KAPITEL 14

MASONS WIDERSTAND

Mason Vogt zittern die H?nde, und sie h?ren nicht auf.

Er merkt es, als er die Trinkflasche aufschrauben will, der Metalldeckel klappert gegen das Gewinde, der Griff falsch, die Finger tun etwas, das sie in einunddrei?ig Jahren an seinem K?rper noch nie getan haben.

Feuerwehrleute zittern nicht. Er hat neunzig Kilo schwere M?nner aus brennenden Wohnungen getragen, ohne zu zittern.

Er hat bei zweiunddrei?ig Grad ein Autodach mit dem Trennschleifer aufgeschnitten, ohne zu zittern.

Jetzt zittern ihm die H?nde. Siebenunddrei?ig Stunden ohne Schlaf, und das Zittern wird schlimmer.

Elf Stunden, seit Nolan aus den B?umen kam, leuchtend wie ein Reaktorkern, Jonahs Hand nahm und sagte, wir sind Substrat. Fünf Stunden, seit die Sonne unterging. Drei Minuten, seit der Boden das letzte Mal unter seinen Stiefeln geschaudert hat.

Der Boden. Der verfluchte Boden.

Mason geht die Grenze des Lagers ab, was ein Wort ist, das kaum noch passt. Die Ausrüstung liegt verstreut.

Die Zelte halb eingefallen. Die Feuerstelle kalt, weil niemand sich mehr darum kümmert.

Derek und Jonah sind im gr??ten Zelt und machen, was sie machen, die Laute weich und rhythmisch durchs Nylon, und Theo ist seit gestern nicht zurück, und Nolan sitzt im Schneidersitz am See, die Augen geschlossen, die blo?en Fü?e auf der Erde, als meditiere er, als h?re er zu, und Mason will ihn an den Schultern packen und schütteln, bis ihm die Z?hne klappern.

Substrat. Was zum Teufel soll das überhaupt hei?en.

Er wei?, was es hei?t. Er hat es nachgeschlagen, als er noch Empfang hatte, vor einem halben Leben in Freiburg. Ein Substrat ist eine Fl?che, auf der Organismen wachsen. Brot für Schimmel. Totholz für Pilze. Etwas Passives, an dem Lebendiges sich zu schaffen macht.

Nolan hat es gesagt, als w?re es sch?n.

Masons H?nde sind F?uste. Sie sind seit Stunden F?uste.

Die Unterarme schmerzen ihm von der Dauerspannung, und er kriegt sie nicht locker.

Sein K?rper wei? nicht mehr, wie Lockerlassen geht.

Jede Muskelfaser bis zum Versagen aufgezogen, der Trapezmuskel so hart verknotet, dass er die Haltung verzieht, der Kiefer so fest geklemmt, dass die Backenz?hne wehtun.

Er ist so erregt, dass er schreien k?nnte.

* * *

Es fing an. Nein. Es fing nicht an. Das ist das falsche Wort.

Anfangen setzt einen Beginn voraus, ein Davor, eine Zeit, in der er nicht so war.

Mason kann sich an keine Zeit erinnern, in der er nicht so war.

Die Sporen haben seinen Ausgangswert so gründlich umgeschrieben, dass die st?ndige, mahlende, unertr?gliche Erregung sich anfühlt, als w?re sie immer Teil von ihm gewesen, als w?re sein K?rper darum herum gebaut worden und alles andere, seine Arbeit, seine Freundschaften, seine ganze gottverdammte Identit?t, w?re nur Gerüst über einer Leere, die seit der Geburt da ist.

Das stimmt nicht. Er wei?, dass das nicht stimmt. Vor fünf Tagen war er ein Feuerwehrmann aus Portland, der hundertvierzig Kilo auf der Bank drückte und IPA trank und Football schaute und nicht, ganz sicher nicht an M?nnerk?rper dachte.

Jetzt denkt er an M?nnerk?rper.

Er denkt an Dereks Schwimmerstatur, die langen Muskeln, wie Derek ihn vorgestern mit klinischer Besorgnis angesehen und gesagt hat, deine Pupillen sind vollst?ndig geweitet, Mason, beide, lass mich deinen Puls fühlen, und wie die Berührung von Dereks Fingern an seinem Handgelenk ihn so schnell hart gemacht hat, dass er von der Blutumverteilung fast umgekippt w?re.

Er denkt an Jonahs Schultern. Nolans H?nde. Wie Theo aussah, als er aus dem Wald zurückkam, mit Splints Malen auf der Haut, halb zerst?rt, weggetreten vor Glück, von innen erleuchtet, und Mason wollte ihn schlagen und halten und sein, alles gleichzeitig.

An das andere denkt er nicht. Das Ding in den B?umen. Er denkt nicht daran.

Der Boden vibriert.

?Verpiss dich“, sagt Mason.

* * *

Die Vibration ist anders in Masons N?he.

Er hat es bemerkt. Er ist kein Wissenschaftler wie Nolan, kein Arzt wie Derek, aber er ist Feuerwehrmann, und Feuerwehrleute lernen, Vibrationen durch den Boden eines brennenden Geb?udes zu lesen, das ?chzen einer tragenden Wand, die gleich versagt, das Schlagwerk eines Flashovers, das spezifische Zittern einer Decke, die in drei?ig Sekunden einstürzt.

Masons Fü?e sind kalibrierte Messger?te. Er wei?, was der Boden sagt.

Bei den anderen ist das Signal mittel. Ein Murmeln.

Grundrauschen aus dem Pilzgeflecht, das unter diesem ganzen Wald verl?uft.

Nolan hat darüber geredet, als w?re es faszinierend.

Jonah hat genickt. Derek hat medizinische Fragen gestellt.

Theo hat blo? gel?chelt, dieses aufreizende Theo-L?cheln danach, das Mason ihm am liebsten aus dem Gesicht schlagen würde.

Bei Mason ist das Signal tief. Subsonisch.

Es dr?hnt nicht. Es pocht. Ein tiefer, massiger Rhythmus, den er in den Stiefelsohlen spürt und in den Schienbeinen und im Becken und (Schei?e) in seinem Schwanz.

Die Vibration wandert seinen K?rper hinauf und sammelt sich an den Stellen, wo er sie nicht haben will.

Im Schritt. In der Brust. An der Sch?delbasis, wo sie einen Druck erzeugt, der kein Kopfschmerz ist, kein Schmerz, blo? Anwesenheit.

Bewusstsein. Eine Masse, gro? und nah und geduldig.

Kern.

Mason sagt den Namen nicht laut. Nolan hat sie benannt.

Nolan kam von seinem kleinen Pilzrendezvous zurück mit Klassifikationen und Etiketten (Kern, Moder, Splint), als machte das Benennen sie zu Taxonomie statt zu Horror.

Als w?ren das Arten, die man untersucht, und keine Ungeheuer, die ihre Hirnchemie gekapert haben.

?Die kapern gar nichts“, hatte Nolan gesagt, mit dieser zerst?rten, leuchtenden, unertr?glichen Ruhe. ?Die Sporen verst?rken bestehende neuronale Bahnen. Sie k?nnen keine Anziehung aus dem Nichts erzeugen. Die Anlage muss da sein.“

Mason war aus dem Gespr?ch weggegangen. Er war an den Rand des Lagers gegangen, und der Boden hatte anders unter seinen Stiefeln gesummt, und er war zurückgegangen.

* * *

Um Mitternacht versucht er zu schlafen. Liegt im Zelt. Starrt an die Nylondecke. Sein Schlafsack ist ein Gef?ngnis aus Stoff und eigener K?rperw?rme.

Die Erregung h?rt nicht auf. Es ist nicht wie Angemachtsein.

Angemachtsein ist ein Zustand, ein Ereignis, etwas, das auf einen Reiz hin passiert.

Das hier ist ein Dauerzustand. Eine bleibende Wetter?nderung.

Er ist seit Tagen hart oder halbhart oder auf dem Weg dorthin.

Die Eier tun ihm weh. Die Haut brennt. Die Unterhose ist unertr?glich gegen ihn, die Reibung von Baumwolle auf seinem Schwanz l?sst ihn bei jeder Bewegung den Atem anhalten.

Er k?nnte sich darum kümmern. Hat er, zweimal, in den Stunden vor der D?mmerung, als die anderen schliefen.

Grob, ohne Umst?nde, die Hand an sich im Dunkeln, und dabei versucht, an Frauen zu denken, an den K?rper seiner Ex, an Pornos, die er gesehen hat, normale Dinge, hetero Dinge, und stattdessen sah er Jonahs Schultern und Nolans Mund und die dunkle Gestalt in den B?umen, zwei Meter siebzig gro?, die Rinde aufgesprungen von Bernsteinlicht.

Er ist beide Male gekommen. Schnell und vernichtend. Und es hat nichts geholfen. Nach Minuten war die Erregung zurück, schlimmer, wie eine Badewanne leerlaufen lassen, w?hrend der Hahn weiterl?uft.

Jetzt liegt er in seinem Zelt, und der Boden unter der Isomatte vibriert so tief, dass er es in der Prostata spürt, und es ist rhythmisch, gesetzt, gezielt, und was da drau?en im tiefen Wald wartet, wei? genau, was es mit ihm anstellt.

?Ich werde nicht“, sagt Mason zur Decke seines Zelts. ?Ich tu’s nicht.“

Die Vibration ?ndert sich nicht. Sie steigert sich nicht, sie l?sst nicht nach.

Sie geht einfach weiter. Geduldig. Sicher.

Ein Basston, gespielt auf einem geologischen Instrument, der durch den K?rper von Mason Vogt schwingt, der nicht nachgeben wird, der nie nachgegeben hat, der seine ganze Identit?t um den Grundsatz gebaut hat, dass er sich nicht beugt, nicht bricht, nicht.

Er dreht sich auf den Bauch und vergr?bt das Gesicht im Schlafsack, und der Druck der Matte gegen seinen Schwanz bringt ihn fast zum St?hnen.

Er st?hnt nicht.

Er bei?t in den Stoff, bis ihm der Kiefer wehtut, und z?hlt seine Herzschl?ge. H?her, als er sein dürfte. H?her, als ein Ruhepuls je sein dürfte. Er liegt reglos in einem Schlafsack, und sein Herz l?uft, als w?re er im fünften Stock eines Geb?udebrands mit fünfzig Kilo Ausrüstung.

Die Vibration sinkt tiefer. Nur eben so. Eine einzige Gr??enordnung. Als w?re da drau?en etwas eine Spur n?her an sein Zelt gerollt.

* * *

Um drei Uhr morgens gibt Mason den Schlaf auf und setzt sich in die K?lte vor das Zelt.

Es ist nicht kalt. Das ist das andere. Es müsste kalt sein.

Sie sind in der H?he, es ist mitten in der Nacht, der See liegt in einem Kar, das kalte Luft sammeln müsste wie eine Schüssel.

Aber die Luft ist warm. Subtropisch. Die Sü?e so dicht, dass er sie auf der Zunge schmeckt, Honig und Moos und diese tierische Unterstr?mung, die ihm den Magen zusammenzieht.

Die anderen sind verbucht. Derek und Jonah in ihrem Zelt.

Nolan am See, schlafend oder kommunizierend oder was zum Teufel Nolan jetzt tut.

Theo weg. Theo ist jetzt immer weg. Drau?en im tiefen Wald mit diesem Wesen, Splint, und tut Dinge, die Mason sich mit übelkeiterregender, pornografischer Klarheit vorstellen kann, obwohl er sie nie gesehen hat, weil die Sporen liefern, die Sporen liefern immer, die Sporen malen Bilder auf die Innenseite seiner Lider, die er nicht wegschrubben kann.

Mason ist allein.

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