KAPITEL 24 #2

Er muss es nicht. Nolan sieht es daran, wie er sein Bier h?lt. Wie er atmet. Wie er um elf Uhr nachts die Wohnung verl?sst und nach Osten ins Dunkle geht.

?Pass auf dich auf“, sagt Nolan.

Mason sieht ihn von der Tür aus an. Etwas flackert in seinem Gesicht. Keine Verletzlichkeit, Verletzlichkeit macht Mason nicht, aber ein Zurkenntnisnehmen, dass ihm Sorge angeboten wird und dass er sie annehmen wird, ohne zu zucken. Das ist neu. Das ist das, was der Wald ihm gegeben hat.

?Er ist immer da“, sagt Mason. ?Jedes Mal. Er wartet immer.“

Dann ist er weg. Die Treppe hinunter, in die Freiburger Nacht, den Bergen entgegen.

Er wird die Stra?e ins H?llental gehen. Er wird das Tal im Dunkeln durchsteigen.

Er wird die Grenze überschreiten, und das Summen wird anfangen, und seine Stiefel werden den Weg finden, den es nur gibt, wenn der Wald es beschlie?t, und irgendwo in den tiefen B?umen wird eine Gestalt von zwei Metern siebzig, mit Rinde von der Farbe nasser Holzkohle, Masons Herzschlag durch den Boden spüren und sich auf ihn zu in Bewegung setzen.

Nolan macht sich keine Sorgen. Kern wartet auf Mason, seit vor Masons Geburt. Ein paar Monate zwischen den Besuchen sind nichts für ein Wesen, das Zeit in Jahrhunderten misst.

Mason wird am Sonntag zurückkommen. Er wird nach Petrichor und dunklem Honig riechen, und seine Haut wird Male tragen, die im schwachen Flurlicht glühen, bevor er das Bad erreicht. Er wird nicht darüber reden. Nolan wird nicht fragen.

Manche Dinge leben zwischen den W?rtern.

* * *

November. Nolan ist im tiefen Wald.

Er geht jetzt allein. Jonah war die ersten Male dabei, aber der Wald spricht anders zu Nolan als zu den anderen: die Frequenz des Wissenschaftlers, die Einstimmung des Biologen, die besondere Art, in der sein Nervensystem gelernt hat, sich mit den F?den zu verbinden, die Moder ihm im bernsteinfarbenen Dunkel der Kammer Wurzelranke für Wurzelranke eingezogen hat.

Die Daten von heute sind au?erordentlich.

Er hat eine neue Hyphenfront kartiert, dreihundert Meter jenseits der bisherigen Grenze.

Die Pilzf?den flechten sich in das Wurzelsystem eines Fichtenreinbestands, Aufforstung von 1965, genetisch einheitlich, flach wurzelnd, das forstliche ?quivalent einer Ladenzeile am Ortsrand.

Aber die Wurzeln der Waldschrate kümmert genetische Einheitlichkeit nicht.

Sie besiedeln. Passen sich an. Hüllen die flach wurzelnden St?mme in Myzelscheiden und speisen sie mit tieferen N?hrstoffen, und im Gegenzug: Ausdehnung.

Drei Prozent mehr Kronendach. N?chstes Jahr werden es vier.

Dann fünf. Der Schwarzwald w?chst, und er w?chst, weil fünf M?nner in den tiefen Wald gegangen sind und ihn mit etwas gefüttert haben, wonach er gehungert hatte.

Menschliche W?rme. Menschliches Verlangen. Menschliche Verbindung.

Die Bindung ist real. Die Marker in ihrem Blut liegen nicht blo? ruhend da. Sie senden. Jedes Mal, wenn Mason in den tiefen Wald geht, jedes Mal, wenn Theo es zurück ins Tal schafft, jedes Mal, wenn Nolan die blo?en Fü?e auf den Waldboden setzt, empf?ngt der Wald ein Signal.

Er packt seine Proben ein. Verschlie?t die Beh?lter. Steckt das Feldtagebuch in den Rucksack, das neue, das zusammenh?ngend bleibt, weil die Sporenkonzentration an der Grenze handhabbar ist, ein leichtes Sirren statt der denkaufl?senden S?ttigung der weglosen Zone.

Er geht heute nicht tief hinein. Er muss nicht.

Aber er steht lange an der Grenze, barfu?, und l?sst den Wald zu sich sprechen.

Es ist keine Sprache. War es nie. Es ist ein Wissen, ?lter –

Ein Druck, eine W?rme, das Gefühl, von einem System erkannt zu werden, das so ungeheuer ist, dass sein einzelnes Selbst zugleich belanglos und unentbehrlich ist. Ein einziger Knoten in etwas, das sechstausend Quadratkilometer des dunkelsten Waldes Europas umspannt.

Moder ist da drau?en. Nolan spürt ihn, eine bestimmte Dichte, eine Signalkonzentration, die sein K?rper als Anwesenheit liest, so wie das Ohr Luftdruck als Klang liest. Nicht nah.

Moder kommt nicht an die Grenze. Aber er ist da.

Sieht durch die Wurzeln zu. Spürt Nolans Herzschlag, wie Nolan das Summen spürt.

Nolan fragt sich manchmal, ob es das hei?t, heimgesucht zu werden. Ob Heimsuchung nur ein anderes Wort ist für eine Verbindung, die Entfernung überlebt.

Er zieht die Stiefel an. Geht zurück nach Freiburg. Kommt heim zu Jonah. Kocht Abendessen. Lebt sein Leben.

Die Arbeit w?chst. Hundertsechzig Seiten inzwischen.

Unver?ffentlichbar. Unwiderlegbar. Die bedeutendste mykologische Entdeckung der Menschheitsgeschichte, auf einem Laptop in einer Freiburger Küche, in der zwei M?nner in behaglichem Schweigen frühstücken und sich die Arme berühren, ohne darüber nachzudenken, weil sie nicht mehr darüber nachdenken müssen.

* * *

Dezember. Die Sonnenwende. Der kürzeste Tag.

Nolan f?hrt um vier Uhr nachmittags allein in den tiefen Wald, als das Licht schon nachl?sst. Er parkt am Wanderparkplatz H?llental, derselbe Platz, dasselbe Schild, derselbe Asphalt, auf dem vor einem Jahr fünf M?nner standen, mit heimgesuchten Augen und Vogelschei?e auf dem Bus und ohne jeden Rahmen für das, was ihnen zugesto?en war.

Er geht hinein. Das Tal ist im Winter still, keine Touristen, keine Familien, nur der Rotbach, der dunkel zwischen den Gneisw?nden l?uft, und das Ger?usch des eigenen Atems. Der Hirschsprung verengt sich um ihn. Die Talw?nde schneiden das sterbende Licht zu einem blassen Schlitz.

Er betritt den tiefen Wald, als die Sonne untergeht.

Das Summen setzt sofort ein. St?rker als letzten Monat. Die Wurzeln sind hier jetzt dichter, so dicht unter der Oberfl?che, dass er einzelne Hyphen durch die Stiefelsohlen spürt wie einen zweiten Herzschlag. Er bleibt stehen. Schnürt auf. Zieht die Stiefel aus.

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