KAPITEL 17 #2

Sie hat die Gr??e eines Doms. Mehr noch.

Die Decke w?lbt sich achtzehn Meter über ihnen, vielleicht h?her, schwer zu sagen, weil es keine Decke im baulichen Sinn ist. Es ist Wurzelwerk.

Tausende. Jeder Baum über dem See hat seine Wurzeln durch Fels und Boden und Zeit hinabgeschickt, um sich hier zu verflechten, ein umgekehrtes Kronendach, so dicht wie das, was oben den Himmel aussperrt.

Fichtenwurzeln und Tannenwurzeln und Buchenwurzeln, ineinandergelegt wie Finger, wie Liebende, wie die Architektur eines Gehirns, und jede Fl?che ist von leuchtendem Pilz überzogen, der den ganzen Raum in wanderndes bernsteingrünes Licht taucht.

Das Licht bewegt sich. Es flackert nicht. Es rollt. Wellen von Lumineszenz laufen über die Wurzeldecke wie ein Polarlicht, in einen Raum gepresst, hell auf den K?mmen, matt in den T?lern. Die Wirkung macht schwindelig. Nolan muss die Fü?e feststellen und atmen, um nicht zu schwanken.

Der Boden lebt. Moos, so dick und weich, dass es seine Stiefel bis zum Kn?chel verschluckt.

Unter dem Moos Pilzf?den. Er kann sie an den R?ndern sehen, wo das Moos dünner wird, wei?e F?den, dicht wie Stoff, pulsierend in ihrem eigenen schwachen Licht.

Der Boden hebt und senkt sich. Er atmet.

Derselbe Rhythmus wie die Tunnelw?nde, aber tiefer, langsamer, wie der Unterschied zwischen einem Ruhepuls und dem eines Schlafenden.

Wasserger?usche. Irgendwo in der Kammer, oder überall, es l?sst sich nicht orten, tropft und rinnt und sammelt sich Wasser.

Das dunkle Auge des Feldsees liegt direkt über ihnen.

Nolan versteht das so, wie er den Sog in seiner Brust versteht: nicht durch Schlussfolgerung, sondern durch den Boden, durch die Information, die er ihm mit jedem Schritt einschiebt.

Der Karsee sitzt über dieser Kammer wie eine dunkle Krone, und sein Wasser sickert durch Wurzel und Fels und ern?hrt das ?kosystem darunter.

Er kann es atmen h?ren. Nicht nur die W?nde.

Die Kammer selbst. Ein tiefes, subsonisches Ausatmen, das in seinem Brustbein und seinem Kiefer und in der H?hlung seines Beckens vibriert.

Der Ton liegt unter der menschlichen H?rschwelle, aber sein K?rper empf?ngt ihn trotzdem, übersetzt ihn in Empfindung statt in Klang.

?Oh Schei?e“, flüstert Derek. Er ist drei Schritte in die Kammer hinein stehen geblieben, die Hand noch erhoben von der Stelle, an der sie die Tunnelwand verlassen hat.

Sein Gesicht ist schlaff. Seine Chirurgenfassung, der letzte Fetzen professioneller Distanz, den er durch alles hindurch gehalten hat, ist weg.

Er sieht aus wie ein Mann, der zum ersten Mal das Meer sieht.

Theo ist schon tiefer drin. Er hat Stiefel und Socken ausgezogen und geht barfu? durch das Moos, und mit jedem Schritt flammen die F?den unter ihm auf und zeichnen die Umrisse seiner Fü?e in wei?es Licht.

Er dreht sich zu ihnen um, und sein Gesicht ist nass von Tr?nen, wie Nolan begreift, obwohl Theo sie nicht zu bemerken scheint.

?Zieht die Schuhe aus“, sagt Theo. Seine Stimme ist ged?mpft. Ehrfürchtig. ?Vertraut mir. Zieht sie aus.“

Nolan bückt sich und schnürt die Wanderstiefel auf. Die H?nde zittern ihm, aber nicht vor K?lte. Die Kammer ist warm, k?rperwarm, blutwarm. Er zieht die Socken aus und richtet sich auf, und seine nackten Fü?e berühren das Moos.

Der Wald flutet in ihn hinein.

Keine Metapher. Keine poetische Ann?herung.

Ein buchst?blicher Sturzbach von Empfindung, der durch seine Fu?sohlen heraufstr?mt und in sein Nervensystem.

Er kann das Wurzelnetz spüren, den ganzen Schwarzwald, in seinem K?rper abgebildet wie ein zweites Skelett.

Jeden Baum. Jede Verbindung zwischen B?umen.

Das Pilzgeflecht, das sich kilometerweit in jede Richtung erstreckt, dicht und mitteilsam und wach.

Er kann den See über sich spüren, sein schwarzes Wasser, das auf Fels drückt.

Er kann kleine Tiere spüren, die sich hunderte Meter über ihm über den Waldboden bewegen, ihre Herzschl?ge winzige helle Punkte im Netz.

Und er kann die Waldschrate spüren. Nicht neben ihm.

In ihm. Das Netz unterscheidet nicht zwischen dem Boden der Kammer und den Wesen, die darauf stehen.

Kerns uralte, gewaltige Gegenwart. Moders neugierige, verwickelte Aufmerksamkeit.

Splints helle, eifrige Hitze. Sie sind der Wald, und der Wald ist der Boden unter seinen Fü?en, und seine Fü?e berühren alles davon auf einmal.

Nolan geben die Beine nach. Er setzt sich hart ins Moos, das ihn auff?ngt wie eine Hand, und presst die Handfl?chen flach auf den Boden, weil er mehr Kontakt braucht, mehr Information, mehr von was auch immer das hier ist.

Auch die anderen gehen zu Boden. Jonah setzt sich neben ihn, jetzt barfu?, die gro?en H?nde ins Moos gekrallt, die Augen weit und unfokussiert.

Derek sinkt auf die Knie mit der langsamen Bedachtsamkeit eines Mannes, der eine Kirche betritt.

Mason setzt sich mit dem Rücken an eine Wurzels?ule, dick wie ein Auto, und die Wurzel biegt sich ihm entgegen, passt sich seiner Form an, und Mason l?sst es zu.

Theo liegt. Flach auf dem Rücken, die Arme ausgebreitet, nackte Fü?e und nackte H?nde in den lebenden Boden gedrückt. Die Pilzf?den zeichnen seinen Umriss in Licht. Er lacht. Leises, ungl?ubiges Lachen.

?Es hat gewartet“, sagt er. ?Spürt ihr das? Es hat so lange gewartet.“

Nolan spürt es. Durch die Handfl?chen und die Fü?e und den Hosenboden, durch den das Moos schon durchgeweicht ist, spürt er die Geduld der Kammer.

Die Jahre. Jahrhunderte. Jahrtausende. Diesen Ort gibt es seit vor der Zeit, als die R?mer ihn benannten, seit vor der Zeit, als die Kelten Alt?re auf den Lichtungen errichteten, seit vor der Zeit, als Menschen aufrecht durch diese B?ume gingen.

Er hat schon früher nach M?nnern gerufen.

Er hat seine Türen ge?ffnet und seine Sporen geatmet und sie hinuntergezogen, und jedes Mal hat die Bindung den Wald gest?rkt, die Wurzeln vertieft, das Kronendach weiter geschoben.

Die Waldschrate bewegen sich durch die Kammer mit der Selbstverst?ndlichkeit von Blutk?rperchen in einer Vene.

Kern l?sst sich nahe der Mitte nieder, faltet seinen enormen K?rper auf eine erh?hte Moosplattform, die natürlich gewachsen sein kann oder für ihn gewachsen ist. Der Unterschied existiert hier nicht.

Bernsteinlicht pulsiert durch die Risse in seiner schwarzen Rinde, und das Glühen der Kammer antwortet, die rollenden Lichtwellen richten sich auf ihn aus wie Kompassnadeln, die nach Norden finden.

Moder geht zwischen den M?nnern umher. Er h?lt bei jedem inne, legt eine Hand auf eine Schulter oder einen Kopf, und jede Berührung schickt eine sichtbare Welle durch das Pilzgeflecht, wei?es Licht, das vom Berührungspunkt nach au?en rast wie ein Stein, der in stilles Wasser f?llt.

Als er zu Nolan kommt, kniet er sich hin.

Seine pilzhellen Augen, Bernstein, das zu Grün wird, das zu etwas Tiefem, Violettem wird, mustern Nolans Gesicht mit jener minuti?sen Aufmerksamkeit, die Nolan zuerst für klinisches Interesse gehalten hat und die er jetzt als Hingabe versteht.

Moder berührt Nolans Wange. Die Rindenfinger sind fieberwarm.

Die Myzelranken an seinen Unterarmen strecken sich und streifen Nolans Kiefer, seinen Hals, die Kuhle an der Kehle.

Jeder Berührungspunkt ist ein neuer Informationskanal.

Nolan kann Moders Absicht spüren. Keine Worte, nie Worte, aber eine Bedeutung, genauer als Worte.

Ein Wissen. Ein Wollen. Ein Versprechen.

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