KAPITEL 9

DER MORGEN, AN DEM ALLES KIPPTE

* * *

Nolan wacht davon auf, dass Mason schreit.

Dann begreift er, was es wirklich ist. Lachen.

Ein Lachen, das aus jemandem herausgerissen klingt, wie ein Husten nach einem Schlag auf die Brust. Nolan setzt sich im Zelt auf, und der Schlafsack rutscht von ihm, und seine Haut ist so empfindlich, dass das Nylon an den nackten Oberschenkeln seinen Schwanz zucken l?sst, schon halb hart, schon hei?, schon dieses tiefe, pulsierende Ziehen, das seit gestern Nachmittag nicht mehr aufgeh?rt hat.

Er kriecht aus dem Zelt.

Der See ist Glas. Das Morgenlicht schneidet seitlich durch die Fichten und trifft das schwarze Wasser und macht Quecksilber daraus.

Die Luft ist warm, immer noch zu warm für elfhundert Meter, und ges?ttigt mit dieser Sü?e.

Honig und Moos und das Tierische darunter, das Nolan die Kiefer zusammenbei?en l?sst.

Mason ist am Ufer. Er ist irgendwann vor dem Morgengrauen zurückgekommen.

Nolan hat ihn ins Lager stolpern h?ren, hat sein Atmen geh?rt, zerfetzt und ruiniert, aber nichts gesagt.

Jetzt ist Mason oberk?rperfrei, hockt da, spritzt sich Wasser ins Gesicht und in den Nacken.

Die Muskeln in seinem Rücken zittern. Nicht vor K?lte.

Theo kommt aus dem Zelt, das er sich mit Derek teilt. Sein Lockenhaar ist auf einer Seite platt gedrückt, und er tr?gt nichts au?er Boxershorts, die seine Erektion nicht im Geringsten verbergen. Er versucht auch nicht, sie zu verbergen. Versucht es seit gestern nicht mehr.

?Mason.“ Theos Stimme ist vorsichtig. ?Alles okay?“

Mason dreht sich nicht um. ?Da drau?en ist etwas.“

?Wissen wir.“

?Nein.“ Mason steht auf. Dreht sich um. Seine Augen sind blutunterlaufen und weit, und auf seiner Brust ist ein Kratzer, wahrscheinlich ein Ast, vom Durchbrechen durch den tiefen Wald im Dunkeln.

Oder kein Ast. ?Ihr wisst es nicht. Es ist. Fuck.

“ Er presst sich den Handballen aufs Brustbein.

?Ich spüre es immer noch. In der Brust. Wie ein Basston, der nicht aufh?rt. “

Derek kommt als N?chster heraus. Badehose, kein Shirt, sein schwarzes Haar steht ab. Er geht auf Mason zu, die Arzth?nde schon ausgestreckt, zwei Finger auf dem Weg zum Pulspunkt an Masons Handgelenk.

?Lass mich.“

?Fass mich nicht an.“ Mason rei?t den Arm zurück. Dann h?lt er inne. Bleibt stehen. Atmet durch die Nase. ?Tut mir leid. Nicht, noch nicht. Wenn du mich jetzt anfasst, wei? ich nicht, was ich tue.“

Jonah kommt als Letzter. Er duckt sich aus dem Zelt, das er und Nolan seit der Nacht am See teilen, und seine Augen finden sofort Nolans.

Dieser Blick. Der, der jeden vernünftigen Schaltkreis umgeht und geradewegs in Nolans Leiste und sein Herz zugleich geht.

Jonahs Mund ist noch geschwollen von letzter Nacht, von Nolans Mund darauf, und seine goldbraune Haut ist über Brust und Kehle ger?tet.

Fünf M?nner. Stehen im blassgoldenen Licht an einem Karsee, in den Priester D?monen gebannt haben. Jeder Einzelne von ihnen hart. Jeder Einzelne von ihnen vibriert davon.

Nolans Feldtagebuch liegt im Zelt. Er müsste das dokumentieren. Stadium 4, vollst?ndige Aufgabe der Hemmung, Orientierung irrelevant, der K?rper überschreibt jede kognitive Struktur. Er müsste sich Notizen machen.

Er kann keinen Stift halten. Seine H?nde zittern.

?Also“, sagt Theo. Er sieht sie alle an. Dieses rücksichtslose, ehrliche Gesicht. ?Wir spüren es alle.“

Niemand widerspricht.

?Und wir haben alle getrennt was dagegen getan.“ Theos Blick wandert von Derek, und zwischen ihnen l?uft eine aufgeladene Stille, die Erinnerung an H?nde in einem dunklen Zelt, zu Nolan und Jonah, die nah genug stehen, dass ihre Schultern sich berühren. Zu Mason, der allein steht und zittert.

?Worauf willst du hinaus?“ Masons Stimme ist eine gezackte Kante.

?Ich will darauf hinaus, dass das Getrennte nicht funktioniert.

Ich will darauf hinaus, dass es schlimmer wird.

Ich will darauf hinaus.“ Theo holt Luft.

Sieht in den Himmel. Sieht zurück. ?Ich will darauf hinaus, dass wir weiter so tun k?nnen, als g?be es W?nde zwischen uns, oder dass wir damit aufh?ren. “

Stille. Die Fichten atmen um sie herum. Etwas tief im Waldboden vibriert so schwach, dass Nolan es nur durch die Sohlen seiner nackten Fü?e spürt.

?Das sind nicht wir.“ Derek sagt es leise. Klinisch. ?Unsere pr?frontale Aktivit?t ist beeintr?chtigt. Was immer wir hier einatmen, hat die Blut-Hirn-Schranke überwunden. Die Erregungsreaktion wird auf einer neurochemischen Ebene ausgel?st, die.“

?Derek.“ Theo tritt auf ihn zu. Legt ihm eine Hand flach auf die nackte Brust. ?Du erkl?rst seit zwei Tagen. Hat Erkl?ren irgendwas repariert?“

Derek stockt der Atem. Seine Pupillen weiten sich so schnell, dass Nolan es aus drei Metern sehen kann, das Dunkle schluckt das Braun, bis seine Augen fast schwarz sind.

?Nein“, flüstert Derek.

?Dann h?r auf zu erkl?ren.“

Nolan sieht zu, wie Theo Derek küsst. Langsam. Bewusst. Dereks H?nde kommen hoch und greifen Theos Taille, und Theo biegt sich hinein und macht einen Laut an Dereks Mund, den Nolan im eigenen K?rper spürt wie eine angerissene Saite.

Jonahs Hand findet Nolans Nacken. Gro?e Hand. Warm. Sein Daumen f?hrt über den Wirbelknochen, und Nolan knicken fast die Knie weg.

?Nolan.“ Jonahs Stimme ist tief und rau und so nah, dass Nolan die Hitze seines Atems am Ohr spürt. ?Ich k?mpfe nicht mehr dagegen.“

?Du hast vor zwei N?chten aufgeh?rt zu k?mpfen.“

?Ich habe vor zwei N?chten aufgeh?rt, gegen dich zu k?mpfen. Ich meine alles.“ Jonahs Augen gehen zu den anderen. Zu Mason, der Theo und Derek beim Küssen zusieht, mit einem Ausdruck, der zu gleichen Teilen Wut und Hunger ist. ?Ich meine alles davon.“

Nolan dreht sich. Legt Jonah die H?nde auf die Brust. Die Haut ist hei? unter seinen Handfl?chen, der Herzschlag h?mmert, und Jonahs Schwanz drückt hart gegen die Shorts, und Nolan spürt ihn an seiner Hüfte, als Jonah ihn an sich zieht.

Er küsst Jonah, und es schmeckt nach Kupfer und nach dieser Sü?e, die jetzt in allem steckt, dieser Honig-Moos-Tier-Sü?e, die in allen ihren Mündern wohnt.

Jonah st?hnt hinein. Packt Nolans Arsch mit beiden H?nden und zieht ihn n?her und mahlt gegen ihn, und es ist nichts wie vor zwei N?chten.

Vor zwei N?chten war z?rtlich, war zitternd, waren zehn Jahre Liebe, die endlich atmen durften.

Das hier ist Stadium 4. Das ist aggressiv.

Das sind Jonahs Z?hne an Nolans Unterlippe und Nolans N?gel, die Jonahs Rippen hinunterrei?en, und der Laut, den Jonah macht, ist kehlig und roh und tr?gt über das stille Wasser.

Theo l?st sich von Derek. Dreht sich um. Seine Augen sind glasig und sein Mund ist nass, und er sieht Mason an.

Mason hat sich nicht bewegt. Er steht am Ufer mit geballten F?usten und hebender Brust, und sein Schwanz drückt so hart gegen die Shorts, dass der Stoff sich w?lbt und vom Lusttropfen dunkel ist.

Theo geht auf ihn zu. Langsame Schritte. Vorsichtig, so wie man sich einem Tier n?hert, das in die Enge getrieben ist.

?Lass es“, sagt Mason.

Theo bleibt stehen. Eine Arml?nge entfernt. Er greift nicht. Dr?ngt nicht. Steht einfach da, eins fünfundsiebzig drahtige, t?towierte Ehrlichkeit vor eins dreiundachtzig verkrampftem Muskel und Angst.

?Du bist letzte Nacht in den Wald gegangen“, sagt Theo. Leise. ?Was hast du gefunden?“

Masons Kiefer arbeitet. Seine Augen sind nass. ?Ich will nicht darüber reden.“

?Okay.“

?Ich bin nicht. Ich tue das nicht.“

?Ich wei?.“

?Das bin nicht ich.“

?Es sind wir alle, Mase.“

Mason macht einen Laut. Kein Wort. Etwas Tierisches und Zerbrochenes, das aus dem tiefsten Punkt seiner Brust kommt. Seine Hand kommt hoch, zitternd, riesig, die Sehnen stehen wie Kabel, und er packt Theos Handgelenk.

Theo zuckt nicht.

Mason zieht. Theo tritt heran. Und Mason drückt seinen Mund mit einer Wucht auf Theos, die kein Küssen ist, jedenfalls nicht genau.

Es ist ein Aufprall. Es ist ein brechender Damm.

Es ist jede Stunde Widerstand, die auf einmal detoniert.

Theo keucht, und Mason schluckt den Laut, und seine andere Hand greift Theos Hinterkopf, und Theos K?rper wird an Masons Brust weich wie ohne Knochen.

Nolan sieht zu. Jonah sieht zu. Derek sieht zu.

Dann bewegt sich Derek.

Er kommt hinter Theo, legt ihm die H?nde auf die Hüften und drückt den Mund in Theos Nacken, und Theo st?hnt in Masons Mund, und der Laut l?uft durch sie alle wie Strom durch Wasser.

Jonahs Hand schlie?t sich fester um Nolan. ?Fuck“, haucht er.

?Ja.“

?Ich will.“ Jonah h?lt an. Schluckt. ?Ich will alles.“

Nolan zieht Jonah zu den anderen.

Der Abstand zwischen den beiden Gruppen f?llt in sich zusammen.

Fünf K?rper laufen am Seeufer zusammen, wo das Moos dick ist und die Morgensonne die Gischt an der Karwand in prismatischen Nebel verwandelt.

H?nde finden Haut. Münder finden Münder.

Die Konstellationen sind sofort da und flie?end.

Keine Verhandlung, kein Z?gern, nur K?rper, die dem Befehl folgen, der sich seit vierzig Stunden aufbaut.

Nolan und Jonah. Zuerst. Das Fundament. Jonah zieht Nolans Shorts herunter und schlie?t die Hand um seinen Schwanz und reibt ihn, und Nolan bei?t in Jonahs Schulter, hart genug, um Salz zu schmecken.

Jonah ist dick und hei? an Nolans Oberschenkel, und Nolan greift zwischen sie und packt ihn, und Jonah macht einen Laut, als w?re er verwundet worden.

Neben ihnen Theo auf dem Rücken im Moos, Derek zwischen seinen Beinen.

Dereks Mund arbeitet sich Theos Bauch hinunter, w?hrend Mason hinter Derek kniet, eine riesige Hand über Dereks Schulterblatt gespreizt, die andere an den eigenen Shorts.

Masons Schwanz springt frei, und Nolan sieht ihn.

Schwer, dunkel ger?tet, tropfend. In seinem Kopf brennt eine Sicherung durch, weil er nicht hinsehen dürfen sollte und nicht aufh?ren kann.

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