“, sagt Derek. Aber er sagt es wie eine Frage.
?Klar“, sagt Mason. ?Die H?he.“
Das Feuer knackt. Eine Glut fliegt im Bogen ins Dunkel. Der Wald schluckt sie.
Nolan schl?gt das Feldtagebuch auf. Die Seite ist leer.
Er h?lt den Stift lange darüber, w?hrend sein Kopf die Daten wendet: die Temperaturanomalie, der Signalverlust, das leuchtende Netz, die sü?e Luft, die gehobene Stimmung, die taktile Verschiebung in der Gruppendynamik.
Er kann die Form einer Schlussfolgerung entstehen spüren, wie man Wetterwechsel spürt.
Druck und Richtung und die Gewissheit, dass eine ?nderung kommt.
Er schreibt: Etwas liegt in der Luft.
Dann klappt er das Feldtagebuch zu und steckt es weg und lehnt sich in Jonahs W?rme neben sich und atmet und atmet und atmet.
Der Wald atmet mit ihm.