KAPITEL 11

ERSTKONTAKT

Das Feuer brennt heute Abend falsch.

Nolan merkt es vor den anderen. Die Art, wie die Flammen sich neigen. Nicht mit dem Wind, der vom See her aus Westen kommt und nach schwarzem Wasser und Stein riecht. Das Feuer neigt sich nach Osten. Zum tiefen Wald hin. Als z?ge etwas daran.

Er wei? nicht mehr, was er geglaubt hat. Der Satz h?rt einfach auf.

Auf der anderen Seite des Feuers sitzen Jonah und Derek Schulter an Schulter und reichen eine Wasserflasche hin und her.

Sie sind still seit dem Nachmittag, seit dem zweiten Mal im Zelt, seit Derek die Stirn an Jonahs Schlüsselbein gelegt und gesagt hat, ich spüre deinen Herzschlag in meinen Z?hnen.

Sie sehen ausgeh?hlt aus und gleichzeitig randvoll.

Jonahs Hand liegt auf Dereks Oberschenkel, mit der abwesenden Selbstverst?ndlichkeit von Jahren, nicht von Stunden.

Mason sitzt drei Meter hinter dem Feuerschein an einem Baum, die Knie angezogen, die Arme verschr?nkt.

Seit dem Essen hat er nichts gesagt. Im orangen Licht arbeitet ihm der Kiefer, als kaue er auf Worten, die er nicht hinunterschlucken will.

Das Beil lehnt neben ihm am Stamm, in Reichweite.

Er hat es heute Morgen dorthin gestellt und seither nicht bewegt.

Und Theo.

Theo steht am Rand des Lagers, das Gesicht den dunklen B?umen zugewandt, barfu? im Moos.

?Theo.“ Nolans Stimme kommt rauer heraus, als er es will. ?Komm, setz dich.“

Theo dreht sich nicht um. ?Spürst du das?“

?Was denn.“

?Den Boden.“

Nolan drückt den Stiefel in den Waldboden. Unter der Gummisohle, unter der festgetretenen Erde: eine Vibration. Kein Beben. Nichts Tektonisches. Etwas Rhythmisches. Etwas Biologisches. Ein Puls, gemessen in Hektar statt in Arterien.

?Das macht er seit zwanzig Minuten“, sagt Theo. Seine Stimme hat diese Qualit?t, die sie seit gestern hat, gel?st, ohne Eile, ein Mann, der in einer offenen Tür steht und nicht vorhat, sie zu schlie?en. ?Und es wird st?rker.“

?Wahrscheinlich geothermal“, sagt Derek vom Feuer her. Seine Arztstimme. Die, die er seit Tagen benutzt wie eine Aderpresse auf einer Wunde, die nicht aufh?rt zu bluten. ?Unterirdische W?rmeverlagerung aus dem vulkanischen Substrat im –“

?Es ist nicht geothermal.“ Theo dreht den Kopf gerade so weit, dass der Feuerschein die Kante seines Kiefers fasst, die dunklen Locken, die ihm schwei?nass am Hals kleben.

Selbst von hier aus sieht Nolan, dass Theos Pupillen weit aufgerissen sind, die Iris nur noch ein dünner brauner Ring um bodenloses Schwarz. ?Da kommt etwas.“

Mason l?st die verschr?nkten Arme. Die Hand findet den Beilstiel, ohne hinzusehen.

?Ihr beide, ganz ruhig.“ Jonahs Stimme, fest aus Gewohnheit, wenn schon nicht aus überzeugung.

Er l?st sich von Derek und steht auf, klopft sich die Erde von der Hose, als k?nnte Routine aufhalten, was da aus den B?umen drückt.

?Theo, der Boden vibriert. Wir lagern an einem Karsee, der von unterirdischen Quellen gespeist wird. Das ist nicht –“

?Es sind keine Quellen.“ Nolan sagt es, bevor er es sagen will.

Jonah sieht ihn an, und Nolan h?lt den Blick, und was zwischen ihnen hin und her geht, ist nicht das übliche.

Nicht das Jahrzehnt vergrabenen Verlangens, nicht die aufgeladene Schuld von vorgestern Nacht am schwarzen Wasser.

Es ist einfacher und schlimmer. Angst. Geteilte, tierische Angst. ?Quellen haben keinen Rhythmus. Das hier hat einen Rhythmus.“

Jonah spannt den Kiefer an. Er widerspricht nicht.

Die Temperatur steigt. Nolan hat es vor einer Stunde bemerkt und unter die wachsende Liste der Ph?nomene abgelegt, für die seine Feldausbildung keine Erkl?rung hat.

Auf dieser H?he, Mitte September, nach Sonnenuntergang müsste die Luft bei fünf Grad liegen.

Seine Haut sagt fünfzehn. Achtzehn. Die W?rme kommt aus dem Boden, steigt durch das Moos und die wurzeldurchzogene Erde, als h?tte der Wald Fieber, und sie tr?gt den Geruch mit sich, diesen Geruch, den, der sich seit drei Tagen aufbaut, sü? und grün und pilzig, Honig, verdickt mit etwas Dunklerem, das er nicht benennen kann, weil der benennende Teil seines Gehirns angefangen hat zu stottern.

Theo rollt die Schultern. Eine tr?ge, katzenhafte Bewegung. Er wirkt behaglich dort am Waldrand, und der Anblick zieht Nolan den Magen zusammen. Ein Mann, dem an einem Ort wohl ist, an dem Wohlsein unm?glich sein sollte.

Der Wald ist in den letzten zehn Minuten stiller geworden.

Nolan registriert das jetzt mit dem Teil seines Gehirns, der noch als Biologe funktioniert, dem systematischen Sortieren von Sinnesdaten.

Der Wind im Fichtenkronendach hat nachgelassen.

Keine Insekten. Kein Rascheln im Unterwuchs.

Der See, der fünfzig Meter hinter ihnen an Fels schl?gt, klingt fern, ged?mpft, als h?tte die Luft zwischen Wasser und Lagerplatz sich verdickt.

Was er h?rt: den eigenen Atem. Vier andere M?nner, die atmen. Das Murmeln des Feuers, w?hrend es sich neigt.

Und noch etwas. Ein Ton unterhalb des Tons.

Nicht geh?rt, eher empfangen, sein Brustkorb nimmt es auf wie eine Stimmgabel, das Brustbein summt in einer Frequenz, die seine Ohren nicht anerkennen wollen.

Er spürt es in den Backenz?hnen. In der H?hlung hinter dem Nabel.

In seinem Schwanz, der sich regt, in hilfloser, unwillkürlicher Loyalit?t zu dem, was dieses Signal erzeugt.

?Herrgott“, murmelt Jonah. Er legt sich die Hand auf die Brust. ?Leute.“

?Ja.“ Dereks ?rztliche Fassung rei?t an den R?ndern ein. ?Ich spür’s.“

Die bernsteinglühenden Pilze, die, die Nolan seit Tagen dokumentiert, die, die über Nacht an jedem Baum im Umkreis des Lagers erschienen sind, werden heller.

Nicht allm?hlich. Auf einen Schlag, als h?tte jemand an einem Regler gedreht.

Der bernsteingrüne Schein legt sich über den Unterwuchs, ein krankes, prachtvolles Licht, und macht die Fichtenst?mme zu den S?ulen eines Doms, gebaut für eine Andacht, die Nolan nicht benennen kann.

Theo hat sich vom Waldrand nicht gerührt. Er steht in diesem Licht, als w?re er dafür gemacht.

Die ersten Blüten erscheinen an den unteren ?sten der n?chsten Fichte.

Klein. Wei?. Sie ?ffnen sich in Echtzeit.

Nolan sieht zu, wie die Bl?tter sich entrollen, mit der obsz?nen Geschwindigkeit einer Zeitrafferaufnahme, nur dass das hier jetzt ist, dass das gerade geschieht, Blüten ?ffnen sich auf Rinde, die nie Blüten getragen hat, weil Fichten nicht so blühen, weil nichts so blüht.

?Keiner bewegt sich.“ Mason ist auf den Beinen. Das Beil in der Hand. ?Da ist was in den B?umen.“

Nolan steht ebenfalls auf. Das Feldtagebuch rutscht ihm vom Knie und f?llt aufgeschlagen ins Moos, und er hebt es nicht auf. Er wird es nie wieder aufheben.

?Was ist das? Was zum Teufel ist das?“ Jonah zeigt auf die n?chste Fichte.

Weitere Blüten ?ffnen sich an ihrem Stamm, nicht an den ?sten, wo Blüten hingeh?ren, sondern auf der Rinde selbst, wei?e Bl?tter dr?ngen aus den Spalten, als schlüpfe unter dem Holz etwas aus.

Sie leuchten schwach. Sie riechen wie die Sporen, nur konzentriert, ein Parfüm, destilliert aus der Chemie, mit der der Wald sie seit drei Tagen s?ttigt.

Nolan dreht sich der Magen um, und sein Schwanz pocht, und beide Reaktionen fühlen sich an wie dieselbe Reaktion, ein Gedanke, den er sp?ter untersuchen wird, falls es ein Sp?ter gibt.

Derek ist jetzt auch auf den Beinen. ?Das ist nicht. Blüten wachsen nicht auf Rinde. Nicht so. Nicht in Echtzeit. Allein die Zellteilung würde –“

?Derek.“ Jonah legt ihm die Hand auf die Schulter. ?H?r auf zu diagnostizieren.“

?Ich diagnostiziere nicht, ich stelle fest, dass die physikalischen Gesetze des Zellwachstums gerade –“

?Sie sind nicht für uns.“ Theos Stimme schneidet vom Waldrand herüber. Ruhig. Sicher. ?Die Blüten. Sie wachsen nicht für uns. Sie kündigen eine Ankunft an.“

Die Stille danach ist die lauteste Stille, in der Nolan je gestanden hat.

Die Blüten breiten sich aus. Sie kriechen die St?mme hinauf, in senkrechten Linien, wei? auf dunklem Holz, und zeichnen Bahnen, die weniger nach Wachstum aussehen als nach Absicht. Als bewege sich eine Anwesenheit durch den Wald, und der Wald kündigt sie an.

Die subsonische Frequenz sinkt tiefer. Nolans Sehen stolpert.

Es verschwimmt nicht, es sch?rft sich. Jede Einzelheit am Waldrand springt in übersch?rfe: die Struktur der rauen Oberfl?che, die einzelnen Nadeln an den Fichtenzweigen, die feinen Myzelf?den, die im Moos sichtbar werden wie ein an die Luft gelegter Blutkreislauf.

Er kann die Sporen sehen. Er begreift es mit klinischem Grauen.

Die Luft zwischen den B?umen ist dicht davon, nicht mehr unsichtbar, sondern schwach leuchtend, in langsamen Str?mungen treibend, goldbernsteinfarben, wie Blütenstaub von etwas, das nie die Sonne gesehen hat.

?Da“, sagt Theo. Kein Alarm. Keine Furcht. Das Wort landet weich wie ein Seufzer.

Nolan folgt Theos Blick zu der Lücke zwischen zwei m?chtigen Fichten am Ostrand des Lagers, dorthin, wo das Feuer sich hinneigt und die Blüten am h?chsten geklettert sind, und er sieht es.

Er sieht ihn.

Zweieinhalb Meter Unm?glichkeit, aufrecht im Dunkeln.

Das Erste, was Nolan verarbeitet, ist die Silhouette.

Die Form falsch, zu hoch, zu breit, Proportionen, die sein Gehirn zurückweist und dann annimmt und dann wieder zurückweist, in einem Kreislauf, von dem ihm übel wird.

Dann fasst das Bernsteinlicht ihn, und die Einzelheiten l?sen sich auf wie ein Foto, das in warmem Licht entwickelt wird.

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