KAPITEL 17

DER ABSTIEG

Die Erde ?ffnet sich wie eine Wunde.

Nolan sieht zu, wie Kern eine gewaltige Hand an den Fu? eines Fichtenstamms legt.

Uralt, gut ein Meter im Durchmesser, die Rinde so tief gefurcht, dass sie geologisch aussieht.

Er drückt. Nicht fest. Ein Vorschlag. Das Wurzelwerk antwortet.

Der Boden rei?t entlang von N?hten auf, von denen Nolan nicht wusste, dass es sie gibt, und die Wurzeln ziehen sich auseinander wie Finger, die sich ?ffnen, und geben eine Lücke frei, breit genug, dass ein Mann hindurchgehen kann.

Keine H?hle. Kein Loch. Eine Tür.

Der Geruch, der von unten aufsteigt, trifft ihn am weichen Gaumen und macht weiter, bohrt sich durch die Nebenh?hlen und ins Fleisch seines Gehirns. Petrichor, tausendfach verst?rkt. Honig, dunkel und fremd geworden. Der Moschus eines Wesens, das nie die Sonne gesehen hat.

?Herrgott“, sagt Mason hinter ihm. Seine Stimme klingt wundgescheuert. Keiner von ihnen hat viel gesprochen, seit der Ruf eingesetzt hat, der Sog in ihren Brustk?rben macht Sprache überflüssig, als erz?hlte man jemandem einen Traum, der denselben Traum tr?umt.

Splint geht als Erster. Er faltet seine zweieinhalb Meter zusammen und l?sst sich mit einer Mühelosigkeit in die Lücke fallen, bei der sich Nolan der Magen umdreht. Die wei?en Blüten auf seinen Unterarmen pulsieren einmal, ein Leuchtfeuer, und dann ist er weg, verschluckt vom Dunkel darunter.

Theo folgt ohne Z?gern. Natürlich tut er das.

Er hat seit Tag 2 nicht mehr gez?gert, vielleicht schon vorher nicht, vielleicht nie in seinem Leben.

Er setzt sich an den Rand, schwingt die Beine hinüber und l?sst sich fallen.

Nolan h?rt den weichen Aufschlag seiner Landung und dann einen Laut von Theo, den er nicht einordnen kann.

Kein Wort. Kein Keuchen. Ein Laut zwischen einem Lachen und einem Gebet.

?Theo?“, ruft Derek.

?Kommt runter.“ Theos Stimme steigt herauf, fremd und hallend. ?Kommt sofort hier runter.“

Moder berührt Nolans Schulter. Die Rindenfinger sind warm, und wo sie durch das zerrissene Hemd gegen seine Haut drücken, springt die Sporenwirkung an.

Ein Hitzeschub setzt am Berührungspunkt ein und breitet sich aus wie Farbe, die man in Wasser tropfen l?sst. Moders Augen wechseln von Bernstein zu Grün, und die Myzelranken an seinen Unterarmen strecken sich ein Stück und streifen Nolans Handgelenk.

Komm, sagt die Berührung. Nicht in Sprache. In Gewissheit.

Nolan setzt sich auf die Kante der ?ffnung. Unter ihm, vielleicht zweieinhalb Meter tief, beleuchtet das bernsteingrüne Glühen leuchtender Pilze einen Gang. Er kann Theos Silhouette sehen, den Kopf in den Nacken gelegt, die t?towierten Arme weit ausgebreitet, als empfinge er einen Segen.

Nolan l?sst sich fallen.

Seine Stiefel treffen weichen Grund. Kein Fels, keine Erde, sondern eine Oberfl?che, die nachgibt wie eine lebende Matratze.

Moos. Mindestens drei?ig Zentimeter dick.

Er stolpert nach vorn und f?ngt sich an der Tunnelwand ab, und die Wand ist warm.

Warm und nachgiebig. Kein Stein. Lebendes Holz, Wurzelwerk, so dicht verflochten, dass es zu Architektur geworden ist.

Der Tunnel zieht sich in beide Richtungen, aber der Sog in seiner Brust, dieser hartn?ckige Ruf, zieht ihn nur in eine. Tiefer. Hinunter.

Hinter ihm Aufschl?ge, als Derek landet, dann Jonah. Dann ein schwererer Einschlag, der Moos von der Decke rieseln l?sst. Mason, der die ganzen zweieinhalb Meter im Fallen geflucht hat und jetzt starr dasteht, die F?uste an den Seiten geballt, und die W?nde anstarrt.

?Sie atmen“, sagt Mason.

Er hat recht. Die W?nde dehnen sich und ziehen sich zusammen in einem langsamen Rhythmus, vielleicht zehn Sekunden pro Zyklus.

Das Wurzelholz biegt sich wie Rippen. Das Bernsteinglühen wird beim Ausdehnen heller und beim Zusammenziehen schw?cher, sodass das Licht selbst atmet, und in diesem Tunnel zu stehen hei?t, in der Brust eines riesigen, geduldigen Wesens zu stehen.

Nolan presst die Handfl?che flach gegen die Wand. Die Rindenstruktur ist glatter als bei den B?umen oben, von Jahrhunderten des Wachsens zu einer Oberfl?che abgeschliffen, die fast wie Haut ist. Unter seiner Hand spürt er einen Puls. Langsam. Stetig. Ein Herzrhythmus, der nicht ihm geh?rt.

Sein Biologenhirn ruckt in Gang, oder versucht es.

Myzelnetz fungiert als Kreislaufsystem. Licht vermutlich von einer Pilzart der Gattung Mycena erzeugt.

Nein. Nicht Mycena. Nichts aus irgendeiner Gattung, die er kennt.

Das Licht ist zu stetig, zu reizempfindlich.

Die Farbe passt zu keiner dokumentierten –

Moder l?sst sich hinter ihnen in den Tunnel fallen, und die W?nde antworten. Das Glühen flammt so hell auf, dass Nolan die Augen zusammenkneifen muss, und der Atemrhythmus wird schneller. Der Pilz erkennt sie. Der Pilz hei?t sie willkommen.

Kern steigt als Letzter hinab. Er l?sst sich nicht fallen.

Er klettert, die gewaltigen H?nde greifen Wurzelgriffe, die sich unter seinen Fingern zu bilden scheinen.

Als seine Fü?e das Moos berühren, erzittert der Tunnel.

Kein Erdbeben. Ein Gru?. Das Moos unter Nolans Stiefeln kr?uselt sich von Kerns Standort nach au?en wie die Oberfl?che eines Teichs, in den ein Stein gefallen ist.

Die drei Waldschrate sind zu gro? für diesen Gang, und trotzdem passen sie hinein.

Sie bewegen sich mit angewinkelten Schultern, ihre Rindenkronen streifen fast die Decke, aber sie wirken nicht beengt.

Das ist ihr Raum. Sie sind die Architektur.

Nolan begreift mit dem leisen Klicken eines Puzzleteils, das an seinen Platz f?llt, dass die Wurzeln, die diese W?nde bilden, aus den Waldschraten selbst gewachsen sind.

Dieser Tunnel ist ihr K?rper, verl?ngert.

Sie gehen durch das Innere eines lebenden Wesens.

Kern geht voran. Die anderen folgen.

* * *

Der Abstieg dauert zwanzig Minuten. Vielleicht vierzig. Zeit verh?lt sich hier unten merkwürdig. Nolans Uhr hat vor zwei Tagen aufgeh?rt zu funktionieren, und sein Handy ist totes Gewicht in der Tasche, aber selbst seine innere Uhr ist durcheinander.

Der Tunnel schraubt sich in einer langen, flachen Wendel abw?rts, und mit jeder Windung wird die Luft dicker.

Nicht feucht. Nicht warm, genau genommen, obwohl sie beides ist. Dick, wie eine Flüssigkeit dick ist. Atmen erfordert Absicht.

Jeder Atemzug zieht sporenges?ttigte Luft in seine Lungen, und Nolan kann es spüren, tats?chlich spüren, wie sie die Innenseite seiner Kehle überzieht, seine Bronchien, seine Alveolen.

Jeder Atemzug ist ein Eindringen. Jeder Atemzug ist eine Liebkosung.

Sein Schwanz ist halb hart, seit sie in den Tunnel gesprungen sind.

Jetzt, vier Windungen tiefer, ist er ganz steif, und das f?llt kaum noch als bemerkenswert auf.

Sie alle sind es. Er kann Jonah vor sich sehen, die harte Linie deutlich in der Wanderhose, und Jonah versucht nicht mal mehr, sich zurechtzurücken.

Derek geht mit einer Hand an der atmenden Wand entlang, die Augen halb geschlossen, die Lippen ge?ffnet.

Sogar Mason, der am l?ngsten und h?rtesten gek?mpft hat, der wie ein Damm gebrochen ist und immer noch nicht ganz angenommen hat, was durch ihn hindurchgestr?mt ist, sogar Masons Atem geht sto?weise, und das hat nichts mit Anstrengung zu tun.

Die Sporen sind hier anders. Nolan hat die Verschiebungen über der Erde verfolgt, den Verlauf von Euphorie über Erregung zu Hingabe.

Jene Sporen waren ein Schlüssel. Das ist der Raum, den der Schlüssel ?ffnet.

Die Konzentration ist so dicht, dass er sie fast sehen kann, ein feiner Schleier im bernsteingrünen Licht, ein Flimmern in der Luft wie über sommerlichem Asphalt.

Jeder Atemzug lagert mehr von ihnen in seinem System ab, und jede Ablagerung ?ffnet ihn weiter.

Er kann die anderen spüren. Nicht nur sehen, nicht nur ihren Atem h?ren.

Spüren. Dereks beschleunigten Puls. Theos tiefe, tierische Erregung.

Jonahs seltsame Ruhe. Masons Angst, so eng mit Verlangen verflochten, dass die beiden zu einem einzigen Kabel geworden sind.

Es kommt durch den Boden, durch das Moos, durch die F?den darunter, herauf durch seine Stiefelsohlen.

?Nolan.“ Jonah f?llt zurück und geht neben ihm. Er greift in der bernsteinfarbenen D?mmerung nach Nolans Hand, und die Berührung schl?gt in beiden ein wie ein Blitz. Jonah zieht zischend die Luft zwischen den Z?hnen ein. ?Kannst du noch denken?“

?Teilweise.“

?Gut. Weil ich jemanden brauche, der mir sagt, dass das hier echt ist.“

Nolan drückt seine Hand. Ihre Finger sind glitschig von Schwei? oder von einem Rückstand, den die Luft selbst auf der Haut ablagert. ?Es ist echt. Alles davon.“

?Einschlie?lich des Teils, wo wir in den Bauch eines lebenden Waldes laufen, mit drei zweieinhalb Meter gro?en Wesen, mit denen wir Sex hatten.“

?Zwei Meter siebzig“, korrigiert Nolan mit einem Blick auf Kerns Rücken. ?Kern ist zwei Meter siebzig.“

Jonah lacht. Es klingt irre und wunderbar und hallt von den atmenden W?nden zurück, und die W?nde atmen einen Moment lang schneller, als h?tte ihnen das Ger?usch gefallen.

* * *

Der Tunnel ?ffnet sich.

Es gibt keine allm?hliche Erweiterung. Keinen übergang. Einen Schritt sind sie noch im Gang, die Wurzelw?nde zu beiden Seiten in Reichweite, und mit dem n?chsten Schritt explodiert der Raum nach au?en und nach oben, und Nolan sacken fast die Knie weg.

Die Wurzelkammer.

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