KAPITEL 12

WAS THEO FAND

Theo hat keine Angst. Das ist das Verrückte daran.

Er müsste welche haben. Er geht nachts barfu? durch den tiefen Wald, neben jemandem, der zweieinhalb Meter gro? ist und aus Holz besteht und riecht wie die Erde, nachdem der Blitz eingeschlagen hat, und sein Stammhirn, der Teil, der eigentlich lauf lauf lauf du sch?ner Idiot schreien müsste, ist still.

Es summt stattdessen. Dieselbe tiefe Frequenz wie die Vibration, die unter seinen Fü?en durch den Boden rollt und die er jetzt mit dem ganzen K?rper spürt, nicht nur mit den Sohlen.

Sie ist in seinen Schienbeinen. Seinen Oberschenkeln.

Seinem Schritt. Seinen Eingeweiden. Der Brustkorb schwingt mit, als stünde er in einer Glocke, die eben angeschlagen wurde.

Splint bewegt sich vor ihm durch die B?ume, mit einer Geschmeidigkeit, die zu nichts von dieser Gr??e geh?rt.

Kein Brechen im Gestrüpp. Keine knackenden ?ste.

Der Wald ?ffnet sich vor ihm und schlie?t sich hinter ihm, und Theo geht auf dem Pfad, den das ergibt, Moos und weiche Erde, jeder Schritt warm, was falsch ist, denn es ist nach Mitternacht in einem Bergwald Mitte September und seine blo?en Fü?e müssten taub sein.

Sie sind nicht taub. Sie sind wach. Jede Nervenendigung in seinen Sohlen brennt wie die bernsteinglühenden Wurzeln, die im Boden pulsieren, und er spürt durch den Boden Dinge, die zu spüren ihm nicht zusteht.

Die Wurzelsysteme der B?ume, die sich hunderte Meter in jede Richtung ziehen, die Pilzf?den, die sich hindurchflechten wie ein zweites Nervensystem, und irgendwo unter allem, tief, ein Herzschlag, der nicht seiner ist.

Die Sporen sind dicht hier. Sichtbar. Sie treiben in langsamen, tr?gen Str?mungen durch die B?ume, bernsteingolden, und fangen den Schein des leuchtenden Mooses auf Splints Schultern und Rücken.

Theo atmet sie ein, ohne es zu unterdrücken, und sie schmecken wie, er hat keine Worte.

Honig kommt nahe. Dunkler Waldblütenhonig, erhitzt bis knapp vor die Karamellisierung, gemischt mit etwas Grünem und Lebendigem und schwach Metallischem.

Jeder Atemzug lockert ihn weiter. Nicht schwindlig.

Nicht bet?ubt. Ge?ffnet. Als w?re sein K?rper eine Faust, die siebenundzwanzig Jahre lang geballt war und jetzt endlich, Finger für Finger, losl?sst.

Splint bleibt stehen.

Sie sind auf einer Lichtung. Theo wei? nicht, wie weit vom Lager entfernt, k?nnte den Weg nicht zurückverfolgen, wenn sein Leben daran hinge, und es ist ihm egal.

Das Kronendach ist hier dünner, oder vielleicht haben die B?ume sich zurückgezogen, und eine Mondsichel findet ihren Weg herunter.

Sie trifft den Boden der Lichtung, und das Moos leuchtet, wo das Licht es berührt.

Die Luft ist warm. Tropisch warm. Eine W?rme, die Kleidung zur Beleidigung an der Haut macht.

Splint dreht sich zu ihm um.

Theo stockt der Atem. Wegen des Ma?stabs, zum ersten Mal von vorn gesehen, ohne das Dazwischen des Lagerfeuers.

Im Mondlicht und im Bernsteinschein ist Splint, Gott, er ist sch?n auf eine Weise, die das Wort ?sch?n“ zu einem Spielzeug macht, das man gegen einen Berg wirft.

Zweieinhalb Meter lebendige Architektur.

Die Holzhaut dunkler auf Brust und Bauch, heller an den Innenseiten der Arme, aufgesprungen und strukturiert in Mustern, die gewachsen aussehen und nicht entworfen.

Das Moos auf den Schultern glüht weich bernsteingrün, zieht sich die Oberarme hinunter, und zwischen den Moospolstern die wei?en Blüten.

Dutzende jetzt. Sie haben sich seit dem Lager ausgebreitet, die Unterarme hinauf, an den Schlüsselbeinen entlang, in Büscheln an der Kehle.

Sie zittern, w?hrend Theo hinsieht, die Bl?tter flattern, und sie erzeugen die Sporen.

Theo kann den goldenen Staub aus ihren offenen Mitten steigen sehen.

Sein Gesicht. Theo zwingt sich, Splint ins Gesicht zu sehen und den Blick zu halten.

Die Züge sind beinahe menschlich, so wie eine Maske beinahe menschlich ist, die Proportionen gerade falsch genug, um ins Unheimliche zu kippen, die Wangenknochen scharf wie gespaltenes Holz, die Braue ein schwerer Grat aus dunklerer Rinde.

Aber die Augen. Die Augen sind warm und lebendig und bernsteinfarben und sehen Theo an mit einem Ausdruck, den Theo wiedererkennt, weil er ihn selbst getragen hat, in jeder Bar und jedem Schlafzimmer und auf jeder Rückbank, wo er jemanden so sehr gewollt hat, dass ihm die H?nde zitterten.

Eifer.

Splint ist begierig.

Das Signal ?ndert sich. Theo spürt, wie es durch ihn rollt, aus dem Boden in die Beine und die Wirbels?ule hinauf, und dieses hier hat Textur. Nicht nur Frequenz, sondern Muster. Ein Steigen und Fallen. Ein Fragezeichen aus subsonischem Klang.

?Ich geh nirgendwo hin“, sagt Theo. Seine Stimme klingt fremd hier drau?en. Zu klein. Zu menschlich. ?Ich bin genau hier.“

Splints Mund ?ffnet sich. Vorher war er nicht zu sehen, nur eine versiegelte Linie in der Holzhaut, aber jetzt ?ffnet er sich, weit, weiter als ein menschlicher Mund, und drinnen: nicht der Horror, den Theo erwartet hat.

Glatt und dunkel, wie die Innenseite eines polierten Steins, und die Z?hne, nicht spitz, nicht bedrohlich, rund und dunkel wie Flusskiesel, und dahinter eine Zunge, die, Herrgott.

Das ist keine Zunge. Das ist etwas Greifendes und Dunkles und Gl?nzendes, und Theos Schwanz zuckt bei dem Anblick so heftig, dass er tats?chlich taumelt.

Die Sporen schie?en hoch. Theo spürt es wie einen Schlag aus W?rme gegen die Brust. Splints Erregung speist die Sporenabgabe, und die Sporenabgabe speist Theos Erregung, und die Schleife zieht sich mit jeder Sekunde enger, ein Kreis, der ihn umbringen oder neu machen wird, und ehrlich gesagt ist ihm egal, was von beidem.

Er zieht sich das Shirt über den Kopf.

Die Nachtluft trifft seine Haut, und es fühlt sich an wie H?nde.

Wie hundert warme Handfl?chen, die sich gleichzeitig gegen ihn drücken.

Die Sporen setzen sich auf seiner nackten Brust und den Schultern ab, und der Kontakt ist, Schei?e.

Schei?e. Jedes St?ubchen goldenen Staubs ist ein Nadelstich Hitze, der durch die Haut in den Muskel darunter sinkt, und der ganze Oberk?rper l?uft ihm rot an, das Blut steigt an die Oberfl?che, als griffe sein K?rper nach mehr.

Splint sieht ihm beim Ausziehen zu. Diese von innen erleuchteten Augen verfolgen die Bewegung des Shirts über den Kopf, das Freilegen der t?towierten Arme und der Brust, den Barbell durch die linke Brustwarze, der das Mondlicht f?ngt.

Die Blüten auf Splints K?rper antworten, ?ffnen sich weiter, neue brechen an seinen Hüften auf, ziehen sich hinunter Richtung.

Theos Blick folgt der Blütenlinie nach unten.

Er sieht.

Proportional zu seiner Gr??e, liefert sein Gehirn, und dann nimmt sein Gehirn Urlaub, weil proportional zu zweieinhalb Metern uraltem Waldwesen keine menschliche Anatomie mehr ist. Die Form ist nah genug, um sie zu lesen, dick, schwer, aus einer Naht am Schritt hervortretend, wo die Textur von rau zu glatt wechselt, die Haut dort fast seidig, olivdunkel, aber die Oberfl?che.

Gerippt. Strukturierte Muster laufen in spiraligen Linien über die volle L?nge, und die Rippen sind ausgepr?gt, absichtsvoll, als h?tte sie etwas entworfen, das verstand, was Reibung mit menschlichen Nervenenden anstellt.

Der ganze Schaft gl?nzt. Nass. überzogen mit etwas Bernsteinfarbenem und Z?hem, das den Schein f?ngt wie flüssiges Gold.

Der bernsteinfarbene Saft. Theo riecht ihn auf zwei Meter Entfernung, warm, sü?, dick wie Honig, aber lebendig von einer Verbindung, die ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen l?sst und sein Loch zucken und sein Gehirn an Stellen aufleuchten, die mit rationalem Denken nichts zu tun haben.

?Oh“, sagt Theo. Nur das. Nur oh. Der ehrlichste Laut, den er je gemacht hat.

Er ?ffnet die Hose mit H?nden, die zittern, und sch?mt sich nicht für das Zittern.

Er schiebt sie hinunter, steigt heraus, und er ist nackt auf einer Lichtung im Schwarzwald unter einer Mondsichel, so hart, dass es wehtut, und steht vor einem Wesen, das nicht menschlich ist, und will es mit einer Reinheit des Verlangens, die jeden Fick ausl?scht, den er je hatte.

Jeder Mensch, den er je gewollt hat, war eine Skizze. Das hier ist das Gem?lde.

Splint überbrückt den Abstand mit einem Schritt.

Die Hitze von ihm trifft Theo, bevor die Berührung es tut, sie strahlt von der Holzhaut wie von einem Holzofen, trocken und sü? und alles umfassend.

Dann sind Splints H?nde an ihm. Beide H?nde.

Diese dicken, langen Finger legen sich um Theos Taille und umspannen sie fast ganz.

Theo ist eins fünfundsiebzig und drahtig, und Splints H?nde treffen sich beinahe an seiner Wirbels?ule.

Die Berührung ist warm. Die Holztextur an seiner nackten Haut ist rau und glatt zugleich, wie feink?rniger Sandstein, und wo Splints Handfl?chen gegen Theos Rippen drücken, kommt das Moos an Splints Handgelenken in Kontakt, und es ist weich, unm?glich weich, ein samtener Gegensatz zu der rauen W?rme, der Theo nach Luft schnappen l?sst.

Splint hebt ihn hoch.

Hebt ihn hoch, als w?ge Theo nichts. Als w?re Theo ein Getr?nk, das man zum Mund führt.

Der Boden verl?sst Theos Fü?e, und die Welt kippt, und er ist auf Brusth?he mit Splint, Gesicht zu Gesicht, die Beine baumeln, und Splints Augen, golden, bodenlos, sind fünfzehn Zentimeter von seinen entfernt und glühen so hell, dass Theo darin sein eigenes Spiegelbild sehen kann: ein kleiner, nackter, harter, keuchender Mensch, gehalten in den H?nden eines Wesens, das schon alt war, als die R?mer diesen Wald benannten.

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