KAPITEL 6

DER ERSTE RISS

* * *

Die Luft steht. Das Kronendach über dem See ist ein geschlossener Deckel aus Fichte und Tanne, der die W?rme h?lt wie ein Gew?chshaus, nur gibt es keine vernünftige W?rmequelle.

Die Sonne dringt kaum durch. Die thermische Anomalie steigt von unten auf: aus dem Boden, aus dem Wurzelnetz, aus den F?den, die Nolan in jede Richtung durch den Untergrund laufen sieht, wei?e Pilzf?den, die schwach unter dem Moos pulsieren wie Adern unter der Haut.

Die Erde ist warm. Die Erde hat Fieber.

Sie haben es im Morgengrauen noch einmal versucht.

Diesmal nach Süden, dem Bach nach, der das dunkle Auge speist, weil Wasser der Schwerkraft gehorcht, egal was das Magnetfeld treibt.

Dereks Plan. Klug. Diszipliniert. Sie sind dem Bach drei Stunden durch den tiefen Wald gefolgt, über Totholz geklettert, durch Dickicht gek?mpft, das ihnen die Kleider zerriss, und der Bach lief stetig und bergab und alles stimmte, bis die B?ume aufgingen und da war wieder der See, schwarz und reglos, ihr Lager sichtbar am gegenüberliegenden Ufer.

Der Bach hatte eine Schleife gemacht. Oder sie. Oder der Wald hatte sich um sie herum neu geordnet wie eine Hand, die sich zur Faust schlie?t.

Mason trat den Gaskocher zusammen. Derek setzte sich hin, ma? seinen Puls und sagte nichts. Jonah stand zwanzig Minuten am Wasser, ohne sich zu rühren.

Jetzt ist Mittag, und die Hitze ist ein Angriff, und Nolans Shirt ist unertr?glich und seine Hose ist unertr?glich und seine Shorts sind unertr?glich, und vielleicht ist auch seine eigene Haut unertr?glich, aber da kommt er nicht heraus.

?Schei? drauf“, sagt Theo. ?Ich geh rein.“

Er ist ausgezogen, bevor jemand reagieren kann. Shirt, Hose, Shorts, alles auf einen Haufen auf die Felsen. Er steht nackt am Ufer, drahtig und t?towiert, die Tinte auf den Rippen, der Hüfte, der Innenseite des linken Unterarms, alles sichtbar, und er z?gert nicht. Er watet hinein.

Das Wasser müsste eiskalt sein. Der Feldsee ist Schmelzwasser und unterirdische Quellen, seine Temperatur liegt das ganze Jahr über zwischen vier und sechs Grad, kalt genug, um ein Herz stehen zu lassen, wenn man zu schnell hineingeht.

Theo geht schnell hinein. Nach drei Schritten brusttief.

Er schnappt nach Luft, aber nicht vor K?lte.

?Es ist warm“, sagt er. Er klingt verblüfft. Er klingt zum ersten Mal ?ngstlich, seit sie in die weglose Zone gegangen sind. ?Der See ist warm.“

Nolan starrt ihn an. Der Biologe in ihm schreit unm?glich, unm?glich, unm?glich. Ein Karsee erw?rmt sich nicht in zwei Tagen auf Badetemperatur. Allein die thermische Masse.

?Wie warm?“, ruft Derek.

?Badewannenwarm. So zwanzig Grad? Zweiundzwanzig?

“ Theo l?sst die Schultern unter die Oberfl?che sinken, und sein Gesicht ver?ndert sich.

Erleichterung. Die Spannung, die er seit Tagen mit sich schleppt, lockert sich, und für einen Moment sieht er wieder aus wie er selbst, der Theo aus Freiburg, aus dem Bus auf dem Hinweg, von vorher.

Nolan h?lt es nicht mehr aus. Der Berührungshunger von gestern ist nicht abgeklungen. Er hat metastasiert. Seine Haut ist ein Aufruhr aus Signalen. Jedes Stück Stoff auf ihr ist ein Schrei. Er zieht das Shirt aus. Z?gert bei der Hose. Sieht die anderen an.

Mason zieht sich schon aus. Sein Gesicht ist starr, grimmig, ein Mann, der etwas tut, das er hasst, weil die Alternative schlimmer ist. Er geht bis auf die Boxershorts und h?rt da auf, eine Linie, die er nicht überschreitet, und geht mit zusammengebissenen Z?hnen ins Wasser.

Derek folgt. Boxershorts an. Klinisch dabei, als w?re das eine verordnete Behandlung – Hydrotherapie, therapeutische Immersion, es gibt eine medizinische Begründung, und er wird sich an ihr festhalten.

Jonah zieht sich das Shirt über den Kopf, und Nolan sieht hin und sieht weg und sieht wieder hin, weil Wegsehen schwerer ist als Hinsehen.

Jonahs K?rper ist ein Rugbyk?rper, breit und massiv, ein K?rper, der Raum einnimmt und sich nicht dafür entschuldigt.

Goldbraune Haut, von Schwei? überzogen. Die dunkle Haarspur unter dem Nabel.

Er schiebt die Hose herunter. Beh?lt die Boxershorts an.

Geht so dicht an Nolan vorbei, dass die Luft zwischen ihnen unter Strom steht.

?Kommst du?“, fragt Jonah. Ohne sich umzudrehen.

Nolan zieht sich aus. Boxershorts bleiben. Geht rein.

Das Wasser ist warm. Nicht lauwarm, nicht kühl-warm.

Wirklich, unm?glich warm, seidig gegen seine überladene Haut, und die Erleichterung kommt so sofort und so tief, dass ihm ein Laut aus der Kehle f?hrt, den er nicht genehmigt hat.

Ein ?chzen. Tief. Kehlig. Ein Laut, der in einen v?llig anderen Zusammenhang geh?rt, und er h?rt ihn und die anderen h?ren ihn und keiner sagt etwas, weil das Wasser sie alle berührt und sie alle ihre eigene Version dieses Lautes machen.

Nolan taucht unter. H?lt die Luft an. ?ffnet die Augen.

Der Feldsee ist schwarz. Undurchdringlich, vollst?ndig schwarz.

Er sieht die eigenen H?nde nicht. Aber er spürt.

Das Wasser bewegt sich an seiner Haut auf eine Art, die nicht zur Ruhe an der Oberfl?che passt. Str?mungen.

Temperaturgradienten. Etwas tief unter ihm, im kalten Herz des Kars, das W?rme erzeugt.

Er h?ngt im schwarzen Wasser, und sein K?rper singt, und als er auftaucht, keuchend, ist die Welt heller und sch?rfer und satter als noch vor drei?ig Sekunden.

Sie treiben zu fünft. Lassen sich tragen.

Der See h?lt sie. Zehn Minuten sagt niemand ein Wort, und Nolan spürt, wie das Summen in seiner Haut zu einem Brummen wird und das Brummen zu einer Frequenz, die fast Musik ist, und die Karw?nde steigen um sie auf wie die W?nde eines Kirchenschiffs und der Himmel darüber ist ein schmaler wei?er Streifen und es ist sch?n und furchtbar, und Nolan denkt: So kriegt es dich. Nicht mit Gewalt. Mit Erleichterung.

* * *

Theo taucht sechs Meter drau?en auf, wo das Wasser von Braunschwarz in echtes Schwarz kippt, und legt sich auf den Rücken.

Nolan sieht es zuerst, weil Nolan immer zusieht. Wie Theos Hand unter die Wasserlinie gleitet. Wie sein K?rper sich krümmt, erst kaum merklich, dann weniger kaum. Wie sich sein Atem ?ndert.

Theo fasst sich an. Genau da. Im offenen Wasser, mit ihnen allen darin.

Seine Hand bewegt sich in einem langsamen, bewussten Rhythmus unter der Oberfl?che.

Die Augen sind geschlossen, das Gesicht dem Himmelsstreifen zugewandt, und es hat nichts Verstohlenes.

Keine Scham. Seine Lippen ?ffnen sich. Die Hüften wippen nach oben, ein flacher Sto?, der die Oberfl?chenspannung bricht und einen Ring nach au?en schickt.

Mason sieht es als N?chster. ?Was zum Teufel soll das –“

?Lass es.“ Theos Stimme ist ruhig. Fest. Seine Hand h?rt nicht auf. ?Tu nicht so, als w?rst du schockiert.“

?Verschwinde sofort aus dem –“

?Ihr denkt alle daran.“ Theo ?ffnet die Augen. Sieht jeden von ihnen der Reihe nach an: Mason, Derek, Nolan, Jonah. Sein Blick ist klar. Direkt. Anwesend. ?Ich bin nur der Einzige, der ehrlich genug ist, es zu tun.“

Keiner rührt sich. Keiner sieht weg.

Das ist es. Das ist der Riss. Denn wenn sie wirklich entsetzt w?ren, würden sie sich umdrehen.

Sie würden ans Ufer schwimmen. Sie würden Theo Privatsph?re lassen oder Würde oder was für ein Modell sie sonst brauchen, um so zu tun, als wollten sie nicht zusehen.

Aber sie bewegen sich nicht. Sie h?ngen im warmen schwarzen Wasser und sehen Theos Hand zu und sehen zu, wie sich sein Bauch zusammenzieht, und sehen zu, wie sein Kopf zurückf?llt, und der Laut, den er macht, schl?gt an den Karw?nden an und kommt vervielfacht zurück, der See wirft seine Lust über das Wasser wie konzentrische Ringe um einen geworfenen Stein.

Nolan ist hart. Ist es, seit das Wasser seine Haut berührt hat, aber jetzt ist es akut, schmerzhaft, sein Schwanz drückt gegen den nassen Stoff der Boxershorts, und er wei?, dass Jonah zwei Meter links von ihm ebenfalls hart ist, die Form davon sichtbar durchs Wasser, unverkennbar, und Jonah wei? es von Nolan, und beide wissen es, und keiner bewegt sich.

Theos Rhythmus ?ndert sich. Schneller. Sein Atem stockt. Hakt. Die Hüften treiben nach oben, das Wasser l?uft an seinem K?rper herunter, und er ist nicht leise dabei. Die Laute, die er macht, sind roh und ohne Verlegenheit, und sie füllen das Amphitheater aus Karw?nden, See und Kronendach.

Derek sieht zu. Nolan kann Dereks Gesicht lesen: den Krieg darin, die klinische Distanz, die sich gegen einen harten Sog stemmt und verliert, die ge?ffneten Lippen, den flachen Atem. Dereks Hand ist unter Wasser. Sie bewegt sich nicht. Aber sie ist nah dran.

Theo kommt. Sein Rücken b?umt sich auf, die Kehle blo?, und der Laut, den er macht, liegt auf halbem Weg zwischen Keuchen und Lachen, ungl?ubig und erleichtert, und sein K?rper zuckt und seine Hand wird langsamer und h?rt auf, und er treibt da, die Brust hebt und senkt sich, und die Stille danach ist vollst?ndig.

?Seht ihr?“, sagt Theo, zu niemandem, zu allen. ?Besser.“

Mason ist aus dem Wasser, bevor Theo zu Ende gesprochen hat.

Er zieht sich mit den Armen auf die Felsen, Wasser l?uft an ihm herunter, seine Erektion offensichtlich und mit einer Wut ignoriert, die das Ignorieren selbst zu einer Art Gewalt macht.

Er greift sein Shirt, seinen Rucksack, und bricht in den Waldrand, ohne sich umzusehen.

Das Ger?usch brechender ?ste folgt ihm in den tiefen Wald. Dann nichts mehr.

* * *

Sie gehen aus dem Wasser. Sie reden nicht darüber.

Derek sitzt auf einem Stein und starrt seine H?nde an und sagt sehr leise: ?Psilocybin macht das nicht.

LSD macht das nicht. MDMA steigert taktiles Empfinden und emotionale Offenheit, aber es erzeugt keine gezielte, anhaltende genitale Erregung und keine zwanghafte sexuelle Ideation in einer geschlossenen Gruppe. Das ist. Dafür habe ich kein Modell.“

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