KAPITEL 3

ABSEITS DER WEGE

Mit dem Pilz stimmt etwas nicht.

Nolan hockt am Fu? einer Fichte und drückt zwei Finger gegen die Konsole, die in Knieh?he aus dem Stamm w?chst. Der Fruchtk?rper hat die Gr??e eines Esstellers, unterseits blass bernsteinfarben, und die Oberseite tr?gt ein Muster, das er noch nie gesehen hat.

Konzentrische Ringe, die zur Mitte hin schwach dunkler pulsieren, wie eine Zielscheibe, gezeichnet von etwas mit Absichten.

Er macht ein Foto mit der richtigen Kamera, der Nikon, seit die Handys vor einer Stunde gestorben sind.

Die Vorschau auf dem Display zeigt die Konsole klar, aber die Farbe stimmt nicht.

Das Bernstein liest sich auf dem Bildschirm fast als Gold.

?Nolan.“ Masons Stimme vom Weg hinter ihm, ungeduldig. ?Halten wir für jeden Pilz zwischen hier und München an, oder was?“

?Das ist kein Pilz“, sagt Nolan, ohne sich umzudrehen.

Er f?hrt mit dem Daumen die Unterseite der Konsole entlang.

Die Porenschicht ist glatt, fast nass, und warm.

W?rmer als die Luft ringsum. W?rmer, als sie sein dürfte.

Er zieht die Hand zurück und sieht sich den dünnen bernsteinfarbenen Rückstand am Daumen an.

Riecht daran. Sü?. Vegetabil. Ein tieferer Ton darunter, den sein Hirn als tierisch ablegt, bevor er korrigieren kann.

?Es ist ein Porling“, sagt er und richtet sich auf. ?Aber die Morphologie ist… Diese Art habe ich noch nie gesehen.“

?Bahnbrechend.“ Mason nimmt einen Zug aus der Trinkflasche.

Hinter ihm sitzt Jonah auf einem Block, die Beine ausgestreckt, den Kopf zurückgelegt, die Augen geschlossen, und l?chelt ins Nichts.

Derek hat den Rucksack abgesetzt und sieht auf die Uhr, die analoge, seit seine Apple Watch mit dem Handy gestorben ist. Theo liegt flach auf dem Rücken mitten auf dem Weg, die Arme ausgebreitet, als machte er einen Engel im Dreck.

?Ich meine es ernst.“ Nolan zeigt an der Fichte vorbei, tiefer in die B?ume.

Der markierte Weg – rote Raute auf wei?em Grund – zieht nach Nordosten den Rücken entlang.

Aber nach Süden, abseits der Wege, f?llt der Waldboden in eine flache Klinge ab, verstopft mit Totholz, und selbst von hier sieht er mehr davon.

Die bernsteinfarbenen Konsolen. Dutzende, aus liegenden St?mmen und stehendem Holz, in einem Muster, das fast linear aussieht, fast beabsichtigt, und tiefer in den Bannwald führt.

?Da unten ist eine ganze Kolonie. Diese Fruchtk?rperdichte aus einem einzigen Netz. Wir k?nnten es mit einer Myzelmatte von einem Viertelhektar zu tun haben. Vielleicht mehr.“

?Cool.“ Theo, vom Boden. ?Dann gehen wir hin und gucken.“

?Wir sind auf einem Weg, Theo.“ Derek, über der Karte. Der Papierkarte, auf der Nolan bestanden hat, Gott sei Dank. ?Zum Feldsee sind es noch drei Stunden nach Nordosten.“

?Der Feldsee l?uft nicht weg“, sagt Theo.

Er setzt sich auf. Seine Augen sind hell, die Pupillen weit, und er grinst seit einem Kilometer, als h?tte ihm jemand den besten Witz der Welt erz?hlt und er koste die Pointe immer noch aus.

?Nolan will sich seine abgefahrenen Pilze ansehen.

Ich will mir seine abgefahrenen Pilze ansehen. Demokratie.“

?Das ist keine Demokratie, das sind zwei von fünf.“

?Drei.“ Jonah ?ffnet die Augen. L?chelt immer noch. ?Ich bin bei Nolan.“

Nolan sieht ihn an. Jonahs Gesicht im grün gefilterten Waldlicht ist ein Anblick, dem anzusehen er sich seit zehn Jahren abtrainiert hat, aber gerade h?lt das Training nicht.

Auf Jonahs Stirn und in der Kehlgrube liegt ein Film aus Schwei?, und seine Augen haben dieses bestimmte warme Braun, das Nolan sich mit derselben Genauigkeit eingepr?gt hat, die er für Artbestimmungen aufbringt.

Jonah Whitmore. Ordnung: Primaten. Familie: die einzige, die Nolan je gewollt hat.

Er blinzelt. Dieser Gedanke war lauter als sonst.

?Mason?“, fragt Jonah.

?Von mir aus.“ Mason zuckt die Schultern.

Er ist heute locker. Lockerer, als Mason wird.

Er hat in der letzten Stunde Witze gemacht, die tats?chlich lustig waren, nicht nur laut, und irgendwann hat er den Arm um Dereks Schultern gelegt und ihn dort gelassen, w?hrend sie über freiliegende Wurzeln kletterten.

Er liegt immer noch dort, bemerkt Nolan.

Masons Hand ruht in Dereks Nacken, als geh?re sie dorthin, der Daumen bewegt sich abwesend über den H?cker des siebten Halswirbels. Keiner von beiden scheint es zu merken.

?Dann gehen wir nach Süden“, sagt Nolan.

Die Papierkarte zeigt die Grenze des tiefen Waldes hundert Meter abseits des Wegs.

Eine rot gepunktete Linie, ein kleiner gedruckter Hinweis: Naturschutzgebiet.

Verlassen der Wege verboten. Die Fl?che, die Lothar ’99 niedergelegt hat.

Zwanzigtausend Hektar Windwurf, von denen die deutschen Beh?rden erkl?rt haben, sie würden sich selbst regenerieren.

Keine R?umung. Keine Aufforstung. Keine Wege.

Fünfundzwanzig Jahre ungebremstes Wachsen und Faulen und sporenbürtiges Besiedeln.

Für einen Mykologen ist es das gelobte Land.

?Da ist eine Grenze“, sagt Derek und liest über Nolans Schulter mit. Nolan spürt Dereks Atem im Nacken. Er ist warm, und die Haut dort zieht sich zusammen. ?Verlassen der Wege verboten. Mein Deutsch ist Schei?e, aber das hei?t ?verboten‘.“

?Naturschutz“, korrigiert Nolan. ?Das ist ein Schutzgebiet, keine Kaserne. Schlimmstenfalls kassiert uns ein F?rster ab. Und im H?llental gibt es keine F?rster.“

?Weil hier keiner herkommt“, sagt Derek.

?Genau.“

Sie verlassen den Weg.

Der übergang kommt sofort. Der markierte Pfad – gepflegt, planiert, ab und zu von einem Wegpfosten mit der roten Raute ges?umt – endet an einer unsichtbaren Linie, und dann sind sie im Bannwald.

Der Unterschied ist einer der Textur. Der gepflegte Waldboden war Nadel und festgetretene Erde; hier ist alles überzogen.

Moos über gestürzten St?mmen, Farne, die aus jeder Spalte brechen, Totholz in Winkeln gestapelt, die sie zwingen, darüber und darunter und hindurch zu klettern.

Das Kronendach schlie?t sich. Das Licht geht von grün gefiltert in etwas über, das der D?mmerung n?her ist, obwohl Nolans Uhr 13:47 zeigt.

Auch die Luft ist anders. Dicker. Der sü?e Geruch vom Konsolenpilz, Honig und Moos und das Tierische darunter, ist jetzt überall, keine Spur mehr, sondern eine Anwesenheit, die die Nebenh?hlen füllt und den Rachen auskleidet.

Nolan atmet ihn ein, und sein Puls tut etwas Ungew?hnliches.

Schnellt hoch, sinkt dann in einen Rhythmus, der sich zu langsam anfühlt, zu tief, als versuchte sein Herz, eine Frequenz zu treffen, die nicht seine ist.

Er legt die Beobachtung ab. Zieht das Feldtagebuch heraus und schreibt im Gehen:

Bannwald betreten 13:50. Umgebungstemperatur merklich h?her als auf dem H?henweg.

Gesch?tzte Differenz 3–4 °C. Ungew?hnlich bei H?hengewinn.

Kronendachdichte extrem. PAR-Werte < 5 %.

Kolonie von Konsolenpilzen zieht sich in scheinbar linearer Abfolge über den Grund der Klinge, Ausrichtung S–SW.

Fruchtk?rperzahl: 40+ von der jetzigen Position sichtbar.

Sü?e flüchtige Verbindung anhaltend und zunehmend.

M?glicherweise Terpenprofil? GC-MS-Analyse n?tig.

Notiz: leichte Tachykardie bei Erstexposition, selbstlimitierend.

Er z?gert, dann setzt er hinzu: Gruppenstimmung ungew?hnlich gut.

Denn das ist sie. Das ist das Seltsame daran.

Fünf M?nner, eine Stunde abseits der Wege, in einem gesperrten Wald, ohne Empfang, mit einer Papierkarte, und die Stimmung ist beschwingt.

Theo hüpft praktisch über das Totholz, bleibt stehen, um auf gestürzten St?mmen zu balancieren, die Arme ausgebreitet wie ein Kind auf dem Seil.

Jonah summt irgendetwas. Mason und Derek gehen Schulter an Schulter durch Lücken, in die eigentlich nur einer passt, drücken sich ineinander, statt sich zu trennen, und lachen darüber, als sie zwischen zwei gestürzten Fichten stecken bleiben.

?Das ist unglaublich“, sagt Jonah, und seine Stimme hat eine Qualit?t, die Nolan an ihr noch nie geh?rt hat.

Ehrfurcht, aber gel?ster. Wie Staunen ohne Leitplanken.

Er sieht hinauf ins Kronendach, wo die Fichtenkronen so vollst?ndig ineinandergreifen, dass der Himmel blo? eine Theorie ist. ?Nolan, das ist dein Büro? Das machst du beruflich?“

?Normalerweise nicht so dramatisch.“

?Dramatisch.“ Jonah lacht. Es ist zu gro? für den Witz. ?Ja. Das ist das Wort. Alles fühlt sich… Fühlt sich für euch auch alles dramatisch an?“

?Ich fühl mich verdammt fantastisch“, sagt Theo irgendwo vor ihnen. Er ist zwanzig Meter vorausgekommen, nach vorn gezogen, bewegt sich schneller durch das Totholz, als er sollte. ?So richtig unvernünftig fantastisch. Als h?tte jemand Molly ins Studentenfutter gemischt.“

?Niemand hat Molly ins Studentenfutter gemischt“, sagt Derek, aber er l?chelt.

?Dann erkl?r mir, warum ich einen Baum umarmen will.“

?Hypoxie“, bietet Derek an. ?H?he plus Kronendachdichte reduzieren den verfügbaren Sauerstoff. Leichte euphorische Effekte sind vereinbar mit…“

?Umarm einen Baum, Derek. Schreib kein Paper darüber.“

Mason lacht. Der Laut ist enorm in der Stille unter dem geschlossenen Kronendach. Er zieht Derek fester an seine Seite – sie gehen immer noch an der Schulter verbunden – und sagt: ?Lass den Mann seinen Baum umarmen, Doc.“

Derek zieht sich nicht von Mason zurück. Nolan liest Dereks K?rpersprache: die leichte Neigung in den Kontakt hinein, die Hand, die sich auf Masons unteren Rücken legt, direkt über dem Bund der Wanderhose. Dereks Finger spreizen sich dort. Bequem. Als h?tten sie das schon getan. Haben sie nicht.

Nolan schreibt im Gehen, ohne stehen zu bleiben: Erh?hte k?rperliche Zuwendung unter den Gruppenmitgliedern. Taktiles Verhalten deutlich über Ausgangswert. M. und D. anhaltender K?rperkontakt ~60 min, andauernd. Keine erkennbare Selbstwahrnehmung der Abweichung.

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