KAPITEL 11 #3
Theo hebt die Hand und legt sie über Splints Hand an seinem Gesicht.
Seine Finger sehen klein und blass aus gegen die dunkle Holzhaut.
Die T?towierungen auf seinem Unterarm, ein Sleeve aus Blackwork, das Nolan tausendmal bei Grillabenden und Hauspartys und besoffenen N?chten gesehen hat, sehen neu aus.
Sehen aus, als geh?rten sie zu einer anderen Art.
?Ja“, flüstert Theo. Er beantwortet die Frage, die in keiner Sprache gestellt wurde. ?Ja. Okay.“
Splints andere Hand kommt hoch und bettet Theos Hinterkopf.
Behutsam. Die dicken Finger fahren in Theos dunkle Locken, und Theo schlie?t die Augen, und ihm f?llt der Mund auf, und der Laut, den er macht, ist so privat, dass Nolan wegsieht.
Als er zurücksieht, ist Splint einen Schritt zurückgetreten.
In die B?ume hinein. Die Hand noch an Theo. Er zieht ihn nach.
Theo folgt.
?Nein.“ Mason setzt sich in Bewegung, und Jonah packt ihn am Arm.
?Lass“, sagt Jonah. In seiner Stimme liegt ein Ton, den Nolan noch nie geh?rt hat, Ehrfurcht, verflochten mit Entsetzen, der Klang eines Mannes, der begreift, dass er etwas Heiligem und Schrecklichem zusieht, etwas, das gr??er ist als seine F?higkeit einzugreifen. ?Mason. Sieh ihn dir an.“
Theo l?chelt. Nolan sieht es im Profil, als er zwischen den beiden m?chtigen Fichten hindurchgeht, Splint hinterher in den tiefen Wald.
Kein manisches L?cheln. Nicht die Grimasse eines Mannes, den man zu seinem Tod führt.
Ein stilles, sicheres L?cheln. Das L?cheln von jemandem, der gerade gefunden hat, wonach er nicht wusste, dass er suchte.
Die Blüten schlie?en sich hinter ihnen. Das Bernsteinlicht dunkelt ab. Die subsonische Vibration verebbt an den Rand der Wahrnehmung, noch da, aber fern, wie ein Gewitter, das weiterzieht. Die Sporen setzen sich. Das Feuer richtet sich auf, brennt wieder gerade, neigt sich nicht mehr nach Osten.
Der Wald hat, was er wollte.
Mason schüttelt Jonahs Hand vom Arm. Er stellt sich an den Waldrand, das Beil erhoben, und starrt in die Dunkelheit zwischen den St?mmen. Nichts sieht zurück.
?Wir müssen ihm nach.“ Masons Stimme ist wund. Zerst?rt.
?Und dann?“ Derek hat sich nicht vom Feuer gerührt.
Er sitzt da, die Ellbogen auf den Knien, die H?nde vorm Gesicht.
Als er sie sinken l?sst, tr?gt er den Ausdruck, den Nolan schon in der Notaufnahme an ihm gesehen hat, das Triage-Gesicht, das hei?t, dass die Lage seiner F?higkeit, sie zu reparieren, davongelaufen ist. ?Mason.
Was glaubst du, was du mit dem Beil ausrichtest gegen, gegen was auch immer das war? “
?Es hat ihn geholt.“
?Er ist gegangen.“ Nolan sagt es leise, und Mason f?hrt zu ihm herum, das Beil noch oben, die Augen brennend, und für eine kranke Sekunde denkt Nolan, Mason k?nnte zuschlagen. ?Er ist gegangen, Mason. Du hast es gesehen. Er hat sich entschieden.“
?Er ist zugedr?hnt! Wir sind alle zugedr?hnt. Diese verfluchten Sporen oder was das ist, er ist nicht bei Verstand, keiner von uns ist bei Verstand.“
?Wann war Theo je bei Verstand?“ Der Witz ist Reflex.
Er kommt aus Jonahs Mund und stirbt in der Luft, und Jonah sieht aus, als wollte er ihn zurücknehmen, kann es aber nicht, weil er au?erdem wahr ist. Theo war nie der Vorsichtige.
Theo ist auf das Ding zugegangen, w?hrend die anderen in ihrer pisswarmen Angst standen und rechneten.
Mason senkt das Beil. Nicht, weil er überzeugt w?re. Weil sein Arm zu stark zittert, um es oben zu halten.
Die Stille dehnt sich. Derek bricht sie zuerst.
?Hat sonst noch jemand.“ Er h?lt an. Schluckt. Versucht es noch mal. ?Hat sonst noch jemand das gespürt? Als es, als Splint ihn berührt hat. Ich hab gespürt.“ Er presst sich die flache Hand aufs Brustbein. ?Hier. Wie eine Tür, die aufgeht. Nicht in mir. In der Luft. Im Boden.“
?Ich hab’s gespürt“, sagt Jonah. Leise. Ehrlich. Seine Hand findet Nolans Hand im Dunkeln und drückt fest genug zu, dass es wehtut, und Nolan drückt zurück, und keiner von beiden tut so, als w?re die Berührung beil?ufig. ?Ich hab alles davon gespürt.“
Mason geht auf die andere Seite des Lagers und setzt sich mit dem Rücken zur Gruppe.
Das Beil quer über den Knien. Die Schultern starr.
Er sagt für den Rest der Nacht nichts mehr, aber Nolan sieht, wie ihm die H?nde zittern, dort, wo sie den Beilstiel umklammern, und einmal, ein einziges Mal, presst Mason die Stirn an die flache Seite der Klinge und h?lt sie dort, und der Laut, den er macht, ist so klein und so kaputt, dass Nolan so tut, als h?tte er ihn nicht geh?rt.
Sie sitzen. Sie warten. Keiner schl?ft. Das Feuer brennt herunter, und keiner legt nach.
Der tiefe Wald setzt sich um sie herum, dieses tiefe, gleichm??ige Ausatmen von Wind durch eine Million Fichtennadeln, das heute Nacht weniger nach Wetter klingt und mehr nach Zufriedenheit.
Die bernsteinglühenden Pilze an den Randb?umen pulsieren in langsamen Zyklen, dunkeln ab und werden heller, dunkeln ab und werden heller, als schliefe der Wald und sie w?ren in seinem Traum.
Stunden vergehen. Oder Minuten. Die Zeit hat den Griff verloren.
Nolan hebt das Feldtagebuch aus dem Moos. Er schl?gt den letzten Eintrag auf. Ich glaube
Er klappt es zu, ohne ein weiteres Wort zu schreiben.
Irgendwo im Dunkeln ?ffnet sich eine Blüte.