KAPITEL 24 #3

Seine blo?en Fü?e auf dem Waldboden.

Dezember, und der Boden ist warm. Er dürfte nicht warm sein.

Die Umgebungstemperatur liegt nahe dem Gefrierpunkt, und sein Atem steht als Wolke in der D?mmerungsluft.

Aber die F?den erzeugen ihre eigene W?rme.

Metabolisch, biologisch, die W?rmeleistung eines lebenden Netzes, das Tausende Hektar umspannt und nie schl?ft.

Er steht da.

Der Wald in der D?mmerung ist ein Dom aus Schatten.

Das Fichtenkronendach über ihm ist absolut, kein Himmel, keine Sterne, nur die schwarze Geometrie von ?sten, so tief geschichtet, dass nicht einmal die Erinnerung an Licht den Boden erreicht.

Aber der Boden ist nicht dunkel. Nicht für Augen, die sich angepasst haben. Nicht für Nolans Augen.

Ein schwacher bernsteinfarbener Schein, überall unter den Fü?en.

Er breitet sich aus. Die Pilzkolonien, die sich früher nahe der Wurzelkammer konzentriert haben, sind nach au?en gedrückt, und jetzt glüht der Waldboden an der Grenze in weichem bernsteingrünem Licht, wie Glut in Asche.

Das Licht pocht. Nicht zuf?llig. Im Takt.

In einem Takt, den Nolans Herz l?ngst übernommen hat, weil sein Herz diesen Takt in der Wurzelkammer gelernt und nie wieder verlernt hat.

Er atmet. Die Luft ist sü?. Nicht die überw?ltigende, verstandsbrechende Sü?e der weglosen Zone, das hier ist sanfter.

Ein vertrauter Geruch in niedriger Konzentration.

Petrichor. Zerriebene Nadeln. Dunkler Honig.

Darunter die feinste Spur Moschus, ein Geruch, den sein Stammhirn als sicher und begehrt und Zuhause auswertet.

Die Marker in seinem Blut sind nicht ruhend. Nicht hier. Er spürt, wie sie anspringen, nicht die katastrophische Kaskade der ersten Exposition, nicht die Eskalation von Stadium 1 bis Stadium 5, die in einer Woche das Leben von fünf M?nnern zerlegt hat. Nur eine W?rme. Ein Wiedererkennen. Du.

Er denkt an die Arbeit, die er nie ver?ffentlichen wird.

Er denkt an Jonah in ihrer Wohnung, der Abendessen macht, Deutsch aus einem Podcast lernt und Vokabeln in einer Aussprache vor sich hin sagt, über die der Nachbar durch die Wand lacht.

Er denkt an Derek und Theo in irgendeiner Stadt, die sie diesen Monat besetzen, wie sie einander umkreisen mit der Schwerkraftgewissheit von K?rpern, die l?ngst aufgeh?rt haben, so zu tun, als k?nnten sie auseinanderfliegen.

Er denkt an Mason in irgendeinem Zug, der niemandem sagt, wohin er f?hrt, und ins Dunkle geht.

Er denkt daran, was sie waren. Was sie sind.

Fünf M?nner, die in einen Wald gegangen und von ihm gefressen worden sind.

Verdaut, neu gemacht, entlassen. Der Wald hat sie nicht zerst?rt.

Der Wald hat die toten Teile vermodern lassen und die lebenden gen?hrt, und was aus diesem Boden gewachsen ist, steht jetzt hier, barfu? im Dezember, das Herz im Gleichtakt mit etwas, das ?lter ist als Sprache, und l?chelt ins Dunkle.

In den tiefen B?umen ?ffnen sich goldene Blicke.

Zwei Lichtpunkte, tief über dem Boden. Nein. Nicht tief. Hoch. Zweieinhalb Meter hoch. Dann verschieben sie sich, steigen, w?hrend der K?rper, zu dem sie geh?ren, sich aus dem Dunkel entfaltet, in dem er gewartet hat. Nicht Moder. Zu klein für Kern.

Splint. Aber Splint ist nicht seinetwegen hier.

Mehr Augen. H?her. Links, in der uralten Fichte, wo die Rinde mit dem Alter schwarz wird. Bernstein, das ins Grüne wechselt. Nein, ins Violette. Der Farbwechsel, der Neugier bedeutet. Der Farbwechsel, der Wiedererkennen bedeutet.

Moder.

Und hinter Moder, tiefer, wo das Dunkel am dichtesten ist und sich das bernsteinglühende Licht zu Adern sammelt, die wie Lava durch den Waldboden laufen: die Risse.

Die Spalten in einer Rinde, die so alt ist, dass sie eine eigene Geologie hat.

Licht, das durchsickert wie Magma, wie kaum gehaltenes Feuer.

Kern. Immer zuletzt. Immer am tiefsten.

Drei Augenpaare im Dunkeln. Drei uralte Gegenwarten, in den Wald geflochten, den sie tragen und der sie tr?gt, und sie sehen dem Mann zu, der auf sie zugeht, mit blo?en Fü?en und offener Brust und einem Herzen, das in einem Takt schl?gt, den sie ihm beigebracht haben.

Nolan geht auf sie zu.

Nicht laufend. Nicht verzweifelt. Kein sporengetriebenes, verstandszerschlagenes Stolpern.

Er geht auf sie zu, wie man auf ein Essen zugeht, wenn man hungrig ist und der Tisch gedeckt.

Auf ein Bett, wenn man müde ist und die Laken frisch sind.

In ein Zuhause, das man mit den eigenen H?nden gebaut hat.

Der gestillte Hunger eines Mannes, der genau wei?, wo er satt wird.

Der Wald schlie?t sich um ihn. Das Kronendach versiegelt sich über ihm.

Das bernsteingrüne Licht wird heller, atmet im Takt seines Herzschlags, und das Summen steigt aus dem Boden durch seine Fu?sohlen und in seine Knochen und durch die Knochen in die dunkle sü?e Luft, und die Augen in den B?umen sehen nicht mehr zu.

Sie hei?en willkommen.

Nolan geht in den Schwarzwald hinein.

Der Wald nimmt ihn auf.

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