KAPITEL 3 #3
Derek dreht sich nach Norden. Der Wald hinter ihnen ist eine Wand. Keine saubere Wand, sondern ein Chaos aus Totholz und stehendem Holz und Unterwuchs, so dicht, dass es undurchdringlich aussieht. Kein Weg. Kein Zeichen, dass sie je hindurchgekommen sind.
?Das ist nicht m?glich“, sagt Derek. Seine Stimme ist flach. Diagnostisch. Die Notaufnahmestimme. ?Wir sind da durchgegangen. Vor vierzig Minuten. Da waren… Ich konnte vom Rücken aus die Wegzeichen sehen.“
?Ich sehe den Rücken nicht“, sagt Mason.
Alle sehen nach Norden. Nolan sucht die Kronendachlinie nach dem H?hensprung ab, der den H?henweg anzeigen müsste, von dem sie abgestiegen sind.
Er ist nicht da. Das Gel?nde ist in jede Richtung gleichm??ig flach, die Mulde, in der sie stehen, setzt sich nach au?en fort in identischen moosbedeckten Waldboden, Totholz, stehende Fichte und den gleichbleibenden bernsteinfarbenen Schein des Pilzwuchses.
?Wir haben einen Kompass“, sagt Nolan. Er zieht ihn aus der Seitentasche des Rucksacks. Die Nadel schwingt. Setzt sich. Zeigt nach Süden.
?Das ist Süden.“
?Der Weg war Nordnordost“, sagt Derek.
?Richtig. Also gehen wir dahin.“ Nolan zeigt.
Alle sehen dahin. Der Wald sieht genau gleich aus.
?Oder“, sagt Theo und dehnt das Wort, ?wir gehen nach Süden zum See, lagern und finden den Weg morgen bei Tageslicht.“
?Es ist Tageslicht.“
?Ist es?“ Theo sieht ins Kronendach hinauf. Was da durchsickert, ist bernsteingrün und richtungslos, mehr Lumineszenz als Sonne. ?Weil es sich nicht wie Tageslicht anfühlt. Es fühlt sich an wie… Wei? nicht. Wie ein Club mit Waldthema.“
Mason prustet. Dann Jonah. Dann Derek, der die Lippen zusammenpresst und scheitert. Nolan h?lt am l?ngsten durch, bis die Absurdit?t – fünf erwachsene M?nner, verirrt in einem gesperrten deutschen Wald, und sie vergleichen ihn mit einem Club – ihn aufbricht und er lacht, bis ihm die Rippen wehtun.
Sie gehen nach Süden.
Die Entscheidung sollte sich wie eine Niederlage anfühlen.
Sie haben sich verlaufen. Handys tot. Abseits der Wege in einem Schutzgebiet, in dem niemand sie vermutet.
Der Wald hinter ihnen hat sich geschlossen wie eine Tür.
Das sind die Bedingungen, unter denen Menschen im Wald sterben.
Schlechte Entscheidungen, die sich h?ufen, Vernunft, die abbr?ckelt, die Wildnis, die in Etappen gewinnt.
Aber es fühlt sich nicht nach Niederlage an. Es fühlt sich nach Erlaubnis an.
Mason tr?gt Derek an diesem Punkt praktisch, den Arm um seine Taille gehakt, und Derek l?sst es zu, und irgendwann in den letzten zehn Minuten hat Theo sich für ein besonders übles Stück Totholz auf Jonahs Rücken geschwungen und ist nie wieder heruntergestiegen.
Jonah tr?gt ihn mühelos, Theos Arme um seinen Hals, Theos Wange an Jonahs Kopf, und Jonah geht, als w?ge Theo nichts, was er nicht tut, nicht weil Theo leicht w?re, sondern weil Jonah auf die Art stark ist, die Nolan schon immer den Mund trocken macht.
Nolan geht allein, fünf Meter hinter ihnen, und sieht zu, wie seine Freunde zu Menschen werden, die er nicht wiedererkennt.
Menschen mit offenen Gesichtern und sorglosen K?rpern und einer Bereitschaft, einander zu berühren, die unter normalen Umst?nden Masons Homophobie ausl?sen würde oder Dereks Abstandsradar oder Jonahs peinliches Bewusstsein dafür, wie andere ihn sehen.
Keine dieser Abwehrmechanismen l?uft noch. Nicht mehr.
Nolan holt noch einmal das Feldtagebuch heraus. Schreibt:
15:32. Gruppenkoh?sion deutlich erh?ht. Barrieren gegen K?rperkontakt praktisch aufgehoben.
Euphorischer Affekt allgemein, mich eingeschlossen, wobei das Bewusstsein der Abweichung vom Ausgangswert auf teilweisen Widerstand hindeutet.
(Teilweisen.) Konzentration der flüchtigen Pilzverbindungen nimmt mit der Tiefe im tiefen Wald zu.
Hypothese: Aerosolverbindung mit oxytocinmimetischen und GABA-modulierenden Eigenschaften.
Mechanismus unklar. Quelle unklar. Alles riecht nach Honig und ich will meine H?nde auf Jonahs
Er h?rt auf zu schreiben. Liest die letzten sieben W?rter. Die Handschrift ist nach rechts gekippt, die Buchstaben haben sich aus seiner sonst engen Druckschrift in Schreibschrift gel?st.
Er rei?t die Seite heraus. Knüllt sie zusammen. Steckt sie in die Tasche.
Dann joggt er zur Gruppe auf, und als Jonah Theo auf einen Arm verlagert und den anderen nach hinten reicht, nimmt Nolan seine Hand, ohne nachzudenken. Jonahs Fl?che ist hei? und trocken und riesig um seine, und Nolan h?lt sie zehn Minuten, bis sein Hirn seinen K?rper einholt und er losl?sst.
Jonah sieht sich nach ihm um. Das L?cheln in seinem Gesicht ist nicht das leichte, ?ffentliche L?cheln des Br?utigams. Es ist privat. Verwirrt. Ein bisschen ver?ngstigt.
?Nolan…“
?Weitergehen“, sagt Nolan. ?Der See müsste nah sein.“
Der Wald schlie?t sich hinter ihnen. Nicht w?rtlich. Aber wenn Nolan zurücksieht, ist der Ort, aus dem sie gekommen sind, verschwunden, ersetzt durch dieselbe dichte, bernsteinbeleuchtete, sü? riechende Wand aus Altholz und F?ulnis und lebendem, atmendem, pulsierendem Grün.
Sie gehen weiter.
Der Wald ?ffnet sich nicht. Der Wald verschluckt.