KAPITEL 16
ALLE FüNF, VERWANDELT
Nolan Hale wacht auf, und es riecht nach kalter Asche und Fichtenharz und darunter nach einer Sü?e, die er nie wieder aus seiner Erinnerung schrubben wird.
Morgengrauen. Graues Licht f?llt in gebrochenen S?ulen durch das Kronendach und macht aus dem Lagerplatz eine Studie in Helldunkel.
Die Feuerstelle ist tot. Seit zwei Tagen hat sie niemand mehr gefüttert.
Ihre Ausrüstung liegt verstreut, die Rucks?cke sacken an den St?mmen wie ersch?pfte Wachposten, ein Kochtopf liegt umgekippt im Moos.
Nach Osten hin ist der See durch die B?ume zu sehen, seine schwarze Oberfl?che h?lt das Grau des Himmels wie ein dunkler Spiegel.
Jonah liegt warm an seinem Rücken. Der Arm über Nolans Hüfte gelegt, das Gesicht zwischen die Schulterbl?tter gedrückt, der Atem langsam und gleichm??ig.
Nolan inventarisiert den Kontakt: Jonahs Handfl?che flach auf dem Bauch, Jonahs Knie hinter sein eigenes geschoben, Jonahs Herzschlag an der Wirbels?ule.
Er spürt eine Z?rtlichkeit, so scharf, dass sie an Trauer grenzt.
Vor drei Tagen h?tte er Organe dafür verkauft.
Jetzt ist es einfach wahr. Das Schlichteste in seinem Leben.
Er l?st sich vorsichtig heraus. Jonah murmelt etwas, wacht aber nicht auf.
Nolan setzt sich im Schlafsack auf, und der K?rper meldet den Morgen in einer Reihe von Beschwerden: steifer Nacken, wunde Hüften, zerschlagene Knie.
Und unter den Beschwerden ein tiefes Summen von Wohlbefinden, das physiologisch kein Recht hat, da zu sein.
Es geht ihm gut. Er ist gestimmt. Als w?re jede Zelle in seinem K?rper auf eine Frequenz nachgestimmt worden, von deren Existenz er nichts wusste.
Er sieht auf seine H?nde hinunter. Die bernsteinglühenden Spuren sind noch da.
Blasse Bernsteinadern auf Handgelenken und Handfl?chen, dort, wo Moders Ranken ihn berührt haben.
Bei vollem Tageslicht sind sie fast unsichtbar.
Im grauen Morgenlicht glühen sie sanft, eine Karte all der Stellen, an denen er berührt worden ist.
Er zieht die Stiefel an und steht auf. Das Feldtagebuch steckt in seiner Jackentasche.
Er nimmt es heraus und schl?gt den letzten Eintrag auf, drei Tage alt, die Handschrift schon zittrig, Notizen über Myzeldichte und Sporenverteilung, die ins Unleserliche auslaufen.
Er starrt auf die leere Seite nach dem letzten Eintrag. Nimmt den Bleistift.
Die Hand ist jetzt ruhig. Er schreibt:
Tag 5. Alle Probanden zeigen physiologische Ver?nderungen nach Exposition.
Bernsteinglühende dermale Spuren, vereinbar mit Pilzlumineszenz (vermutlich luciferinbasiert).
Erh?hte Ausgangserregung persistiert, aber stabilisiert.
Kognitive Funktion offenbar unbeeintr?chtigt, evtl.
gesteigert, Wahrnehmungssch?rfe erh?ht. Myzelkontakt hat bidirektionalen Kommunikationsweg etabliert.
Er h?rt auf. Liest es noch einmal. Die klinische Sprache ist notwendig und absurd zugleich, so, als beschriebe man einen Dom, indem man die chemische Zusammensetzung des Steins auflistet.
Sie sind jetzt in uns, schreibt er darunter. Und wir sind in ihnen. Und ich wei? nicht, wie man darüber ein Paper schreibt.
Er klappt das Feldtagebuch zu.
Theo und Derek sind drei?ig Meter ?stlich, nahe am Seeufer.
Nolan kann sie durch die B?ume sehen. Theo sitzt im Schneidersitz auf einem Felsblock, mit nacktem Oberk?rper, die bernsteinglühenden Spuren auf seinem Rumpf ausgepr?gter als bei allen anderen.
Die bernsteingrünen Muster laufen von den Schlüsselbeinen bis zu den Hüftknochen in verzweigten Linien, die Gef??netze nachbilden.
Derek sitzt neben ihm, aufrechter, gefasster, aber die H?nde liegen auf Theos Oberschenkel mit einer Selbstverst?ndlichkeit, die vor einer Woche undenkbar gewesen w?re.
Die K?pfe stecken zusammen. Sie reden leise.
Von Mason keine Spur.
Nolan macht Feuer. Die mechanische Arbeit erdet ihn: trockene Rinde zerknüllen, Anzündholz zu einem Tipi schichten, den Feuerstahl schlagen, bis die Funken fangen.
Die Flamme greift, und er füttert sie mit toten Fichten?sten, und der Rauch steigt durch das Kronendach wie ein Opfer.
Er füllt einen Topf mit Seewasser und stellt ihn auf den flachen Stein, den sie als Kochplatte benutzen.
Kaffee. Der Rest ihres Kaffeepulvers. Manche Rituale überleben die Apokalypse.
Derek kommt als Erster. Auch sein Schwimmerk?rper ist gezeichnet. Bei ihm sitzen die Spuren an H?nden und Unterarmen, verzweigen sich von den Handgelenken aufw?rts wie Handschuhe aus mattem Licht. Er setzt sich Nolan gegenüber ans Feuer und sagt lange nichts. Dann:
?Puls zweiundsechzig. In Ruhe. Was nicht m?glich sein dürfte bei meinem Cortisolspiegel, der garantiert durch die verdammte Decke geht.“
Nolan nickt. ?Bei mir auch. Ich bin ruhig, und ich wei?, dass ich es nicht sein dürfte. Die Dissoziation zwischen subjektivem Erleben und erwarteter Neurochemie ist –“
?Schr?g.“
?Schr?g“, stimmt Nolan zu.
Derek h?lt die H?nde über das Feuer. Die Spuren reagieren auf die W?rme, werden heller, die verzweigten Linien flackern einmal auf, zweimal.
Er starrt sie an. ?Ich kann Splint spüren“, sagt er.
?Jetzt gerade. Nicht hier, aber –“ Er tippt sich aufs Brustbein.
?Da. Eine Anwesenheit. Als wüsste man, dass jemand im Nebenzimmer ist, auch wenn man ihn nicht h?rt. “
?Die Verbindung ist nicht abgerissen, als du ihn verlassen hast.“
?Verlassen.“ Dereks Mundwinkel zuckt. ?Das ist eine Art, es zu beschreiben: im Morgengrauen mit leuchtenden Handabdrücken auf der Brust ins Lager zurückzulaufen, nachdem man –“ Er h?rt auf. Reibt sich das Gesicht. ?Wie kannst du dabei so ruhig bleiben?“
Nolan überlegt ehrlich. ?Weil ich Biologe bin. Und was ich hier sehe, was mit uns passiert, ist das au?ergew?hnlichste symbiotische Ereignis, das mir je begegnet ist. Die Angst und die Ehrfurcht k?mpfen miteinander, und die Ehrfurcht gewinnt.“
Theo kommt barfu?, die Jeans tief auf den Hüften, die Spuren auf seiner Haut fangen das frühe Licht.
Er l?sst sich neben Derek fallen und lehnt sich ohne Umst?nde an ihn.
Dereks Arm legt sich ihm automatisch um die Schultern.
Nolan sieht das, die Selbstverst?ndlichkeit, das Fehlen jeder Aushandlung, und fügt es seiner laufenden Liste der Verwandlungen hinzu.
?Kaffee?“, sagt Theo.
?Zwei Minuten.“
?Wo ist Mason?“
Die drei sehen nach Süden. Der tiefe Wald ist eine Wand aus dunklen St?mmen, undurchdringlich, gibt nichts zurück.
?Er ist letzte Nacht rein“, sagt Nolan. ?So gegen Mitternacht. Ich bin aufgewacht, und er war weg.“
?Kern“, sagt Theo. Keine Frage.
?Kern.“
Stille. Das Wasser dampft. Irgendwo im Kronendach schreit ein Eichelh?her, das erste normale Waldger?usch, das Nolan seit Tagen h?rt. Es wirkt anachronistisch, wie eine Autohupe in einem mittelalterlichen Gem?lde.
Jonah kommt vom Zeltplatz herunter. Zerknittert, vorsichtig in den Bewegungen, die Spuren auf seiner Haut beschr?nkt auf die H?nde und den Nacken, dort, wo Nolan ihn nach seiner Rückkehr von Moder berührt hat.
Er setzt sich neben Nolan, ihre Schultern drücken aneinander, und keiner von beiden rückt weg.
?Mason?“, fragt Jonah.
?Immer noch drin.“
Jonahs Kiefer wird hart. Der Beschützerinstinkt. Jonah war immer der Schwerpunkt der Gruppe, der, der K?pfe z?hlt, der auf den Langsamsten wartet, der in den Rückspiegel schaut. ?Sollten wir nicht –“
?Nein.“ Theo ist sich sicher. ?Da geht man nicht dazwischen. Er kommt anders zurück, aber er kommt zurück.“
Sie trinken Kaffee. Er ist verbrannt und k?rnig und vermutlich das Beste, was Nolan je geschmeckt hat, weil er normal ist, weil er zu der Welt geh?rt, aus der sie kommen, weil seine Zunge sogar jetzt noch unterscheiden kann zwischen dem hier, dem, was ich kenne, und allem anderen, dem, was ich werde.
Mason taucht um 9:14 Uhr auf. Nolan sieht aus Gewohnheit auf die Uhr, der Wissenschaftler in ihm protokolliert selbst jetzt noch Daten.
Er tritt langsam aus dem Waldrand. Nackter Oberk?rper.
Das Hemd ist weg, die Fetzen davon liegen wahrscheinlich noch auf dem Waldboden.
Sein Rumpf ist eine topografische Karte dessen, was mit ihm passiert ist: Rindenschürfungen quer über Brust und Bauch, rohe rote Linien wie Schürfwunden vom Asphalt.
Und durch die Schürfungen hindurch und über sie und unter ihnen leuchtende Spuren, lebhafter als bei allen anderen.
Nicht nur Bernstein. Gold. Lichtadern laufen von den Schlüsselbeinen bis zum Hosenbund, legen sich um die Arme, klettern den Hals hinauf.
Seine Augen sind geschwollen. Die Kn?chel sind aufgeplatzt und mit Bernstein verschmiert.
Er geht wie jemand, den man auseinandergenommen und leicht falsch wieder zusammengesetzt hat, dieselben Knochen, dieselben Muskeln, aber das Betriebssystem darunter neu geschrieben.
Niemand sagt etwas. Mason durchquert den Lagerplatz in sieben langsamen Schritten.
Nolan verfolgt den Schaden: Die Schürfungen gehen auf der linken Seite tiefer, konzentriert um Rippen und Hüfte, und der getrocknete Bernstein auf seiner Haut gibt ihm das Aussehen eines vergoldeten K?rpers, eines geweihten K?rpers.
Sein Bart ist verfilzt. Seine Augen, als sie kurz Nolans treffen, sind andere.
Nicht zerbrochen. Geleert und wieder aufgefüllt mit einer Substanz, für die Nolan keine Taxonomie hat.
Mason setzt sich ans Feuer, nimmt den Topf und gie?t sich Kaffee ein. Die H?nde zittern ihm. Die Flüssigkeit schwappt. Er trinkt. Nimmt noch einen langen Schluck. Stellt den Topf mit übertriebener Sorgfalt ab, wie ein Mann, der sich daran erinnert, wie Gegenst?nde funktionieren.
?Nicht“, sagt er, ohne jemanden anzusehen.
?Niemand hat –“, f?ngt Jonah an.