KAPITEL 5
DER MORGEN DANACH
* * *
Nolan wacht auf, und er ist hart.
Nicht das übliche Halbmast-D?sen des Morgens.
Das hier ist brutal, aufdringlich, sein Schwanz dr?ngt gegen die Boxershorts, als h?tte er eine eigene Tagesordnung.
Er liegt still im Zelt, den Schlafsack um die Beine gedreht, und starrt an die grüne Nylondecke und atmet durch die Nase und befiehlt es sich weg.
Es geht nicht weg.
Jonah ist zehn Zentimeter entfernt. Nah genug, dass Nolan die Textur seines Atems h?ren kann, das leichte Kratzen beim Einatmen, das langsamere Loslassen.
Nah genug, um ihn zu riechen: Schwei?, Fichtenharz, ein Geruch darunter, moschusartiger, w?rmer, fast sü?.
Nolans Hüften verschieben sich unwillkürlich, und er bei?t die Z?hne zusammen und zwingt sich zur Ruhe.
Der Traum ist direkt da. Er verblasst nicht so, wie Tr?ume verblassen. Er sch?rft sich. Jonahs H?nde an seinen Rippen. Jonahs Mund an seinem Hals. Der Laut, den Jonah machte, irgendwo zwischen St?hnen und Wort, und wie Nolans Name klang, in seine Haut hinein gesprochen.
Nicht echt. Geh weg. Nicht echt.
Er ?ffnet den Zeltrei?verschluss so leise, wie er kann.
Die Morgenluft trifft ihn, kühl, aber nicht kühl genug.
Nie mehr kühl genug. Der See liegt unter dem Lager wie ein schwarzer Spiegel, vollkommen still, die dreihundert Meter hohen Karw?nde so genau auf seiner Fl?che gespiegelt, dass Nolan nicht sagen kann, wo oben ist.
Er stellt sich zwischen die B?ume und pisst, und es dauert ewig, weil er immer noch hart ist und sein K?rper eine andere Erleichterung will als diese, aber irgendwann kooperiert die Biologie. Er schüttelt ab. Steckt sich zurück. Geht zum Feuerring, wo die Kohlen über Nacht grau geworden sind.
Sein Feldtagebuch liegt, wo er es gelassen hat, unter einem flachen Stein. Er schl?gt es auf.
Sein letzter Eintrag, von vielleicht zwei Uhr nachts, lautet: Myzeldichte um den Feldsee übertrifft alles aus Simards Arbeiten um eine Gr??enordnung.
Fruchtk?rper emittieren bernsteinfarbenen Schein im Bereich 460–490 nm (blaugrün).
Luftpartikel merklich erh?ht gegenüber dem Basislager. M?gliche Sporens?ttigung? Fühle
Der Satz h?rt dort auf. Eine zackige Linie l?uft von der Seite, wo der Stift abgerutscht ist.
Er erinnert sich nicht daran, das geschrieben zu haben. Er erinnert sich an den Traum.
Nolan beginnt einen neuen Eintrag. Tag 3. ca. 0630. Kein Signal. Temperaturanomalie h?lt an. Umgebungsluft 4–6 Grad w?rmer als für H?he und Jahreszeit zu erwarten. Alle Teilnehmer
Er h?rt auf. Legt den Stift hin. Nimmt ihn wieder auf.
Alle Teilnehmer zeigen nach dem Erwachen anhaltende physiologische Erregung. Mich eingeschlossen.
So. Wissenschaftlich. Dokumentiert. Als g?be ihm das Dokumentieren irgendeine Kontrolle über die Tatsache, dass er so hart aufgewacht ist, dass es wehtat, und dabei vom Mund seines besten Freundes getr?umt hat.
* * *
Theo kommt als N?chster heraus. Er krabbelt aus dem Zelt, das er mit Derek teilt, richtet sich auf, streckt sich und unternimmt nicht das Geringste, um die deutliche Linie seiner Erektion an der Shorts zu verbergen. Er kratzt sich am Kiefer, überblickt den Lagerplatz, f?ngt Nolans Blick auf.
?Morgen, Professor.“ Seine Stimme ist rau vom Schlaf. ?Gut geschlafen?“
Nolan sieht ins Feldtagebuch. ?Geht so.“
?Lügner.“ Theo grinst, alles Z?hne. Er geht an den Rand der B?ume, pisst offen, kommt zurück. Immer noch hart. Versteckt es immer noch nicht. Er l?sst sich neben Nolan fallen, zieht einen Müsliriegel aus dem Essbeutel und isst ihn, als w?re nichts auf der Welt ungew?hnlich.
Mason kommt als N?chster heraus. Er sieht aus, als h?tte er nicht geschlafen.
Sein rotbrauner Bart ist auf einer Seite verfilzt, seine Augen sind blutunterlaufen, und er bewegt sich mit der geladenen, gef?hrlichen Energie eines Mannes, der nach einem Streit sucht.
Er sieht Theo. Sieht Theos Zustand. Sein Kiefer arbeitet.
?Zieh dir verdammt noch mal eine Hose an“, sagt Mason.
?Ich trage eine Hose.“
?Eine l?ngere.“
Theo bei?t vom Müsliriegel ab. ?Es ist ein Lagerplatz, Mason. Im Wald. Mit fünf Typen. Hier ist das keinem schei?egal genug, um sich drüber aufzuregen.“
Masons Nasenflügel beben. Er dreht sich weg, greift nach dem Gaskocher, f?ngt an, Kaffee zu machen, mit der starren Konzentration eines Mannes, der eine Bombe entsch?rft.
Nolan sieht zu, wie die Sehnen in seinen Unterarmen hervortreten, als er die Gaskartusche in den Brenner dreht.
Mason ist auch hart. Seine Sporthose verbirgt gar nichts.
Er steht mit dem Rücken zur Gruppe und sagt nichts, und der Kaffee braucht eine Ewigkeit.
Derek krabbelt heraus. Dann Jonah. Keiner von beiden sagt etwas.
Derek sieht auf die Uhr, nimmt sich den Puls.
Nolan sieht ihm dabei zu, kann die diagnostische Checkliste hinter seinen Augen f?rmlich ablaufen sehen.
Jonah setzt sich auf einen Stamm und starrt auf den See und sieht Nolan nicht an, und Nolan sieht Jonah nicht an, und das Nichtansehen ist so laut, dass es den ganzen Platz füllt.
Sie sind alle hart. Alle. Im dünnen Morgenlicht, in Wandershorts und Boxershorts und den T-Shirts von gestern, l?sst sich das nicht verbergen, und niemand versucht es, und niemand spricht es aus, und die Stille spannt sich wie ein Draht.
Derek bricht als Erster. ?Okay. Erlebt gerade jeder von euch –“
?Nicht“, sagt Mason.
?Ich frage doch nur, ob –“
?Ich hab gesagt: nicht.“
Derek presst die Lippen zusammen. Nickt einmal. Geht zurück ans Handgelenk und z?hlt die Schl?ge seines Pulses mit zwei Fingern.
Nolan schreibt ins Feldtagebuch: Gruppenkoh?sion belastet. Vermeidungsverhalten. Beidseitige Erregung anhaltend 40+ Minuten nach dem Erwachen. Derek versucht medizinische Einordnung, wird abgewiesen. Niemand hat das Tr?umen erw?hnt.
Denn sie haben alle getr?umt. Er wei? das so, wie er wei?, dass das Wetter nicht hierhergeh?rt und die B?ume zu nah stehen und die Luft nach Honig über einem tierischen Moschus riecht.
Er wei? es, weil Jonah ihn nicht ansieht und Mason so gespannt ist wie ein Faden kurz vor dem Rei?en und Derek immer wieder sein eigenes Handgelenk berührt, als prüfte er, ob er noch echt ist.
Sie haben alle getr?umt, und die Tr?ume gingen umeinander, und keiner wird es sagen.
* * *
Theo sagt es.
Sie sitzen beim Frühstück, Instant-Haferbrei, Studentenfutter, noch mehr Kaffee, als Theo sich auf die Ellenbogen zurücklehnt und sagt: ?Also, wer hatte noch Sextr?ume?“
Die Stille danach ist ein k?rperliches Ding. Eine Wand.
Masons L?ffel bleibt auf halbem Weg zum Mund stehen. Derek wird sehr still. Jonah starrt in den Haferbrei in seinem Becher, als w?re das die faszinierendste Substanz, der er je begegnet ist. Nolan spürt, wie sich jeder Muskel im Rücken anspannt.
?Kommt schon.“ Theo sieht in die Runde. ?Wir sitzen hier alle mit Schw?nzen wie Zeltstangen und tun so, als w?re das blo? Morgenlatte? Es ist jetzt“, er sieht auf die Uhr, ?eine Stunde her. Das ist nicht normal. Und letzte Nacht hab ich getr?umt, dass –“
?Halt die Klappe, Theo.“ Masons Stimme ist tief. Eine Warnung.
?Ich hab getr?umt, Derek hatte die Hand an meinem –“
Mason bewegt sich. Schnell. Er ist mit zwei Schritten über dem Feuerring und hat Theo am Hemdkragen und hat ihn vom Boden hochgerissen, bevor jemand reagieren kann. Theos Fü?e treten für eine Sekunde in die Luft. Masons Gesicht ist purpurrot, der Arm zurückgenommen, die Faust geschlossen.
?Mason!“ Nolan ist auf den Beinen. Jonah ist auf den Beinen. Derek hat sich nicht bewegt – er starrt Theo an mit einem Ausdruck, den Nolan nicht lesen kann.
?Sag noch ein verdammtes Wort.“ Masons Faust zittert. Die Adern an seinem Hals sind Seile. ?Noch ein Wort, Theo. Trau dich.“
Theo zuckt nicht. Er h?ngt in Masons Griff, und seine Augen sind ruhig, und darin liegt etwas, das nicht Angst ist. Ein Wissen. Fast freundlich.
?Du hast es auch getr?umt“, sagt Theo leise. ?Oder nicht.“
Mason l?sst ihn fallen. Geht in die B?ume. Kommt zwanzig Minuten lang nicht zurück.
* * *
Sie packen zusammen. Sie hauen ab.
Das ist der Konsens, das Erste, worauf sich alle fünf seit dem Aufwachen einigen.
Was auch immer hier passiert – H?he, schlechtes Wasser, irgendeine allergische Reaktion auf die Sporens?ttigung in der Luft, Nolans Theorie, vorsichtig angeboten, dankbar angenommen, weil sie ein Etikett liefert –, die L?sung ist zu gehen.
Zurück auf den H?llentalweg. Zurück nach Freiburg.
Ins Krankenhaus, wenn Derek meint, dass sie das sollten.
Derek meint, dass sie das sollten. Er z?hlt seit dem Frühstück Symptome, sein medizinisches Hirn krallt sich an die Aufgabe wie ein Ertrinkender an Treibholz.
?Erh?hte Herzfrequenz. Meine liegt in Ruhe bei zweiundneunzig, das sind drei?ig über meinem Ausgangswert.
Anhaltende Vasodilatation. Gesteigerte Sinnessch?rfe.
M?gliche Pheromonexposition durch eine nicht identifizierte Pilzverbindung. Wir brauchen Blutwerte.“
?Oder wir müssen einfach nur raus aus der Sporenzone“, sagt Nolan. Er meint es. Er will es meinen. Wenn sie über das Kronendach kommen, auf den H?henrücken, wo die Luft sauber ist, müsste es sich kl?ren. Der K?rper wird das, was das hier ist, verstoffwechseln.
Nur fühlt sich sein K?rper nicht an, als verstoffwechselte er irgendetwas. Sein K?rper fühlt sich an, als führe er hoch.
Sie gehen nach Norden. Das ist der Plan: nach Norden durch den tiefen Wald, zurück Richtung H?llental, dem Gef?llemuster bergab folgend. Nolan hat einen Kompass. Er hat eine topografische Karte. Er hat zehn Jahre Gel?ndeerfahrung in naturnahem Altbestand.
Der Wald hat andere Pl?ne.