KAPITEL 5 #2

Die erste Stunde fühlt sich normal an. Schwer.

Der Bannwald ist eine Trümmerlandschaft aus geworfenen Fichten und wildem Aufwuchs, St?mme gestapelt wie gebrochene Knochen, Wurzelteller, die drei Meter in die Luft ragen.

Aber sie kommen voran. Das GPS ist nutzlos, unter dem Kronendach kein Satellitenkontakt, aber der Kompass h?lt Kurs und der Hang neigt sich bergab und Nolan markiert alle hundert Meter ihre Peilung.

Dann fangen die Pilzbildungen an.

Sie sind da, seit sie die weglose Zone betreten haben: lumineszente Flecken auf liegenden St?mmen, F?den, als wei?e Stiche im Boden sichtbar.

Aber jetzt sind sie anders. Dichter. In Mustern angeordnet, die Nolans Hirn immer wieder als absichtsvoll lesen will.

Linien bernsteinglühender Fruchtk?rper, die sich krümmen und verzweigen wie ein Kreislaufsystem, auf den Waldboden gezeichnet.

Er bleibt stehen, um es anzusehen. Er sollte nicht. Er wei?, dass er nicht sollte. Aber sein Biologenhirn, der Teil von ihm, der einordnet und taxonomiert und verstehen muss, l?sst ihn nicht vorbeigehen.

?Nolan.“ Jonahs Stimme hinter ihm. Nah. ?Wir müssen weiter.“

?Wei? ich. Nur. Sieh dir das an.“ Er hockt sich an einen gestürzten Baum von der Gr??e eines Kombis.

Die gesamte Unterseite ist von Fruchtk?rpern besiedelt, die er nicht bestimmen kann.

Familie, Gattung, Art. Nichts passt. Sie glühen selbst bei Tageslicht schwach, Bernstein, das an den R?ndern ins Grün kippt, und sie pulsieren. Langsam. Wie Atmen.

?Gestern waren sie nicht so dicht.“ Nolan greift nach dem Feldtagebuch. Seine Hand zittert. Nicht vor Angst. Aus einem anderen Grund: eine Erregung, die nicht zu seinem rationalen Verstand geh?rt, ein Zug in der Brust, der sagt n?her, sieh n?her hin, fass es an.

Er fasst es nicht an.

?Nolan.“ Jonahs Hand auf seiner Schulter. Die Berührung trifft Nolan hart, ein Sto? Empfindung vom Berührungspunkt, der die Wirbels?ule hinunterrast und sich über die Haut ausbreitet, und er keucht, bevor er es verhindern kann.

Jonah zieht die Hand zurück. Sie sehen einander an.

?Sorry“, sagt Jonah. ?Ich wollte nicht –“

?Alles gut.“ Nolan steht auf. ?Gehen wir.“

Sie gehen weiter. Der Kompass sagt Norden. Der Hang sagt bergab. Nolan markiert die Peilung. Zwei Stunden. Drei. Sie halten an, um zu trinken, und niemand setzt sich nah zu jemandem, und alle richten sich zurecht, wenn sie glauben, dass keiner hinsieht, und keiner erw?hnt es.

Vier Stunden. Die B?ume fangen an, vertraut auszusehen. Nicht allgemein vertraut. Genau vertraut. Diese Fichte mit dem gespaltenen Stamm. Dieser Wurzelteller mit dem eingewachsenen Block. Diese Gruppe Farne aus einem verrotteten Stubben.

?Nolan.“ Dereks Stimme ist vorsichtig. ?Waren wir hier schon mal?“

Nolan prüft den Kompass. Norden. Sie gehen seit vier Stunden nach Norden.

Er sieht auf und sieht den Feldsee.

Schwarzes Wasser. Dreihundert Meter hohe Karw?nde. Ihr Lagerplatz am Südufer sichtbar, der Feuerring raucht noch schwach.

?Das ist nicht m?glich“, sagt Derek.

Mason wirft seinen Rucksack auf den Boden. ?Was soll die Schei?e.“

?Der Kompass hat die ganze Zeit Norden angezeigt.“ Nolan h?lt ihn hoch. Die Nadel zeigt beharrlich zum See. Zu den W?nden. Zur Südflanke des Kars, die hinter ihnen liegen müsste. ?Die Missweisung stimmt nicht. Irgendetwas zieht an der Nadel.“

?Mineralvorkommen?“, sagt Derek.

?Vielleicht. Wahrscheinlich. Hier gab es Silberbergwerke, mittelalterlich. Der Magnetit in den Erzk?rpern k?nnte –“

?Oder wir laufen im Kreis.“ Theo sagt das ohne jede Not. Er sitzt auf einem Block, l?sst die Beine baumeln und beobachtet die anderen mit einem Ausdruck, der über Besorgnis hinaus in etwas gewandert ist, das aussieht wie Faszination. ?Der Wald hat uns zurückgebracht.“

?W?lder tun nichts“, blafft Mason.

?Dieser schon.“ Theo legt den Kopf in den Nacken. Atmet tief. L?chelt. ?Spürt ihr’s nicht?“

Sie spüren es.

* * *

Das Summen f?ngt irgendwann nach Mittag an.

Kein Ger?usch. Eine Empfindung. Ein tiefes, hartn?ckiges Summen unter der Haut, als w?re Nolans ganzer K?rper auf eine Frequenz knapp unterhalb der H?rschwelle gestimmt worden. Es beginnt in den H?nden. Wandert in die Arme. Setzt sich in Brust und Leiste fest und h?rt nicht auf.

Er sieht die anderen an und sieht dasselbe geschehen.

Derek beugt und streckt st?ndig die Finger, ?ffnet und schlie?t die F?uste.

Mason kratzt sich die Unterarme so heftig, dass Striemen stehen bleiben.

Jonah geht auf und ab, vier Schritte in eine Richtung, vier zurück, ruhelos, brennt Energie ab, die nirgendwohin kann.

Nolan sitzt am See und versucht, ins Feldtagebuch zu schreiben.

Expositionsstunde ca. 20–22. Neu einsetzendes Symptom: subkutane Vibration / Par?sthesie. Generalisiert, beidseitig. Begleitet von verst?rkter taktiler Empfindlichkeit, Kontakt mit Kleidung erzeugt unverh?ltnism??ige

Er h?rt auf zu schreiben. Sein Hemd berührt seinen Rücken und fühlt sich an wie Schmirgelpapier. Nicht direkt schmerzhaft. Nur zu viel. Zu anwesend. Jeder Faden seiner ersten Schicht ist eine eigene Linie Empfindung, die über seine Haut zieht, und er kann sie nicht ausblenden.

Er zieht das Hemd aus. Die Luft trifft seine blo?e Brust, und es ist besser, ihre W?rme wie eine Hand, sanft, ertr?glich, aber dann kommt eine Brise vom See, und das ist zu viel in die andere Richtung, jede Nervenendung feuert, und Nolan krümmt sich nach vorn und drückt die Handfl?chen flach ins Moos und atmet.

Das Moos ist weich. Warm. Seine Finger krallen sich hinein. Er spürt die F?den darunter, lebendig, verbunden, summend auf derselben Frequenz wie seine Haut, und für einen versetzten Moment ist es, als berühre der Wald ihn zurück.

Er zieht die H?nde weg.

Auf der anderen Seite des Lagers streift Mason sich das Hemd ab.

Dann Derek. Dann Jonah. Die Hitze geh?rt nicht hierher.

Es ist Mitte September im Schwarzwald, es müssten zw?lf, dreizehn Grad sein, und stattdessen sind es fünfundzwanzig und steigend, schwül, eng, die Luft schwer von diesem sü?en F?ulnisgeruch, den Nolan zuerst im H?llental bemerkt hat und der seit Stunden st?rker wird.

Theo zieht die Shorts aus. Sitzt in Boxershorts da. Niemand sagt etwas, weil sich die eigenen Kleider wie Folter anfühlen und die Logik der Schamhaftigkeit gegen die Logik des K?rpers an Boden verliert.

Stadium 3. Nolan hat noch keinen Namen dafür, aber er wird einen haben.

Im Feldtagebuch, wenn er wieder einen Stift halten kann, wird er es Berührungshunger nennen.

Das Bedürfnis, zu berühren und berührt zu werden, das sich von Erregung unterscheidet: tiefer, struktureller, als w?re seine Haut zu einem Sinnesorgan für ein Signal geworden, das sie durch Stoff nicht empfangen kann.

Er sieht zu, wie Jonah sich den eigenen Nacken kratzt, und die Geste ist das Erotischste, was Nolan je gesehen hat.

H?r auf. H?r auf damit.

?Wir sollten es noch mal versuchen“, sagt Derek. Seine Stimme hat etwas Gepresstes, als spr?che er durch einen Filter. ?Andere Richtung. Süden. Wir wissen, dass der Kompass kompromittiert ist, also navigieren wir nach der Sonne.“

?Das Kronendach ist zu dicht, um die Sonne zu sehen“, sagt Nolan.

?Dann folgen wir dem Wasserlauf. Wasser flie?t bergab, unabh?ngig von magnetischer St?rung.“

Es ist ein guter Plan. Es ist ein rationaler Plan. Derek klammert sich mit beiden H?nden an die Rationalit?t, und Nolan sieht die wei?en Kn?chel.

?Morgen“, sagt Mason. Er sitzt an einem Baum, die Arme über der blo?en Brust verschr?nkt, die Beine angezogen. Abwehrhaltung. Eind?mmungshaltung. ?Wir versuchen es morgen. Es ist schon nach Mittag, und ich lass mich nicht im tiefen Wald von der Dunkelheit einholen.“

Niemand widerspricht. Nach Einbruch der Dunkelheit im Bannwald festzusitzen, weg von der relativen Offenheit des dunklen Auges, fühlt sich schlimmer an als zu bleiben.

Obwohl Nolan nicht sagen k?nnte, warum. Etwas mit den R?umen zwischen den B?umen.

Der Art, wie sich Schatten im Unterwuchs bewegen, wenn kein Wind sie bewegt.

Sie sitzen fest. Das dunkle Auge h?lt sie, nicht durch W?nde, sondern durch die Desorientierung des Waldes selbst, den fehlerhaften Kompass, die Wege, die sich in sich zurückkrümmen, das dunkler werdende Kronendach, das Richtung und Entfernung schluckt.

Sie sind einen Tag in der weglosen Zone und kommen nicht heraus, und Nolans wissenschaftlicher Verstand schreit, dass das unm?glich ist, und seinem K?rper ist Unm?glichkeit egal, weil sein K?rper mit der eigenen Katastrophe besch?ftigt ist.

Das Summen wird schlimmer, w?hrend der Nachmittag sich dehnt.

Nolans Haut fühlt sich an, als versuchte sie, sich von den Knochen zu sch?len.

Er liegt im Zelt mit offener Plane und starrt an die Decke und z?hlt seine Atemzüge und sein Schwanz schmerzt und seine H?nde schmerzen und jede zuf?llige Berührung am Schlafsack ist eine Detonation von Empfindung, die ihn sich auf die Zunge bei?en l?sst.

Durch die Zelt?ffnung sieht er Jonah an der Wasserlinie. Oben ohne. Das sp?te Licht f?ngt die Fl?chen seines Rückens, die breite Spanne der Schultern, die goldbraune Haut, die anzusehen Nolan sich zehn Jahre lang abtrainiert hat.

Die Sporen erschaffen nichts aus dem Nichts.

Nolan wei? das so, wie er Taxonomie wei?, mit der knochentiefen Gewissheit der Mustererkennung.

Was für eine Verbindung er auch einatmet, was auch immer die Luft um den See s?ttigt, es ist ein Verst?rker.

Ein Enthemmer. Das Begehren war schon da.

Es ist seit dem zweiten Studienjahr da, seit einer Rugbyparty, auf der Jonah den Arm um Nolans Nacken legte und ihn an sich zog und in sein Haar lachte, und Nolan spürte, wie sich sein ganzes Leben um diesen einen Berührungspunkt neu ordnete.

Die Sporen haben nur die Lautst?rke aufgedreht, bis die Boxen durchgebrannt sind.

Nolan schlie?t die Augen. Seine Haut summt. Der Wald antwortet.

* * *

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