KAPITEL 6 #2
Nolan setzt sich neben ihn. Nicht zu nah.
Das Summen ist zurück, schlimmer geworden durch das Wasser oder durch das, was sie gesehen haben, oder durch beides.
Die Boxershorts kleben ihm auf der Haut, nass und scheu?lich, und er müsste sich etwas Trockenes anziehen, aber trockene Sachen klingen noch schlimmer.
?Die n?chstliegende Analogie w?re vielleicht eine Pheromonreaktion“, sagt Nolan.
?Manche Insektenarten produzieren Aerosolverbindungen, die bei Artgenossen in der Umgebung Paarungsverhalten ausl?sen, unabh?ngig von bestehender Partnerpr?ferenz.
Borkenk?fer machen das. Bestimmte Nachtfalterarten auch. “
?Wir sind keine K?fer, Nolan.“
?Nein. Aber der Mechanismus k?nnte ?hnlich sein. Eine flüchtige organische Verbindung, die die h?heren Hirnfunktionen umgeht und direkt aufs limbische System wirkt –“
?Das erkl?rt die Tr?ume nicht. Pheromone erzeugen keine geteilten Trauminhalte.“
Für die Tr?ume hat Nolan keine Antwort. Er hat keine Antwort für den warmen See oder den Wald, der sich in Schleifen legt, oder die F?den, die in Mustern leuchten, die zu geordnet sind, um zuf?llig zu sein.
Er ist Biologe. Er handelt mit dem Beobachtbaren, dem Messbaren, dem Reproduzierbaren.
Nichts hier ist reproduzierbar. Alles hier ist unm?glich, und trotzdem.
Und trotzdem wei? sein K?rper genau, was er will. Sein K?rper ist kein bisschen verwirrt.
Jonah kommt aus dem Waldrand, wo er sich umgezogen hat.
Trockene Hose, trockenes Shirt. Er setzt sich auf die andere Seite des Lagers, holt den Gaskocher hervor (den, den Mason getreten hat; er funktioniert noch) und setzt Wasser auf, mit einer Konzentration, die Nolan als Verzweiflung erkennt, die sich als Nützlichkeit verkleidet.
Nolan sieht ihn an und sieht ihn nicht an, und das Nicht-Ansehen ist eine eigene Art von Hungern.
* * *
Mason kommt in der D?mmerung zurück. Er sagt nicht, wo er war. Die Kn?chel sind ihm aufgeschlagen. Er hat auf etwas eingeschlagen. Auf B?ume, vermutlich. Er setzt sich ans Feuer und isst und sieht niemanden an, und die Gruppe bewegt sich um ihn herum, wie Wasser sich um einen Stein bewegt.
Theo versucht es einmal. ?Mase –“
?Red nicht mit mir.“
Theo nickt. Geht ins Zelt.
Die Nacht kommt schnell. Unter dem Kronendach dauert der übergang von D?mmerung zu Dunkel weniger als zwanzig Minuten, der See verschwindet in seiner eigenen Schw?rze, bis nichts mehr übrig ist als der Widerschein ihres Feuers am n?chsten Ufer.
Die bernsteinglühenden Pilze schalten sich ein.
Schwaches bernsteingrünes Licht am Waldrand, auf den liegenden St?mmen, auf dem Boden selbst. Der Wald leuchtet.
Nicht hell. Gerade genug, damit das Dunkel bewohnt wirkt.
Derek dokumentiert es. Er sitzt am Feuer mit Nolans Feldtagebuch (Nolan hat es ihm geliehen, weil Derek das Ritual der Dokumentation braucht, so wie Mason das Ritual der Wut braucht) und schreibt in kleiner, pr?ziser Handschrift, die im Lauf der Nacht kleiner und weniger pr?zise wird.
Patientenkohorte (N=5), Symptomatik: anhaltender Priapismus (>14 Std.
, intermittierend), taktile Hyper?sthesie, Thermoregulationsst?rung, r?umliche Desorientierung, lebhafte geteilte Trauminhalte.
M?gliche ?tiologie: aerosolisiertes Mykotoxin oder neuartige Pheromonverbindung.
Kein bekanntes Behandlungsprotokoll. Prognose: unklar.
Pers?nliche Anmerkung. Ich verliere die Objektivit?t.
Meine Gedanken an T. V. werden aufdringlich und konkret und ich kann nicht
Er h?rt auf zu schreiben. Er klappt das Feldtagebuch zu. Starrt ins Feuer.
Nolan liegt schon im Zelt, als Derek durch die Plane duckt. Sie sehen sich an. Zwei M?nner, deren wichtigste Verteidigung der Verstand ist, und sie sehen ihrem Verstand beim Versagen zu.
?Es wird schlimmer“, sagt Derek.
?Ja.“
?Und wir kommen hier nicht weg.“
?Ich glaube nicht.“
Derek nickt. Sein Kiefer arbeitet. ?Dann brauchen wir ein Protokoll. Wir müssen –“
Aus dem anderen Zelt Masons Stimme: ?Haltet ihr beide mal die Klappe?“
Sie halten die Klappe. Nolan liegt im Dunkeln neben Jonah, der schl?ft oder Schlaf so überzeugend aufführt, dass es keinen Unterschied macht.
Das Summen in seiner Haut ist zu einem Dauerzustand geworden.
Vorbei an Schmerz, vorbei an Unbehagen, hinein in ein Gebiet, das gerade die Definition von Empfindung neu verdrahtet.
Er legt die Hand flach durch den Zeltboden auf die Erde und spürt, wie die F?den zurücksummen.
* * *
Was als N?chstes geschieht, h?rt Nolan durchs Nylon.
Zwischen den Zelten liegen drei Meter. Nah genug, dass Ger?usche tragen. Erst keine Worte. Tonfall. Textur. Die Beschaffenheit von Luft, die von K?rpern verdr?ngt wird, die aufgeh?rt haben, Schlaf vorzut?uschen.
Dereks Stimme: ?–kannst nicht einfach machen, was du willst, Theo. Du benimmst dich wie –“
?Wie was?“ Theos Stimme. Wach. Nicht verschlafen. Er hat darauf gewartet. ?Wie jemand, der ehrlich ist über das, was gerade passiert?“
?Wie jemand, dem die Folgen egal sind. Du hast vor uns allen masturbiert. Im See. W?hrend wir im See waren.“
?Und du hast zugesehen.“
Stille. Nolan spürt, wie Jonah sich neben ihm bewegt. Also wach. Beide h?ren zu.
?Das ist nicht.“ Dereks Stimme bricht an den R?ndern. ?Das hei?t nicht –“
?Du hast zugesehen, Derek. Du hast nicht weggeschaut. Du bist nicht ans Ufer geschwommen. Du bist da getrieben und hast mir zugesehen und deine Hand war unter Wasser und ich hab es gesehen.“
?Ich habe nicht –“
?Doch. Fünf Zentimeter von deinem eigenen Schwanz entfernt, und der einzige Grund, warum du dich nicht angefasst hast, ist, dass du zu feige bist, dir einzugestehen, dass du es wolltest.“
?Das ist die Substanz. Das ist neurologisch. Du erlebst eine Enthemmung durch –“
?Durch was? Durch die Luft? Durch die Pilze? Gut. Sagen wir, es sind die Pilze. ?ndert das, was du gefühlt hast? ?ndert das, dass du mich seit gestern nicht ansehen kannst, ohne dass –“
?H?r auf.“
?–deine Pupillen aufgehen? Ich bin Medizin-Abbrecher, Derek, ich bin nicht dumm. Ich wei?, was geweitete Pupillen bedeuten.“
?Du warst Medizin-Abbrecher. Du schenkst Getr?nke aus. Beruflich.“
?Und du bist ein Arzt, der sich selbst nicht diagnostizieren kann. Wenigstens wei? ich, was ich will.“
?Du willst nicht mich. Du willst Erleichterung. Ich bin der N?chstverfügbare –“
?Lass das.“
Theos Stimme ver?ndert sich. Die Kante f?llt weg. Was darunter liegt, ist roh, ungeschützt. Nicht die vorgeführte Sicherheit vom See, sondern eine Bl??e. Ein Register, das etwas kostet.
?Reduzier das nicht auf N?he“, sagt Theo. ?So einfach bin ich nicht. Und du auch nicht.“
Nolan liegt im Dunkeln und h?rt Derek atmen. Lange Sekunden. Der Wald summt unter ihnen. Das Bernsteinlicht sickert schwach und grün um die Kante des Nachbarzelts.
Derek sagt: ?Ich kann nicht aufh?ren, an dich zu denken.“
Es kommt zerst?rt heraus. Kein Gest?ndnis. Die Diagnose des eigenen unheilbaren Zustands.
?Ich wei?“, sagt Theo.
?Seit den Tr?umen. Seit, vor den Tr?umen. Seit du im Bus von Freiburg an meiner Schulter eingeschlafen bist und ich dein Haar gerochen habe und dachte.“ Er h?lt an. ?Das bin nicht ich. Ich mache das nicht. Ich habe nie –“
?Vergiss nie. Nie ist nur eine Geschichte, die du dir erz?hlt hast. Echt ist das Jetzt. Was willst du jetzt?“
Stille. Stoff, der sich verschiebt. Ein Atemzug, eingezogen und gehalten.
Dann sagt Derek: ?Dich. Herrgott. Dich“, und was folgt, ist keine Stille.
* * *
Nolan h?rt den Aufprall, bevor er ihn versteht: das Ger?usch zweier K?rper, die mit der Wucht eines brechenden Damms zusammenkommen.
Das Klatschen von Haut auf Haut. Ein Grunzen, Dereks, tief und überrascht, als würde ihm die Luft aus den Lungen geschlagen.
Ein St?hnen, Theos, hungrig und sofort und vollkommen ohne Scham.
Sie sind laut. Nicht aufführungslaut. Wirklich laut, so wie Menschen laut sind, die tagelang gegen sich selbst gek?mpft haben und bei denen der Kampf auf einen Schlag endet und nichts mehr da ist, was den Ton d?mpft.
Durch die Zeltwand h?rt Nolan ihren Atem: Dereks zerfetzt, in Schüben kontrolliert, der Arzt, der seine eigenen vegetativen Reaktionen regulieren will und scheitert, Theos offen und rhythmisch und tierisch.
Die nassen Ger?usche von Mündern. Das Rascheln von Schlafs?cken, die zur Seite getreten werden.
Ein Keuchen, das Theo ist, scharf, abgebissen, und dann Dereks Stimme: ?Ist das. Darf ich –“
?Ja. Fuck. Ja.“
Nolan liegt starr neben Jonah. Seine Augen sind weit offen im Dunkeln.
Sein K?rper ist eine Katastrophe aus Reaktionen: Sein Schwanz so hart, dass er gegen den Hosenbund drückt, seine Haut brennt, als w?re jeder Nerv ein eigenes Instrument und alle spielten denselben unm?glichen Akkord.
Er spürt Jonah neben sich, die Hitze von ihm, die Anspannung von ihm, der dasselbe h?rt und reagiert und sich nicht bewegt.
Aus dem anderen Zelt: die rhythmische Verlagerung von Gewicht. Eine Hand auf nackter Haut. Nolan h?rt die Reibung, das Gleiten einer Handfl?che über schwei?nassen Muskel. Theos Stimme, zersplittert: ?H?rter. Derek. Komm schon.“
Derek macht einen Laut, den Nolan noch nie von ihm geh?rt hat: tief, resonant, nichts Klinisches daran. Der Laut eines Mannes, der ein Register seiner eigenen Stimme entdeckt, von dem er nicht wusste, dass es existiert.
Der Rhythmus baut sich auf. Stoff rei?t. Ein Schlafsack vielleicht, oder ein Shirt, das an einer Naht aufgeht. Theos Atem zerf?llt in stakkatoartige St??e. Derek sagt Theos Namen, einmal, zweimal, dreimal, jede Wiederholung tiefer und zerst?rter als die davor.