KAPITEL 4
LAGER AM FELDSEE
Der Feldsee erscheint auf einmal.
Eben noch drücken sie sich durch ein Dickicht junger Fichten – Aufwuchs, h?chstens drei?ig Jahre alt, so eng gestellt, dass die ?ste ineinandergreifen wie Finger –, dann h?ren die B?ume auf und die Welt ?ffnet sich und Nolan h?rt auf zu atmen.
Eine Karwand. Dreihundert Meter schwarzer Gneis, der senkrecht in Wasser f?llt, das so dunkel ist, dass es keine Oberfl?che mehr spiegelt.
Das dunkle Auge ist eine Wunde im Berg, vollkommen rund, auf drei Seiten von senkrechten, flechtengestreiften Felsw?nden gefasst und auf ihrer Seite vom Wald, der am Rand stehen bleibt, als h?tte man ihm verboten, n?her zu kommen.
Das Wasser ist schwarz. Nicht dunkelblau, nicht tiefgrün.
Schwarz, das Schwarz, das Licht aufnimmt und nichts zurückgibt.
Keine Kr?uselung. Keine Str?mung. Die Luft darüber bewegt sich, Wind, der durchs Kar gedrückt wird und einen tiefen, gleichbleibenden Ton erzeugt – kein Pfeifen, kein St?hnen, etwas dazwischen –, den Nolan im Brustbein spürt, bevor er ihn mit den Ohren h?rt.
Es gibt keine Vogelstimmen. Keine Insekten. Kein Wasser, das über Fels rinnt. Nur den Wind und die fünf von ihnen, die atmen.
?Herrgott“, sagt Mason.
Es ist das richtige Wort. Der Feldsee hat etwas von einem Dom. Senkrecht, umschlossen, Ehrfurcht verlangend. Aber Dome sind gebaut, damit man sich klein fühlt vor Gott. Dieser Ort l?sst Nolan sich klein fühlen vor einer Gegenwart, die ?lter ist und weniger an seiner Erl?sung interessiert.
?Der Feldsee“, sagt er. Seine Stimme kommt leise heraus. Die Akustik des Kars drückt sie flach, nimmt ihr die Resonanz, l?sst sie klingen, als spr?che er in einem versiegelten Raum. ?Glazialen Ursprungs. Pleistoz?n. Der See hat keinen Abfluss. Wasser kommt hinein, aber es geht nicht wieder.“
?Romantisch“, sagt Theo. Er ist von Jonahs Rücken geglitten und steht an der Kante und sieht hinunter. Der Absturz ist senkrecht. Ein Trampelpfad, kaum mehr als das, führt in Kehren die Felsstufe hinab zum Ufer, drei?ig Meter tiefer.
?Priester haben D?monen hineingebannt“, setzt Nolan hinzu. ?Sechzehntes, siebzehntes Jahrhundert. Es gibt eine Tradition im Schwarzwald, den Geisterbann. Man brachte die Besessenen an den See und befahl dem D?mon ins Wasser. Dutzende Berichte. Vielleicht Hunderte.“
?Also ein D?monenverlies.“ Dereks Stimme ist vorsichtig. Er steht einen Meter von der Kante zurück und rechnet. ?Und wir lagern daneben.“
?Es ist ein See, Derek.“
?Du hast gerade gesagt, Priester haben D?monen reingeworfen.“
?Ich habe gesagt, die Tradition…“
?Ich liebe es.“ Theo steigt schon den Trampelpfad hinunter, die Stiefel treten loses Gestein los. ?Verwunschener See, gruseliger Wald, keine Handys. Das ist die beste Tour, auf der ich je war, und ich z?hle Cancún, Spring Break ’19, mit.“
?Du bist in Cancún verhaftet worden“, merkt Jonah an.
?Ich habe gesagt, was ich gesagt habe.“
Sie schlagen das Lager am Südufer auf, dem einzigen Streifen Boden zwischen Wandfu? und Wasserlinie, der breit genug für zwei Zelte ist. Der Platz ist moosbewachsener Gneis, überraschend eben, und der Wald dr?ngt im Rücken heran.
Die Fichtengrenze steht vielleicht zehn Meter vom Wasser.
Nolan treibt Heringe in Spalten zwischen den Felsen und bemerkt, dass das Moos hier eine Eigenschaft hat, die er noch nicht gesehen hat.
Es ist dunkler als das Moos unter dem Kronendach, fast schwarzgrün, und als er einen Hering herauszieht, um ihn neu zu setzen, hat das Moos darunter einen schwachen bernsteinfarbenen Fleck auf dem Metall hinterlassen.
Er berührt den Fleck. Riecht an der Fingerkuppe. Der Honiggeruch, aber konzentriert. Veredelt. Nicht die diffuse Sü?e der Bannwaldluft, sondern eine Destillation.
?Das Pilznetz reicht bis ans Ufer“, sagt er, halb zu sich selbst. Er kniet, zieht eine Moosdecke zurück, und darunter ist der Boden von wei?en F?den durchschossen.
Myzelhyphen, dicht wie Mull, schwach glühend im Schatten der Moosschicht.
Er hat diese F?den noch nie glühen sehen.
Lumineszente Pilze sind selten, beschr?nkt auf eine Handvoll Gattungen.
Das hier ist keine davon. Er wei? nicht, was das ist.
?He, Wissenschaft.“ Mason l?sst einen Arm voll Totholz neben dem Feuerring fallen, den Jonah baut. ?Willst du heute Abend essen, oder sollen wir einfach Fotosynthese machen?“
Nolan steht auf. Wischt sich die H?nde an der Hose ab und hinterl?sst bernsteinfarbene Streifen auf dem Khaki. ?Sorry. Ja.“
?Du kniest seit zwanzig Minuten da und redest mit Erde.“
?Ich habe…“ Nolan h?lt inne. Sieht auf die Uhr.
Mason hat recht. Zwanzig Minuten, weg. Er hat keine Erinnerung daran, dass die Zeit vergangen ist. Er hat gekniet und das unterirdische Netz angesehen, und der Schein hat an ihm gearbeitet, nicht an seinen Augen, sondern am Raum hinter den Augen, dem Teil seines Hirns, der Muster und Bedeutung verarbeitet, und die Muster in den Hyphen waren…
Er schüttelt den Kopf. ?Ich war abgelenkt.“
?Du warst komisch“, korrigiert Mason, aber ohne Sch?rfe.
Mason hat den ganzen Nachmittag keine Kanten.
Er hat mit Jonah den Feuerring gebaut, die beiden in einem synchronen, k?rperlichen, fast choreografierten Rhythmus: Steine reichen, nachjustieren, ihre K?rper umeinander kreisend mit einer Effizienz, die geprobt aussah.
Jetzt hockt Mason am Feuerloch und legt Anzündholz zurecht, und seine Unterarme sind dicht mit rotbraunem Haar und Dreck, und Nolan bemerkt das, legt es ab, was neu ist. Er hat Masons K?rper noch nie inventarisiert. Der Gedanke alarmiert ihn nicht.
Das ist es, was ihn alarmiert.
Sie essen gefriergetrocknete Nudeln mit Pesto.
Es ist nicht gut, aber sie verschlingen es, als w?re es das beste Essen ihres Lebens.
Alles schmeckt sch?rfer. Das Basilikum im Pesto ist beinahe überw?ltigend grün, der Knoblauch eine k?rperliche Empfindung hinten am Kiefer.
Theo isst seine Portion und die H?lfte von Dereks und leckt dann den Topf aus.
?Leck nicht den Topf aus, Theo.“
?Er ist k?stlich.“
?Er ist Mountain House.“
?Dein Mund ist kaputt.“
Das Feuer ist das einzige Licht. Das dunkle Auge spiegelt nichts.
Nicht die Flammen, nicht die W?nde, nicht den aufgehenden Mond.
Das Wasser ist ein Loch in der Landschaft, ein Rechteck aus vollkommener Dunkelheit am Rand ihres Lagers, und der Wind darüber macht diesen tiefen Ton, dieses Brustbeindr?hnen, gleichbleibend und ungebrochen.
Jonah setzt sich neben Nolan auf einen Stamm.
Nah. Ihre Oberschenkel berühren sich von der Hüfte bis zum Knie.
Jonah rückt nicht weg, und Nolan rückt nicht weg, und die Hitze zwischen ihnen, thermisch, w?rtlich, sein K?rper und Jonahs K?rper, die W?rme erzeugen und die der Kontakt hin und her leitet, ist exquisit.
Dieses Wort. Exquisit. Nolan benutzt es nicht.
Hat es über die N?he eines anderen Menschen noch nie benutzt.
Es taucht in seinem Kopf auf, fertig und zutreffend, und er l?sst es dort.
?Erz?hl mir von dem Pilz“, sagt Jonah. Seine Stimme ist tief.
Privat. Die anderen sind auf der anderen Seite des Feuers.
Mason und Derek auf der einen Seite, wieder ineinandergelehnt, und Theo auf dem Rücken, den Kopf auf der zusammengerollten Jacke, den Blick im Kronendach, mit einem Ausdruck bekiffter Verwunderung.
?Was willst du wissen?“
?Alles. Ich sehe dir gern zu, wenn du über Dinge redest, die du liebst.“
Nolans Kehle zieht sich zusammen. Jonah sagt Sachen wie diese. Hat immer Sachen wie diese gesagt. Beil?ufig intim. Ahnungslos, was den Schaden angeht. Oder – und das ist der Gedanke, den Nolan sich vor diesem Abend nie erlaubt hat – überhaupt nicht ahnungslos.
?Die Pilzf?den hier unten sind anders als alles in der Literatur“, sagt Nolan.
Er greift nach der Wissenschaft, weil die Wissenschaft ein Seil ist und er h?ngt.
?Die Dichte, der Schein, die Produktion flüchtiger Verbindungen.
Das ist kein Netz, das ich einordnen kann.
Mykorrhiza wahrscheinlich, wegen der Assoziation mit den Fichtenwurzeln, aber das Verhalten ist…
“ Er h?lt inne. ?Zweckgerichtet. Wurzelsysteme transportieren N?hrstoffe, chemische Signale, sogar winzige Impulse zwischen B?umen.
Es ist ein Kommunikationssystem. Aber dieses Netz fühlt sich an, als kommuniziere es mit uns. “
?Wie?“
?über die Verbindungen in der Luft. Den sü?en Geruch. Ich glaube, das Netz produziert luftgetragene Pheromon-Analoga. Chemikalien, die mit menschlicher Neurochemie interagieren.“
Jonah schweigt einen Moment. Das Feuerlicht macht sein Gesicht zu einer Studie in Chiaroscuro: goldene Fl?chen, tiefe Schatten, die Augen fangen das Licht und halten es.
?Ist das der Grund, warum ich nicht aufh?ren kann, dich anzufassen?“, fragt er.
Nolans Herz setzt aus, arrhythmisch. Er antwortet nicht.
?Weil ich es nicht kann“, f?hrt Jonah fort. Seine Stimme ist noch tiefer gegangen, fast subvokal, unter dem Klagen des Windes verloren. ?Ich will dich gerade nicht nicht anfassen, und das ist… Ich meine, das ist nicht…“
?Es k?nnten die Verbindungen sein.“
?K?nnten.“
?Oxytocinmimetische Effekte. Verst?rkte soziale Bindung. Gesenkte…“
?Nolan.“
?Was?“
?H?r für zehn Sekunden auf, Biologe zu sein.“
Nolan h?rt für zehn Sekunden auf, Biologe zu sein.
In diesen zehn Sekunden drückt sich Jonahs Oberschenkel fester gegen seinen, und Jonahs Hand legt sich auf sein Knie und bleibt dort, und die Hitze von Jonahs Fl?che durch den Stoff der Wanderhose ist ein Berührungspunkt, so genau und so gewollt, dass Nolan die Augen schlie?en muss gegen das wei?e Rauschen des Bluts in den Ohren.
Er ?ffnet sie. Jonah sieht ihn an. Der Ausdruck in Jonahs Gesicht ist einer, den Nolan noch nie gesehen hat, oder tausendmal gesehen und sich geweigert hat zu entschlüsseln. Der Blick eines Mannes, der sich nicht mehr versteckt.
?Wir sollten schlafen“, sagt Nolan.
Das Schlimmste, was er je gesagt hat.