KAPITEL 4 #3
Der Morgen kommt grau und sp?t. Die W?nde rings um den See sperren direktes Sonnenlicht bis in den sp?ten Vormittag aus, und so ist das Licht, das das Lager erreicht, aus zweiter Hand.
Von Fels gespiegelt, durch Nebel gefiltert, kalt und flach ankommend.
Das Feuer ist tot. Die Zelte sind dunkel.
Das Wasser hat dasselbe Schwarz wie um Mitternacht, bietet nichts, spiegelt nichts, ein Loch in der sichtbaren Welt.
Nolan ist als Erster drau?en. Er zieht das Zelt mit H?nden auf, die immer noch zittern – Feinmotorik beeintr?chtigt, vermerkt er automatisch, noch ein Datenpunkt –, und steht im grauen Licht und atmet.
Die Luft ist sü?. Natürlich ist sie sü?.
Er glaubt nicht, dass die Luft je wieder nicht sü? sein wird.
Er geht zur Wasserlinie. Das schwarze Wasser leckt am Fels mit einem Ger?usch, das so schwach ist, dass es fast unterschwellig bleibt, ein nasses Flüstern, das seine Ohren zu entziffern versuchen.
Er geht in die Hocke. Das Wasser ist die ersten fünfzehn Zentimeter klar – er kann die Gneisbank sehen, die in den See hineinreicht, überzogen mit diesem dunklen Moos –, und dann f?llt es ins Schwarze.
Nicht allm?hlich. Eine Kante, und dann nichts.
Tiefe jenseits jeder Messung. Das D?monenverlies.
Sein Spiegelbild sieht zu ihm zurück. Graugrüne Augen, dunkles Haar, zwei Tage unrasiert.
Er sieht aus wie er selbst, nur leicht verschoben: die Pupillen zu gro?, die Haut über den Wangenknochen ger?tet, der Mund weicher, als er ihn sonst tr?gt.
Er sieht aus wie ein Mann im Frühstadium eines Fiebers, das er nicht brechen lassen will.
Hinter ihm Zeltrei?verschlüsse. Mason kommt als Erster heraus, was Nolan überrascht. Mason schl?ft sonst, bis man ihn hinausdr?ngt. Mason steht in der grauen D?mmerung, und er ist oben ohne, und seine Augen sind hohl, und seine Jogginghose erz?hlt ihre eigene Geschichte.
Nolan sieht weg. Schnell.
Mason sieht ihn wegsehen. Das Schweigen zwischen ihnen ist eine neue Art von Schweigen. Die Art, die ein Eingest?ndnis enth?lt, das keiner von beiden aussprechen wird.
?Kaffee“, sagt Mason. Seine Stimme ist Schotter. Tiefer als sonst.
?Kocher ist in meinem Rucksack.“
Mason holt ihn. Er bewegt sich an diesem Morgen anders. Weniger Auftrumpfen, mehr Vorsicht, als w?re sein K?rper ein Instrument, das über Nacht umgestimmt wurde und dessen neue Griffe er noch nicht kennt. Er fummelt am Gaskocher. Auch seine H?nde zittern.
Derek kommt als N?chster heraus. Dann Theo. Dann Jonah.
Niemand sagt etwas.
Sie sitzen im Kreis um den neu entzündeten Kocher und warten, dass das Wasser kocht, und sie sagen nichts und sehen einander nicht an, und das Nichtansehen ist so laut, dass es taub macht.
Theos Augen sind rot ger?ndert. Dereks Kiefer ist fest, die klinische Maske sitzt, aber seine Finger gehen immer wieder zum eigenen Puls, Handgelenk, dann Hals, überwachend, diagnostizierend, nach dem medizinischen Rahmen greifend, weil die Alternative w?re, nach Theo zu greifen, der nah genug sitzt, dass ihre Knie sich fast berühren.
Mason starrt in die mittlere Distanz. Seine H?nde um den Kaffeebecher sind wei? an den Kn?cheln.
Was auch immer Mason getr?umt hat, es hat Spuren hinterlassen.
Keine k?rperlichen – sein K?rper ist unversehrt, jeder dickmuskelige Zentimeter davon –, aber die Architektur hinter seinen Augen ist umgestellt worden.
Er sieht aus wie jemand, der in einem Land aufgewacht ist, in dem er die Sprache des eigenen Begehrens nicht spricht.
Jonah sitzt neben Nolan. Ohne Berührung.
Aus den fünfundvierzig Zentimetern sind drei?ig geworden, sind fünfzehn geworden, ein Abstand, der in jedem anderen Zusammenhang nichts w?re – Freunde an einem Lagerfeuer, Morgen nach dem Junggesellenabschied, normal –, aber hier ist er nicht nichts.
Hier sind fünfzehn Zentimeter ein Streit.
Fünfzehn Zentimeter sind eine Verhandlung.
Fünfzehn Zentimeter sind die letzte Wand, die noch steht, und beide sehen die Risse.
Nolan schl?gt das Feldtagebuch auf. Schreibt das Datum. Schreibt Tag 2, Lager Feldsee, 06:40.
Seine Handschrift ist fast unleserlich. Die Buchstaben lehnen betrunken. Der Stift drückt zu fest.
Er schreibt: Stadium 2.
Er wei? noch nicht, was es bedeutet. Aber die Taxonomie fühlt sich richtig an.
Gestern war eine Sache. Heute ist eine andere.
Die Eskalation hat eine Struktur. Die Euphorie ist noch da, aber sie hat jetzt einen Beifahrer: ein tiefes, hartn?ckiges, k?rperliches Gewahrsein, das am unteren Ende der Wirbels?ule wohnt und nicht ruhig wird.
Er klappt das Feldtagebuch zu.
Auf der anderen Seite des Feuers begegnet Theo seinem Blick. Theos Blick ist wissend, zerrüttet und dunkel belustigt. Der Blick von jemandem, der beschlossen hat, das hier komisch zu finden, weil die einzige Alternative Schreien ist.
Theo hebt den Kaffeebecher. Ein Toast.
?Ein Junggesellenabschied für die Ewigkeit“, sagt er.
Niemand lacht.
Der Wind dr?hnt über dem schwarzen Wasser.
Das Kronendach seufzt über ihnen wie eine gewaltige Lunge, die sich setzt.
Die Luft ist sü?. Und unter dem Moos, unter dem Gneis, unter der unm?glichen Tiefe des Sees rührt sich das unterirdische Netz einmal, langsam und gewaltig, wie der Herzschlag eines Organismus, der sehr lange geschlafen hat und aufwacht.