KAPITEL 10 #3

Er zieht die Fü?e zurück. Zieht die Stiefel an. Seine H?nde zittern.

Im Zelt hinter ihm murmelt jemand im Schlaf.

Jonah vielleicht. Oder Mason. Der Laut ist klein und menschlich, und er schnürt Nolan die Kehle zu mit einem Gefühl, das er nicht benennen kann.

Nicht Angst, nicht Liebe, nicht Trauer, sondern ein Ziehen in dem Raum, in dem alle drei sich überlagern.

Das sind seine Leute. Seine Freunde. Jetzt seine Liebhaber.

Und eine Anwesenheit unter dem Boden hat sie in ihrer Aufmerksamkeit wie Insekten im Bernstein, festgehalten von Sü?e und Bedürfnis.

Er schreibt im Lampenlicht ins Feldtagebuch. Die Handschrift ist schlecht. Wird schlechter. Seine Hand zittert, und die Buchstaben kippen und verlaufen.

Tag 3, 0130. Pilzwachstum beschleunigt. Gerichtet.

Reagiert in Echtzeit auf menschliche biologische Signale.

Synchronisation Myzel–Herzschlag best?tigt.

Wachstum konvergiert auf Bereiche h?chster biologischer Aktivit?t (Schlafpl?tze, Orte sexuellen Kontakts).

Hypothese: Sporenexposition und daraus folgende menschliche physiologische Erregung erzeugen chemische Signale, die das unterirdische Netz füttern und beschleunigtes Wachstum anregen.

Wir werden von diesem ?kosystem nicht nur beeinflusst. Wir werden ihm eingegliedert.

Der Boden summt. Kein Bild. Messbare subsonische Vibration, ca. 15–20 Hz, pulsierend in einem Rhythmus, der weder geologisch noch meteorologisch erkl?rbar ist. Etwas unter dem Waldboden ist auf eine Weise lebendig, für die ich keine Taxonomie habe.

Wir sollten gehen. Ich wei?, dass wir gehen sollten.

Ich glaube nicht, dass wir es tun werden.

Er klappt das Feldtagebuch zu. Starrt ins Dunkel.

Am Rand des Feuerscheins glühen die Pilzformationen.

Grüngold. Pulsierend. Geduldig. N?her als vor einer Stunde, oder bildet er sich das ein?

Er misst die Entfernung mit den Augen. Diese Konsole an der n?chsten Fichte, war sie vorhin nicht auf der Nordseite des Stamms?

Jetzt ist sie auf der Südseite. Dem Lager zugewandt.

Ihm zugewandt.

Der Boden summt.

Nolan sitzt sehr still auf seinem Stamm und sieht dem Wald zu, wie der Wald ihm zusieht, und das Feuer brennt auf Glut herunter und das Dunkel rückt heran, und irgendwo drau?en in der weglosen Zone, tief in den B?umen, wo das Kronendach vollst?ndig ist und die Nacht total, bewegt sich eine Gestalt.

Keine Maus. Kein Reh. Eine Masse, die beim Gehen Luft verdr?ngt. Schwer und langsam und bedacht.

Er h?rt einen Ast brechen. Nicht nah. Hundert Meter entfernt, vielleicht mehr. Aber das Ger?usch ist dick und nass, wie grünes Holz, das unter ungeheurem Gewicht nachgibt.

Dann noch einer. N?her.

Dann Stille.

Nolan atmet nicht. Das Feuer ist fast aus.

Die phosphoreszierenden Pilze sind das einzige Licht, und sie glühen jetzt heller, alle zusammen, pulsieren schneller, und Nolan begreift, dass sich der Rhythmus ge?ndert hat.

Er folgt nicht mehr seinem Herzschlag. Er folgt einem anderen Rhythmus.

Einem Ruhepuls von vielleicht zwanzig Schl?gen pro Minute. Gewaltig.

Das Glühen wird st?rker, bis die n?chste Pilzkonsole hell genug ist, um Schatten zu werfen.

Und dann h?rt es auf. Alles. Das Glühen, das Summen, die Schritte im Dunkeln. Alles setzt gleichzeitig aus, als h?tte eine Hand sich auf einen Lautsprecher gelegt. Der Wald wird totenstill. Kein Wind. Keine Insekten. Kein Atmen.

Nolan sitzt in der vollst?ndigen Dunkelheit und der vollst?ndigen Stille und wartet.

Es kommt nichts.

Nach zehn Minuten, er z?hlt sie, einundzwanzig, zweiundzwanzig, weil Z?hlen die letzte rationale Handlung ist, die ihm bleibt, kehren die normalen Ger?usche zurück. Wind. ?ste. Das ferne wei?e Rauschen des Sees an seinen Ufern. Die Pilze dimmen auf ihren Grundwert herunter.

Aber der Boden h?rt nicht auf zu summen.

Es ist jetzt leiser. Fast unterschwellig. Nolan spürt es nur, wenn er die Fü?e flach auf die Erde drückt. Ein tiefes, gleichbleibendes, geduldiges Beben, wie eine Maschine im Leerlauf. Wie ein Motor, der gerade angesprungen ist und überlegt, ob er losf?hrt.

Er schl?ft nicht, als Mason ihn um drei abl?st.

Er liegt im Zelt mit Jonahs Arm quer über der Brust und starrt an die Nylondecke und spürt das Beben durch den Zeltboden, durch die Isomatte, durch die Knochen. Es h?rt nicht auf. Es wird nicht aufh?ren. Es ist da, seit sie angekommen sind, begreift er. Er hat nur nicht aufgepasst.

Jetzt passt er auf.

Jonah bewegt sich im Schlaf. Zieht Nolan n?her. Murmelt eine Silbe, die Nolans Name sein k?nnte. Sein K?rper ist warm und schwer und lebendig, und Nolan drückt sich hinein, drückt sich zurück gegen die Festigkeit eines anderen Menschen, und der Boden dr?hnt unter ihnen wie ein Versprechen.

Oder ein Hunger.

Oder beides.

Der Morgen kommt langsam und grün durchs Kronendach. Nolan hat nicht geschlafen. Er h?rt seinen Freunden beim Atmen zu. Er h?rt dem tiefen Ausatmen des Windes im Kronendach zu.

Sie haben denselben Rhythmus.

Das schreibt er nicht auf.

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