KAPITEL 15
KERN
Mason Vogt hat seit einundvierzig Stunden nicht geschlafen.
Er wei? es, weil er mitz?hlt. Z?hlen ist das Letzte, was sein Gehirn tun kann und was sich noch nach ihm selbst anfühlt, das Tick-Tick-Tick der Minuten, die sich zu Stunden stapeln, ein Metronom gegen das Chaos, das ihn bei lebendigem Leib auffrisst. Einundvierzig Stunden, seit er zuletzt die Augen geschlossen hat, ohne hinter den Lidern Dinge zu sehen, die ihn dazu bringen wollen, die Faust in einen Baum zu schlagen.
Er sitzt auf einer geworfenen Fichte am Rand des Lagers, die Ellbogen auf den Knien, den Kiefer so fest geklemmt, dass die Backenz?hne schmerzen. Die anderen schlafen. Oder sind fort. Schwer zu sagen inzwischen, schwer, sich darum zu scheren.
Theo ist in der D?mmerung im Waldrand verschwunden, mit diesem Blick, den er jetzt hat, vertr?umt, halb geschlossene Lider, schon woanders, bevor sein K?rper folgt.
Derek ist zwanzig Minuten sp?ter hinterher und hat so getan, als w?re er es nicht.
Nolan und Jonah liegen ineinander verschlungen in einem Schlafsack neben dem toten Feuer, Nolans Stirn an Jonahs Schlüsselbein, Jonahs Arm über ihm wie über etwas Wiedergefundenem. Wie über etwas endlich Beanspruchtem.
Mason sieht ihnen zu, und was ihm in der Brust hochsteigt, ist so kompliziert, dass er es nicht benennen kann. Neid, vielleicht. Nicht auf einen von beiden im Besonderen. Auf die Kapitulation. Auf den chemischen Erlaubnisschein, den der Wald ihnen ausgestellt hat und ihm nicht.
Bl?dsinn. Er hat es versucht. Er versucht es die ganze Zeit.
Mason presst sich die Handballen in die Augenh?hlen, bis er Rauschen sieht.
Sein Schwanz ist hart. Er ist hart seit, bei dem hat er den überblick verloren.
Stunden. Schmerzhaft hart, die Sorte anhaltender Erektion, die ihn in die Notaufnahme bringen würde, w?re er irgendwo in der N?he von Zivilisation.
Heute Nachmittag hat er es im Wald versucht, die Hand gegen eine Fichte gestemmt, sich schnell und ohne Anmut heruntergeholt.
Er kam in unter einer Minute, und es hat nichts gebracht.
Weniger als nichts. Die Erleichterung hielt vielleicht drei?ig Sekunden, bevor das Bedürfnis sich neu aufbaute, schlimmer, als h?tte der Orgasmus es gefüttert.
Die Luft ist warm. Falsch warm. Der sü?e Geruch, der seit drei Tagen dichter wird, ist jetzt so dick, dass er ihn schmeckt: Honig und zerriebene Nadeln, und darunter ein Ton, tierisch und moschusdunkel, der an seinem denkenden Hirn vorbei direkt in sein Fleisch geht.
Die Haut summt ihm. Er spürt den eigenen Herzschlag in den Fingerkuppen, den Brustwarzen, den Fu?sohlen.
Und unter allem, unter der Hitze, unter dem Summen, eine Vibration.
Tief. Subsonisch. Er h?rt sie weniger, als dass er sie im Brustbein spürt, ein Dr?hnen wie zu nah an einem Transformator.
Sie hat heute Nachmittag angefangen und nicht aufgeh?rt.
Wenn er nach Norden geht, verklingt sie.
Wenn er nach Süden geht, tiefer in den tiefen Wald, verst?rkt sie sich, bis ihm die Z?hne klappern.
Er wei?, was da unten ist. Er hat gesehen, was aus diesen B?umen zurückkam mit Theos Gesicht, aber ver?ndert, glühend mit Spuren bernsteingrünen Lichts, als h?tte jemand ihn in leuchtende Farbe getaucht.
Er hat gesehen, wie Nolan zurückkam, die Pupillen so weit, dass seine graugrünen Augen schwarz wirkten, die H?nde zitternd, der Mund offen um Worte, die er zehn Minuten lang nicht formen konnte.
In diesem Wald sind Wesen. Drei. Und zwei davon haben ihre Beute schon geholt.
Das dritte wartet auf ihn.
?Schei? drauf“, flüstert Mason. Seine Stimme klingt falsch im Dunkeln, zu laut, zu menschlich, zu klein gegen die atmende Ungeheuerlichkeit des Waldes.
Er steht auf. Seine Beine sind unsicher.
Er hat seit heute Morgen nichts gegessen, weil ihm von Essen übel wird, weil sein K?rper alles zurückweist, was nicht das ist, was er eigentlich will.
Wasser geht. Er trinkt das letzte Drittel seiner Nalgene in drei langen Schlucken, und die K?lte hilft für genau eine Sekunde, bevor die W?rme sie auffrisst.
Er wird nach Norden gehen. Er wird den Weg finden. Er wird zum Teufel noch mal aus dem Schwarzwald hinauswandern und eine Stra?e finden und ein Auto anhalten und nach Freiburg fahren und in ein Flugzeug steigen und nach Hause fliegen und nie wieder einen Wald betreten, solange er lebt.
Mason geht nach Norden.
Der Wald l?sst ihn vielleicht zweihundert Meter weit kommen, dann hakt der Zug in seiner Brust nach links, und seine Fü?e folgen, ohne sein Gehirn zu fragen.
Er flucht, bleibt stehen, orientiert sich neu.
Norden. Er wei?, wo Norden ist, das Moos an den St?mmen, die Neigung des Gel?ndes, die Sterne in den seltenen Lücken des Kronendachs.
Er geht wieder nach Norden.
Drei Minuten sp?ter l?uft er nach Süden.
?Verdammtes Miststück.“ Er greift nach einem tief h?ngenden Ast und bricht ihn ab. Der Knall ist ungeheuer in der Stille. Nichts antwortet. Der Wald schluckt den Laut, wie er alles schluckt: Schritte, Stimmen, Verstand.
Er versucht es noch mal. Und noch mal. Jedes Mal lenkt der Zug in seiner Brust ihn um wie eine Kompassnadel, die nach magnetisch Süd ausschl?gt.
Nicht desorientierend. Das ist das Schlimmste daran.
Er wei? genau, was passiert. Er spürt den Moment, in dem sein Wille wegknickt, spürt, wie seine Beine eine Richtung w?hlen, die sein Gehirn nicht genehmigt hat.
Die Sporen sind jetzt in seinem Blut. In seinem Nervensystem. Sein K?rper geh?rt ihm nicht.
Mason bleibt in einer Lücke zwischen zwei m?chtigen Fichten stehen und stützt sich auf die Knie und atmet.
Die Luft ist dick wie Badewasser. Jeder Zug überzieht ihm die Lunge mit Sü?e, und die Sü?e übersetzt sich unmittelbar in Erregung, ein geschlossener Kreis, atmen und wollen und atmen und wollen.
?Ich mach das nicht“, sagt er ins Dunkle. ?Ich mach das nicht, ich will nicht –“
Er beendet den Satz nicht. Er wei? nicht, was nach dem nicht kommt.
Das nicht wollen? Sein Schwanz drückt so hart gegen den Rei?verschluss, dass es schmerzt.
Das nicht brauchen? Seine Haut steht in Flammen, und das Einzige in seiner Vorstellung, das sie kühlen k?nnte, ist Rinde.
Raue Rinde. Die Textur von Holz an seiner Brust, seinem Bauch, seinen Schenkeln.
Er schl?gt gegen den n?chsten Baum. Der Aufprall rei?t ihm die Kn?chel auf, und der Schmerz ist hell und sauber und wirklich, und für eine herrliche Sekunde schneidet er durch den Nebel. Er schl?gt noch mal zu. Und noch mal. Sein Blut steht dunkel auf dem hellen Holz.
Der Wald antwortet.
Nicht mit Klang. Mit Geruch. Der moschusdunkle Tiergeruch schwillt so gewaltig an, dass Mason taumelt. Er rollt aus dem Süden durch die B?ume, konzentriert, gesetzt, und sein Schwanz zuckt in der Hose, als h?tte eine unsichtbare Hand zugegriffen. Die Knie geben ihm fast nach.
Das ist kein zuf?lliges Sporentreiben. Das ist gezielt. Das ist ein Signal, direkt auf ihn gerichtet.
?Fick dich!“, schreit Mason in den tiefen Wald.
Die Frequenz in seiner Brust f?llt um eine Oktave. Tiefer. Schwerer. Er spürt sie im Kiefer, in den Rippen, im Becken. Sie pulsiert einmal, langsam, und der Puls wandert durch den Boden unter seinen Stiefeln und sein Skelett hinauf und detoniert in seinem Schritt wie eine Wasserbombe.
Mason knickt ein. Stemmt sich gegen den Baum, den er eben blutig geschlagen hat.
Keuchend. Sein Sehen verschiebt sich. Das Dunkel ist nicht so dunkel, wie es sein müsste.
Die B?ume haben Kanten, ges?umt von schwachem Bernstein, als h?tten seine Pupillen sich über menschliche Grenzen hinaus geweitet und begonnen, Licht auf einem neuen Spektrum aufzunehmen.
Er zittert. Nicht vor K?lte.
?Okay“, keucht er. ?Okay. Okay okay okay.“
Er geht nach Süden.
Nicht, weil er sich dafür entschieden h?tte.
Weil die Alternative ist, hier stehen zu bleiben, bis sein Herz explodiert oder sein Verstand aufrei?t oder beides.
Weil der Zug jetzt Z?hne hat und sie in der Mitte seiner Brust stecken und dagegen ank?mpfen schlimmer wehtut als nachgeben.
Weil, und das ist der Teil, bei dem er schreien m?chte, irgendein tiefer, stimmloser Teil von ihm seit der ersten Nacht nach Süden geht.
Der tiefe Wald bei Nacht ist ein Dom aus falschen Winkeln.
B?ume quer über B?umen, Wurzelteller drei Meter hoch aus der Erde gerissen wie eingefrorene Wellen.
Konsolenpilze so gro? wie Esstische glimmen grünwei? auf faulenden St?mmen.
Der Boden ist weich, zu weich, wie Gehen auf einem lebenden K?rper.
Moos und Wurzelfaden und darunter eine schwammige Schicht, die schwach pocht.
Er spürt es durch die Stiefel. Einen Herzschlag. Nicht seinen.
Mason stolpert über eine Wurzel und geht auf ein Knie.
Der Kontakt, seine blo?e Hand auf dem Waldboden, jagt einen Sto? durch ihn, so heftig, dass sein Sehen verwei?t.
Information str?mt durch die Handfl?che in ihn hinein.
Keine Worte. Keine Bilder. Ein Wissen. Er wird beobachtet.
Er wird gewollt. Auf ihn wird gewartet, mit einer Geduld, die in Jahrhunderten gemessen wird.
Er rei?t die Hand hoch und taumelt weiter. Die Haut der Handfl?che kribbelt. Glüht. Schwacher Bernstein zeichnet seine Lebenslinie nach wie eine T?towierung, die in Echtzeit geschrieben wird.
?Herrgott. Herrgott noch mal.“
Die B?ume lichten sich. Er merkt es zuerst nicht, weil das Kronendach immer noch undurchdringlich ist, aber die St?mme rücken auseinander, das Totholz verschwindet, der Boden gl?ttet sich zu einem Moosteppich, so gleichm??ig, dass er gepflegt aussieht.
Bestellt. Die Lufttemperatur steigt um weitere drei Grad.
Der Geruch ist hier so dicht, dass er fast flüssig ist. Er atmet Sirup, atmet Sex, jeder Zug streichelt ihn von innen.
Er tritt auf eine Lichtung und bleibt stehen.