KAPITEL 5 #3

Das Abendessen ist mechanisch. Gefriergetrocknete Mahlzeiten, hei?es Wasser, kaum ein Wort.

Sie sitzen weiter auseinander als an jedem Abend zuvor, absichtlicher Abstand, jeder h?lt seinen Umkreis, als w?re N?he der Brandbeschleuniger und Raum das L?schmittel, und wenn sie nur genug Luft zwischen den K?rpern halten, halten sie durch.

Au?er Theo. Theo sitzt neben Derek. Ihre Schultern berühren sich fast. Derek rückt weg. Theo rückt nicht nach, aber er rückt auch nicht weg, und der Abstand zwischen ihnen, fünf Zentimeter, vielleicht sieben, knistert vor potenzieller Energie.

?Wir müssen darüber reden, was hier passiert“, sagt Derek.

?Müssen wir nicht“, sagt Mason.

?Medizinisch. Ich muss medizinisch darüber reden.

“ Derek richtet sich auf. Setzt die Arztstimme auf.

Nolan erkennt die Verschiebung, die Art, wie Derek sich in klinischer Autorit?t panzert.

?Wir zeigen alle identische Symptome. Anhaltende Erregung, taktile überempfindlichkeit, gest?rte Thermoregulation, r?umliche Desorientierung.

Der gemeinsame Vektor ist die Luft. Genauer: das Pilzpartikel, das Nolan identifiziert hat.

Was wir da einatmen, ist eine psychoaktive Verbindung, m?glicherweise verwandt mit Psilocybin oder Ergotamin, aber so eine Pr?sentation habe ich noch nie gesehen. “

?Also Drogen“, sagt Mason flach. ?Die Pilze setzen uns unter Drogen.“

?Die Sporen“, korrigiert Nolan. ?Nicht die Fruchtk?rper. Die mikroskopischen Sporen in der Luft. Die Konzentration hier am See ist h?her als alles, was ich je gemessen habe. Und sie steigt.“

?Dann halten wir die Luft an und laufen raus.“

?Es ist l?ngst in deinem System, Mason. Seit zwei Tagen. An diesem Punkt k?nnte eine geringere Exposition den Verlauf verlangsamen, aber sie macht nicht rückg?ngig, was –“

?Verlauf?“ Jonah spricht zum ersten Mal seit einer Stunde. Seine Stimme ist leise. ?Du sagst, das wird schlimmer?“

Derek z?gert. Nolan sieht ihn zwischen Ehrlichkeit und Trost w?hlen. Derek w?hlt immer Ehrlichkeit. ?Die Kurve deutet auf Eskalation hin, ja.“

Stille. Der See liegt flach und schwarz unter ihnen. Keine Insekten. Keine Fr?sche. überhaupt kein Laut vom Wasser, als schluckte der See Ger?usch, wie er Licht schluckt.

Theo sagt: ?Vielleicht ist schlimmer nicht das richtige Wort.“

Fünf Augenpaare drehen sich zu ihm.

?Ich meine“, er hebt die H?nde, ?ich sage nicht, dass das gut ist. Ich sage, dass Dagegenank?mpfen es schlimmer macht.

Je mehr du dich wehrst, desto h?rter drückt dein K?rper.

Ich hab vor sechs Stunden aufgeh?rt, mich zu wehren, und mir geht es“, er h?lt inne, überlegt, ?okay.

Mir geht es okay. Das Summen ist noch da, aber es tut nicht weh.

Es ist, als h?tte mein K?rper seine Frequenz gefunden. “

?Das ist die Verbindung, die da spricht“, sagt Derek.

?Vielleicht. Oder vielleicht schaltet die Verbindung nur den Bullshit ab, und der Bullshit ist das, was wehtut.“

Mason steht auf. Geht zum Feuer. Starrt hinein.

Seine F?uste ballen und l?sen sich an den Seiten.

Nolan sieht die Muskeln in seinem Rücken arbeiten, die ruhelose Energie, die Mason sonst durch Sport oder Wut oder Sex mit Frauen abbrennt, die er nicht zurückruft.

Keins davon gibt es hier. Es gibt nur den Wald und die vier M?nner, mit denen er hergekommen ist, und das Ding in seinem Blut, mit dem sich nicht verhandeln l?sst.

?Wir schlafen“, sagt Mason. ?Wir versuchen es im Morgengrauen noch mal. Andere Route. Wir kommen raus.“

Niemand widerspricht. Nicht, weil sie ihm glauben, sondern weil die Alternative – zuzugeben, dass der Wald sie hat, dass ihre K?rper nicht mehr ganz ihnen geh?ren, dass das Summen in ihrer Haut kein Symptom ist, sondern ein Ruf – immer noch zu viel ist, um es laut zu sagen.

Nolan schreibt einen letzten Eintrag, bevor das Licht geht. Seine Hand zittert. Die Buchstaben sind kaum lesbar.

Stadium 3. Berührungshunger. Der K?rper will, was der K?rper will.

Orientierung, Pr?ferenz, Wahl. Das sind kognitive Rahmen.

Die Sporen arbeiten unterhalb der Kognition.

Sie sprechen direkt zum Hirnstamm. Zu dem Teil von uns, der vor der Sprache existierte, vor der Scham, vor dem Begriff von hetero oder schwul oder irgendeinem Gerüst, das wir bauen, um Begehren zu verwalten.

Wir kommen hier nicht weg. Der Wald l?sst uns nicht. Und ich verliere die F?higkeit, es zu wollen.

Er klappt das Feldtagebuch zu. Legt sich im Dunkeln neben Jonah ins Zelt. Die Handbreit zwischen ihren Schlafs?cken k?nnte genauso gut ein Millimeter sein. Nolan spürt die Hitze von Jonahs K?rper abstrahlen wie von einem Lagerfeuer, an dem man steht.

Keiner von beiden schl?ft lange. Als Nolan endlich wegkippt, warten die Tr?ume.

Sie sind schlimmer als in der Nacht davor.

Genauer. Echter. Und als er um drei Uhr morgens aufwacht, keuchend, so hart, dass es schmerzt, ist Jonah auch wach.

Nolan erkennt es an der Beschaffenheit seines Schweigens – nicht der lose Atem des Schlafs, sondern die angespannte, angehaltene Stille eines Mannes, der sich sehr anstrengt, sich nicht zu bewegen.

Sie liegen im Dunkeln. Eine Handbreit auseinander. Der Wald dr?hnt unter ihnen.

Keiner spricht.

Es ist das lauteste Schweigen in Nolans Leben.

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