KAPITEL 3 #2
Er liest es zurück. Streicht Keine erkennbare Selbstwahrnehmung und schreibt M?glicher Aerosoleffekt? Oxytocin-Analogon?
Dann klappt er das Feldtagebuch zu, weil seine eigene Handschrift zu sorgf?ltig aussieht, zu kontrolliert, und er will aufh?ren, Dinge zu kontrollieren. Er will zu Jonah aufschlie?en und neben ihm gehen und ihre H?nde im Ausschwingen zwischen den K?rpern streifen lassen. Er will.
Der Gedanke ist so pr?zise, dass er ihn erschreckt.
?Nolan?“ Jonah ist stehen geblieben. Er hat sich umgedreht, wartet, steht in einem schr?gen Streifen Bernsteinlicht, das unter einem so dichten Kronendach nichts zu suchen hat und trotzdem da ist, hereingesickert durch irgendeine Lücke, die Nolan nicht ausmachen kann. ?Kommst du?“
?Ja.“ Nolan steckt das Feldtagebuch weg. ?Ich komme.“
Sie sto?en tiefer vor.
Die Konsolenpilze nehmen an Dichte zu, bis sie an fast jedem Stamm sitzen, an lebenden wie an toten.
Nolan h?rt auf, einzelne Bildungen zu dokumentieren.
Es sind zu viele. Die Morphologie ist gleichbleibend – konzentrische bernsteinfarbene Ringe, warme Porenschicht, dieser dünne sü?e Rückstand –, aber die Gr??e schwankt wild.
Manche sind handtellergro?. Einer, der aus dem Wurzelteller einer gewaltigen geworfenen Fichte w?chst, ist so gro? wie ein Couchtisch, und als Nolan die Hand darauflegt, gibt die Oberfl?che unter der Fl?che leicht nach, warm und schwach pulsierend. Eine Atmung.
Von dem Pulsieren erz?hlt er den anderen nichts.
Theo ist jetzt drei?ig Meter voraus, nur noch in Bruchstücken durch den dichten Unterwuchs sichtbar. Er ruft st?ndig zurück: ?Hier ist noch mehr!“ und ?Leute, das müsst ihr sehen!“, und seine Stimme ist hoch und hell und entfernt sich.
?Theo, bleib bei der Gruppe“, ruft Derek.
?Alles gut, Mami.“
?Ich bin nicht deine Mutter, ich bin dein Notfallkontakt, wozu du mich im dritten Studienjahr gemacht und nie ge?ndert hast, also…“
?Ich hab dich auch lieb, Derek.“
Masons Arm liegt immer noch um Derek. Dereks Hand liegt immer noch auf Masons Rücken.
Sie sind seit über einer Stunde so. Mason zieht den Daumen in langsamen Kreisen über Dereks Trapezmuskel, und keiner von beiden hat es zur Kenntnis genommen.
Nolan beobachtet das, wie er im Gel?nde Tierverhalten beobachtet.
Erst klinisch, dann mit der wachsenden Einsicht, dass die klinische Beobachtung ihm nicht mehr hilft, weil sein eigener K?rper Dinge tut, die sein Hirn nicht genehmigt hat.
Seine Haut ist sensibilisiert, Stoff registriert als Reibung, wo er das nie getan hat.
Sein Atem hat sich mit etwas synchronisiert.
Nicht mit dem eigenen Herzschlag, nicht mit dem Tempo der Gruppe, mit etwas anderem. Mit etwas im Boden.
Auch dieser Gedanke sollte ihn mehr beunruhigen, als er es tut.
?Hey.“ Jonah f?llt neben ihm in den Schritt. Ihre Schultern berühren sich. ?Alles okay? Du bist in den Feldnotizen-Modus abgetaucht.“
?Ich denke nach.“
?Worüber?“
?über die Luft hier. Da ist eine Verbindung, eine flüchtige organische Verbindung, die das Pilznetz produziert. Ich rieche sie. Du riechst sie vermutlich auch. Sü?, oder? Wie Honig und…“
?Wie Honig und Erde und Sex“, sagt Jonah. ?Ja, ist mir aufgefallen.“
Sex. Nolan legt diese Wortwahl ab.
?Es k?nnte auf uns wirken“, sagt Nolan vorsichtig. ?Manche flüchtigen Pilzverbindungen haben psychoaktive Eigenschaften. Leichte Rauschwirkung. Euphorie. Gesenkte Hemmschwelle.“
Jonah denkt darüber nach. ?Der Wald macht uns also high.“
?M?glich.“
?Cool.“ Jonah grinst. ?Bester Junggesellenabschied aller Zeiten.“
Und Nolan lacht. Es kommt aus ihm heraus wie ein Korken aus der Flasche, zu laut, zu lang, und Jonah lacht auch, und hinter ihnen lachen Mason und Derek, weil Lachen ansteckend ist, aber auch, weil die Luft sü? und dick ist und eine Verbindung darin ihren limbischen Systemen sagt, dass alles gut ist, alles sicher, alles offen.
Das ist Stadium 1. Nolan wei? das noch nicht. Er wird die Begriffe erst viel sp?ter haben, wenn die Eintr?ge im Feldtagebuch keinen Sinn mehr ergeben und dann ganz aufh?ren. Gerade ist er ein Biologe, der ein anomales Ph?nomen mit zunehmender Ungenauigkeit beobachtet, und die Anomalie gewinnt.
Sie gehen noch eine Stunde. Die Klinge l?uft in eine breite Mulde aus, ausgelegt mit Moos, das so grün ist, dass es künstlich aussieht.
Das Totholz ist hier ?lter. Die Lothar-B?ume, seit fünfundzwanzig Jahren am Boden, jetzt nur noch aufgew?lbte Formen unter Moos und Farn, langsam ungeschehen gemacht.
Die Konsolenpilze gehen weiter, aber jetzt kommen Bildungen hinzu, die Nolan nie zuvor gesehen hat.
Becherpilze von der Gr??e einer Suppenschale, gefüllt mit bernsteinfarbener Flüssigkeit.
Blasse F?den zwischen den B?umen gespannt wie Spinnweben, aber dicker, tragend, selbst im trüben Licht schwach glühend.
Und auf dem Waldboden, in verstreuten Gruppen aus dem Moos steigend: kleine Fruchtk?rper in Form von Fingern, knochenwei?, an der Spitze mit Hüten aus tiefem Bernstein, die nass gl?nzen.
Nolan kniet sich neben eine Gruppe. Die fingerf?rmigen Pilze sind warm.
Die bernsteinfarbenen Hüte geben eine schwache Wolke Partikel frei – sichtbar, eine winzige Wolke –, als er sie streift.
Sporen. Er atmet sie ein, bevor er daran denken kann, die Luft anzuhalten, und eine W?rme flutet seine Nebenh?hlen und rollt den Rachen hinunter wie warmer Honig.
Er setzt sich auf die Fersen zurück. Sein Blick sch?rft sich.
Die Farben s?ttigen. Das Grün des Mooses wird beinahe neon, das Bernstein der Pilze vertieft sich zu einem Ton zwischen Gold und Whiskey, und Jonahs Haut registriert sich, als Nolan zu ihm aufsieht, als Landschaft.
Gel?nde. Territorium. Der Schwei? in Jonahs Kehlgrube, der Licht f?ngt wie Wasser in einem Canyon.
H?r auf damit, sagt Nolan sich. Aber die Anweisung kommt von sehr weit her, und bis sie den Teil seines Hirns erreicht, der Verhalten steuert, hat sie ihre Autorit?t verloren.
?Wir sollten zum Feldsee“, sagt Derek. Er hat die Karte über einem gestürzten Stamm ausgebreitet.
Mason steht hinter ihm und sieht ihm über die Schulter, eine Hand an Dereks Hüfte.
Einfach abgelegt. ?Wenn ich das richtig lese, liegt der See ungef?hr zwei Kilometer südsüdwestlich.
Wir k?nnen vor dem Dunkelwerden Lager machen. “
?Aus welcher Richtung sind wir gekommen?“, fragt Theo. Er ist wieder da, das Hemd halb aufgekn?pft, die Wangen ger?tet, grinsend, als h?tte er gerade Religion entdeckt. Auf seinem Schlüsselbein klebt ein Streifen bernsteinfarbener Rückstand. Nolan fragt nicht.