KAPITEL 13 #3

Nolan schluchzt. Das Wort wirkt dramatisch, aber es stimmt.

Er weint, weil noch nie jemand seinem K?rper so viel Aufmerksamkeit geschenkt hat, weil sein ganzes erwachsenes Leben daraus bestanden hat, anderen Organismen Aufmerksamkeit zu schenken, und kein Organismus hat sie je erwidert, und Moder lernt ihn, wie Nolan ein ?kosystem lernt: mit vollst?ndiger, verzehrender, and?chtiger Konzentration.

* * *

Als Moder in ihn eindringt, zeichnet Nolans wissenschaftliches Gehirn Folgendes auf:

Durchmesser: deutlich gr??er als menschlich.

Der bernsteinfarbene Saft wirkt zugleich als Gleitmittel und als Muskelrelaxans, die euphorischen Eigenschaften eine evolvierte Anpassung zur Erleichterung interspezifischer Paarung.

Klug. Elegant. Ein Mechanismus, der Nolan vor fachlicher Bewunderung weinen lie?e, wenn er nicht ohnehin schon vor der k?rperlichen Wirklichkeit weinen würde.

Die gerippte Textur erfüllt einen Zweck.

Das hatte er vermutet. Das Spiralmuster erzeugt eine rotierende Reibung, die Nervenenden stimuliert, die eine glatte Oberfl?che nicht erreichen würde, und Nolan erlebt diese Hypothese in Echtzeit best?tigt, w?hrend Moder sich in ihm bewegt, mit vernichtender, geduldiger Pr?zision.

Moders H?nde klammern Nolans Hüften ein.

Seine Daumen drücken in die Mulden über den Hüftknochen.

Seine Augen zyklen jetzt so schnell durch die Farben, dass sie zu stroboskopieren scheinen, bernstein-grün-violett-bernstein-grün-violett, ein leuchtendes Spiel, das seiner eigenen Erregung entspricht, und Nolan beobachtet die Farben mit der H?lfte seines Gehirns, die noch als Wissenschaftler funktioniert, und spürt, wie der Rest sich aufl?st.

Die Ranken sind jetzt überall. über Nolans Brust, seine Kehle, seine Schenkel, ziehen sich die Arme hinab bis zu den H?nden, wo sie sich mit seinen Fingern verflechten.

Verbunden. Das gemeinsame Signal hat Nolan als Knoten aufgenommen, und er spürt, matt, überw?ltigend, was Moder spürt.

Die enge Hitze von Nolans K?rper um ihn.

Das hektische Schlagwerk eines menschlichen Herzens.

Den salzig-sü?en Geschmack von Nolans Haut.

Er erlebt seinen eigenen K?rper von au?en, durch Moders Sinne, und die rekursive Schleife aus Fühlen-Gefühltwerden-Fühlen l?sst die Lust exponentiell anwachsen.

?Ich kann fühlen, was du fühlst“, keucht Nolan. ?Es geht in beide Richtungen, du bist, oh Gott, oh Schei?e –“

Moders Rhythmus ?ndert sich. Tiefer. Langsamer.

Jeder Sto? gesetzt, die Rindenrippen schleifen über Nolans Prostata mit einer Pr?zision, die best?tigt, dass Moder seine innere Anatomie durch das Wurzelsystem kartiert hat, lange bevor er ihn je berührte.

Er wusste, wo. Er wusste, wie. Er kannte den genauen Winkel und die Tiefe und den Druck, weil er den K?rper von Nolan Hale vier Tage lang studiert hat, durch ein Sinnesgeflecht, das unter jedem Quadratmeter Waldboden verl?uft, auf den Nolan getreten ist.

Nolan war Gegenstand der l?ngsten, gründlichsten k?rperlichen Untersuchung in der Geschichte der Biologie, und die Untersuchung n?hert sich ihrem Schluss, und der Schluss lautet:

Moder st??t tief und h?lt und vibriert.

Die Vibration beginnt in seinem Kern. Nolan spürt das subsonische Grollen durch die eigenen Organe, die Leber, die Lunge, den Resonanzraum des Brustkorbs, und es wandert über jeden Kontaktpunkt in ihn hinein.

Die Vibration trifft eine Frequenz, die Nolans K?rper als Orgasmus deutet, und die Deutung stimmt, und Nolan kommt so heftig, dass sein Sehen bernstein-grün-violett wird, Moders Farben, die Farben des Waldes, und das Pilzgeflecht unter ihnen lodert auf hundert Meter in jede Richtung wei? auf.

Moder folgt. Nolan spürt es durch die Verbindung, eine Kaskade, kein menschlicher Orgasmus, eine Kaskade, weiter als jeder menschliche H?hepunkt, eine Entladung, die durch das Wurzelsystem l?uft wie ein Signal, das über Synapsen feuert.

Der bernsteinfarbene Saft flutet warm in Nolan hinein, und überall, wo er berührt, leuchten seine Zellen in dieser gezielten Euphorie auf, und er weint und lacht und versucht sich an den lateinischen Namen des Neurotransmitters zu erinnern, der die Lust regiert, und er kann nicht, er kann sich an nichts erinnern au?er daran.

* * *

Danach.

Nolan liegt auf dem Waldboden. Moder liegt neben ihm, auf der Seite, eine massige Hand auf Nolans Brust. Die Ranken haben sich nicht zurückgezogen.

Sie pulsieren im Takt von Nolans Herzschlag, langsamer jetzt, siebzig, achtundsechzig, kommen zur Ruhe, und wo sie seine Haut berühren, bleiben schwache bernsteinglühende Spuren.

Er wird diese Male tragen. Wie Theo. Wie eine Fachpublikation, die auf seinen K?rper geschrieben wurde, in einer Sprache, die er gerade erst zu übersetzen beginnt.

Moders Augen stehen auf stetigem Bernstein. Ruhezustand. Seine Finger ziehen mü?ige Muster auf Nolans Brustbein, und Nolan begreift, dass die Muster nicht zuf?llig sind. Es sind hyphale Verzweigungsdiagramme. Moder zeichnet sein eigenes Geflecht auf Nolans Haut.

?Du hast es gewusst“, sagt Nolan. Seine Stimme ist zerst?rt.

Heiser. Zufrieden. ?Du hast von Jonah gewusst. Du hast es durch den Boden gespürt.

Mein Herzschlag hat sich ver?ndert, sobald er in meiner N?he war.

Vier Tage Herzdaten, und du konntest meine emotionalen Bindungen über die Herzratenvariabilit?t kartieren. “

Moders Hand h?lt inne. Dann wandert sie zu Nolans Kiefer. Neigt ihm das Gesicht. Diese bernsteinfarbenen Augen studieren ihn.

?Du hast gewusst, dass ich trauere“, sagt Nolan, leiser.

?Nicht trauere. Verarbeite. Zehn Jahre lang jemanden wollen und ihn dann bekommen und begreifen, dass das, was man wollte, anders aussieht, als man es sich vorgestellt hat.

Das alles hast du gespürt. Meine Cortisolspitzen.

Meine gest?rten Schlafmuster. Du hast meinen K?rper gelesen, wie ich eine ?kosystemaufnahme lese. “

Moders Daumen streift Nolans Wangenknochen.

Seine Berührung ist jetzt anders, nicht mehr klinisch.

Z?rtlich. Die F?den auf Nolans Brust ordnen sich neu, in eine Anordnung, die sich, wenn Nolan sich das Anthropomorphisieren erlaubt (und er erlaubt es sich, er hat es sich verdient), wie eine Umarmung anfühlt.

?Ich hab meine ganze Laufbahn damit verbracht zu untersuchen, wie Organismen über Netze kommunizieren, die sie nicht gebaut haben“, sagt Nolan. ?Mykorrhiza-Verbindungen zwischen B?umen. Chemische Signale. Ressourcenteilung über pilzliche Vermittler. Ich dachte, ich h?tte das verstanden.“

Er legt die Hand über Moders Hand. Holz unter seiner Handfl?che. W?rme.

?Ich hab gar nichts verstanden.“

Moder gibt einen Laut von sich. Keine Sprache.

Eine Vibration, tief und weit, gespürt in Nolans Brust und Rückgrat und im Mark seiner Knochen.

Sie schwingt mit dem Boden unter ihnen, und der Boden summt zurück, und für einen Augenblick ist Nolan innerhalb der Verbindung, studiert sie nicht, beobachtet sie nicht, ist darin, und er spürt den ganzen Wald, jede Wurzel, jeden Faden, jeden Organismus von den Bakterien bis zu den Waldschraten, alles verbunden, alles lebendig, alles wach.

Das Gefühl geht vorbei. Er ist nur ein Mann, der auf einem Waldboden liegt, neben einem Wesen, uralt und unm?glich und sanft.

Nolan schlie?t die Augen. Die F?den rühren sich unter ihm. Sein Herzschlag liegt bei zweiundsechzig. In Ruhe. Gekannt.

Er geht erst ins Lager zurück, als die Sonne hoch steht und das Licht durchs Kronendach Moders Holzhaut in Mustern sprenkelt, die Nolan den Rest seines Lebens in einer Sprache zu beschreiben versuchen wird, die dafür nie gebaut wurde.

Als er ins Lager kommt, sieht Jonah auf. Nimmt den Schein wahr, die bernsteinglühenden Spuren auf Nolans Armen, seiner Brust, seiner Kehle. Den Ausdruck auf Nolans Gesicht.

?Nolan“, sagt Jonah.

?Mir geht’s gut“, sagt Nolan. Er setzt sich neben Jonah und nimmt seine Hand. ?Mir geht’s besser als gut. Ich verstehe es jetzt. Was das ist. Wovon wir ein Teil sind.“

Er sieht in den Wald. Irgendwo in diesen dunklen B?umen wechseln Augen wie entzündetes Harz ins Grüne.

?Wir sind hier keine G?ste“, sagt Nolan. ?Wir sind Substrat.“

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