KAPITEL 8 #3

Seine Augen gew?hnen sich. Langsam. Die Sterne geben gerade genug Licht, um Formen vom absoluten Schwarz zu trennen, und am Rand der Lichtung, zwischen zwei m?chtigen Fichtenst?mmen, steht eine Gestalt, die es nicht geben dürfte.

Hoch. Breit. Still wie Holz.

Zwei Lichtpunkte, tief unten und bernsteinfarben, wie leuchtender Pilz, wie Fuchsaugen, wie nichts, was er je gesehen hat. Sie spiegeln nicht das Sternenlicht. Sie erzeugen ihr eigenes. Und sie sind auf ihn gerichtet.

Er denkt, absurderweise, an Kirche. Die lutherische Kirche seiner Gro?mutter in Minnesota, die harten B?nke, das Knien. Sie hat immer gesagt, Gott sei in der Stille zwischen den Worten. Sie hat immer gesagt, man wisse, dass Er nah ist, wenn man nicht sprechen kann.

Mason kann nicht sprechen. Und was auch immer in diesen B?umen steht, ist nicht Gott.

Mason Vogt kniet im Schlamm im Schwarzwald im Dunkeln, blutend an den Kn?cheln, hart in der Hose, und eine Anwesenheit sieht ihm aus den B?umen zu.

Ein Ding, das dieses Revier auf zweieinhalb Metern mit Klauen markiert hat.

Das einen tellergro?en Fu?abdruck hinterlassen hat.

Das nach dem Ende von allem riecht, was er über sich zu wissen glaubte.

Er müsste laufen.

Er müsste schreien.

Er ?ffnet den Mund, und es kommt nichts heraus.

Diese Augen wie entzündetes Harz blinzeln. Langsam. Geduldig. So, wie ein R?uber blinzelt, wenn die Beute schon aufgeh?rt hat zu laufen.

Das Grollen kommt wieder. Tiefer diesmal. L?nger. Mason spürt es in den Plomben, im Brustbein, am Ansatz der Wirbels?ule. Die Mitteilung hat sich nicht ge?ndert:

Ich sehe dich.

Aber es kommt etwas dazu. Ein zweiter Satz, getragen auf der subsonischen Frequenz, verstanden nicht vom Verstand, sondern vom Mark:

Ich warte.

Die Augen schlie?en sich.

Das Dunkel ist wieder vollst?ndig.

Mason kniet lange im Schlamm. Minuten. Vielleicht l?nger.

Die Zeit ist im Dunkeln flüssig geworden, nicht messbar, und alles, was er hat, ist sein Atem und sein Herzschlag und der Geisterabdruck dieses Grollens, das noch in seinen Knochen nachklingt wie ein Draht, der auf seine Resonanzfrequenz gespannt ist.

Sein Atem wird schrittweise ruhiger. Seine H?nde l?sen sich.

Das Blut an den Kn?cheln ist klebrig und kalt geworden.

Seine Erektion ist nicht abgeklungen. Der Geruch verblasst, langsam, in Stufen, wie eine ablaufende Flut, aber er verschwindet nicht.

Er sinkt auf einen Grundwert. Eine Erinnerung. Ein Versprechen.

Als er endlich aufsteht, zittern ihm die Beine.

Schlamm verkrustet seine Knie, seine Schienbeine.

Seine H?nde sind schwarz davon. Er fummelt an der Stirnlampe, und sie klickt an, leicht, sofort, als w?re sie nie aus gewesen, als w?re die Dunkelheit die Entscheidung eines anderen Willens gewesen, der sie jetzt zurückgenommen hat.

Er dreht sich um. Er geht zurück Richtung Lager. Er sieht nicht über die Schulter.

Der Wald l?sst ihn gehen. Das ist der Gedanke, der kommt, ungerufen und sicher: nicht, dass er geht, sondern dass er freigegeben wird.

Der Unterwuchs teilt sich auf dem Rückweg leichter.

Das Totholz wirkt niedriger, die Lücken breiter.

Die Klinge, in die er hinabgestiegen ist, ist jetzt sanft, ein Hang statt einer Kletterei.

Als h?tte sich der tiefe Wald neu geordnet, w?hrend er auf der Lichtung kniete.

Als h?tte eine unsichtbare Hand ihm den Heimweg gegl?ttet.

Heim. Er hat das Lager Heim genannt. Das Wort schmeckt gleichzeitig falsch und richtig, wie ein Schlüssel, der in ein Schloss passt, von dem er nicht wusste, dass er es mit sich tr?gt.

Er geht schneller. Dann noch schneller. Seine Stiefel treffen das Moos in einem Rhythmus, der zu nichts passt, nicht zu seinem Herzschlag, nicht zum subsonischen Atem des Waldes, nur das hektische Trommeln eines Mannes, der etwas hinter sich lassen will, das ihn gar nicht jagen muss, weil es l?ngst wei?, wo er schl?ft.

Er sieht das Lager jetzt. Den schwachen Schein des abgedeckten Feuers.

Die dunklen Formen der Zelte. Er h?rt nichts.

Theo und Derek sind still. Nolan und Jonah sind nicht vom See zurück, oder doch, und sie liegen ineinandergeschlungen in einem Schlafsack, und Mason wird nicht daran denken, wird sich das nicht vorstellen, wird sich ganz sicher nicht fragen, wie es sich anfühlen würde, wenn ihn jemand so halten würde, wie Nolan gerade wahrscheinlich Jonah h?lt, vorsichtig und verzweifelt und fertig mit dem Verstellen.

Er setzt sich ans tote Feuer. Er geht nicht ins Zelt. Er sitzt im Schlamm und im Moos mit seinen zerfetzten Kn?cheln und seinem weicher werdenden Schwanz und dem Gespenst von dunklem Honig in der Nase und starrt in die B?ume.

Der goldene Blick taucht nicht wieder auf. Aber er spürt ihn. Da drau?en. Geduldig. Sicher.

Ich warte.

Mason Vogt ist kein Mann, der wegl?uft.

Er l?uft jetzt weg. Und das Ding am Weglaufen, das Ding, das jeder Feuerwehrmann am ersten Tag lernt, die erste Lektion, die einzige, die z?hlt, ist: Man kann einem Feuer nicht davonlaufen, das schon im Geb?ude ist.

Das Dunkel dr?ngt nah heran, warm und aufmerksam wie ein angehaltener Atem.

Mason schl?ft nicht.

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