KAPITEL 15 #2
Die Lichtung ist vielleicht zehn Meter breit.
Ein vollkommener Kreis, umringt von uralten Fichten, deren ?ste sich über ihm ineinanderschieben wie verschr?nkte Finger.
Der Boden ist Moos, tiefgrün, durchzogen von leuchtenden Wurzelf?den in Mustern, die aussehen wie Kreisl?ufe, wie Karten, wie die neuronalen Diagramme, die Nolan früher in sein Feldtagebuch gezeichnet hat, bevor er keinen Stift mehr halten konnte.
Und in der Mitte, so still wie Geologie, steht Kern.
Masons Gehirn setzt aus. Irgendeine kognitive Sicherung brennt durch.
Denn der rationale Teil von ihm, der Teil, der die Feuerwehrprüfung bestanden hat, der in brennenden Geb?uden Traglasten berechnet, der von der Annahme ausgeht, dass die Welt aus erkennbaren Dingen besteht, dieser Teil sieht Kern an und teilt durch null.
Zwei Meter siebzig. Vielleicht mehr. Breit wie ein Türrahmen.
Sein K?rper ist aus Holz gebaut, so dunkel, dass es fast schwarz ist, uralte Rinde, aufgesprungen und zerfurcht, und durch jeden Riss glüht Bernsteinlicht, als brenne der Wald in seinem Inneren.
Seine Schultern sind mit Moos gepolstert, so tief, dass es aussieht wie Fell.
Konsolenpilze wachsen an seinen Schl?fen in einer zackigen Krone.
Sein Gesicht ist ein Gesicht. Beinahe. Die Winkel zu scharf, die Fl?chen zu flach, die Züge geschnitzt von etwas, das von menschlichen Gesichtern geh?rt und aus dem Ged?chtnis gearbeitet hat.
Seine Augen brennen bernsteingolden, und sie sind auf Mason gerichtet, mit einer Eindringlichkeit, die ihm die Blase zusammenzieht.
Er ist ungeheuer. In jeder Dimension. Die H?nde, die an seinen Seiten h?ngen, haben Finger, so lang wie Masons Unterarme. Die Brust ist eine Wand aus aufgerissenem schwarzem Holz. Und unterhalb der Taille.
Masons Blick f?llt und zuckt zurück und f?llt wieder, weil er nicht nicht hinsehen kann.
Proportional. Das ist das klinische Wort.
Proportional zu zwei Meter siebzig uraltem Waldgott.
Dick. Strukturiert, gerippt in Mustern, die Masons Stammhirn als funktional liest, bevor sein Vorderhirn Einspruch erheben kann.
Schon glitschig von einer Flüssigkeit, die das Bernsteinlicht f?ngt.
Saft. Warm. Der Geruch davon trifft Mason auf drei Meter Entfernung, und sein Schwanz pocht so heftig, dass ihm die Sicht dunkelt.
?Fick dich“, sagt Mason.
Seine Stimme bricht auf dem zweiten Wort.
Kern bewegt sich nicht. Blinzelt nicht. Mason ist nicht sicher, dass er blinzeln kann, diese brennenden goldenen Augen haben vielleicht keine Lider.
Aber die Frequenz ?ndert sich. Sie steigt aus dem Boden durch Masons Stiefel, klettert seine Beine hinauf, staut sich in den Hüften und trifft seinen Schwanz und seine Backenz?hne im selben Augenblick.
Diesmal kein Puls. Ein gehaltener Akkord.
Er schwingt auf einer Frequenz, die ihm gleichzeitig die Prostata schmerzen und den Kiefer erschlaffen l?sst.
Mason ?chzt. Er kann nicht anders. Der Laut kommt von irgendwo unterhalb des Zwerchfells, tierisch, formlos. Seine Knie geben nach. Er sperrt sie durch. Starrt zu dem Ding hinauf, das ihn die ganze Nacht durch die B?ume gerufen hat.
?Ich bin nicht –“ Seine Stimme ist Schotter. ?Ich mach das nicht. Ich hab noch nie –“
Kern bewegt sich.
Ein Schritt. Der Boden schaudert. Nicht theatralisch, einfach ein K?rper, so alt, so dicht, der sich auf lebendiger Erde neu verteilt.
Er verkürzt den Abstand um ein Drittel. Sechs Meter werden vier.
Der Geruch verst?rkt sich exponentiell: Petrichor, dunkler Honig, zerdrückte Nadeln, und der tierische Moschus, gegen den Mason seit drei Tagen ank?mpft, der, der jede Abwehr umgeht und direkt zu dem Teil von ihm spricht, der vor der Sprache da war.
Aus der N?he ist das Bernsteinlicht in Kerns Spalten nicht gleichm??ig. Es pocht. Langsam. Im Takt mit, begreift Mason mit einem übelkeiterregenden Ruck, im Takt mit seinem eigenen Herzschlag.
Kern streckt eine Hand aus. Handfl?che nach oben.
Die Finger sind dunkel wie Holzkohle, die N?gel dick und schwarz wie Horn.
Die Fl?che ist glatter als der Rest von ihm, immer noch rindenstrukturiert, aber feiner, warm und überzogen von diesem bernsteinfarbenen Saft, der in einem Atemzug nach dem Besten riecht, was Mason je begegnet ist, und nach der schlechtesten Idee, die er je hatte.
Ein Angebot. Oder eine Herausforderung.
Mason starrt auf die Hand. Seine eigenen zittern. Auf den aufgeplatzten Kn?cheln trocknet noch Blut. Er ist hart genug, um Glas zu schneiden, und ver?ngstigt genug, um zu kotzen, und irgendein drittes Gefühl, das er noch nie gefühlt hat, tost durch ihn wie ein Fluss durch einen gebrochenen Damm.
?Ich hasse dich“, flüstert er.
Er nimmt die Hand.
Der Kontakt ist eine Detonation. Kerns Haut ist warm, nicht menschenwarm, ofenwarm, wie ein Stein, der im Feuer gelegen hat. Die raue Textur ist hart gegen Masons aufgerissene Kn?chel, und die H?rte kommt als Lust an, so heftig, dass ihm die Knie endgültig wegsacken und er f?llt.
Er schl?gt nicht auf. Kern f?ngt ihn. Eine Hand, eine gewaltige, dunkle, glitschige Hand, legt sich um Masons Oberarm und h?lt ihn aufrecht, als w?ge er nichts. Mason sind hundert Kilo kompakter Muskel, und Kern hebt dieses Gewicht mit weniger Aufwand als beim Atmen.
Der bernsteinfarbene Saft aus Kerns Handfl?che sickert in Masons aufgeplatzte Kn?chel, und die Wirkung ist sofort da.
W?rme. Sie breitet sich das Handgelenk hinauf aus, den Unterarm, flutet Schulter und Brust. Nicht Taubheit.
Das Gegenteil von Taubheit. Jede Nervenendigung in seinem K?rper verst?rkt.
Sein Shirt fühlt sich an, als w?re es aus Draht.
Seine Hose ist ein Folterinstrument. Seine Haut schreit nach direktem Kontakt mit der Quelle dieser W?rme.
Mason greift mit der freien Hand vorn an sein eigenes Shirt und rei?t es auf. Der Stoff platzt vom Kragen bis zum Saum, und er schüttelt die Fetzen von den Schultern, und die Nachtluft trifft seine nackte Brust, und es ist nicht genug, es ist bei Weitem nicht genug.
Kern gibt einen Laut von sich. Kein Wort. Ein Basston, der ihm aus der Brust f?llt wie ein Felsbrocken in tiefes Wasser. Mason spürt ihn in den Z?hnen, im Brustbein, im Schwanz. Es ist Zustimmung. Es ist Hunger. Es ist das ?lteste, was er je geh?rt hat.
Kern zieht ihn n?her. Masons nackte Brust presst sich gegen die dunkle Fl?che, und das Holz ist hei? und strukturiert und lebendig, und sein K?rper bogt sich hinein wie ein Stromkreis, der sich schlie?t.
Die Rippen schleifen über seine Brustwarzen, und er keucht, ein gebrochener, roher Laut, der nicht zu dem Mann geh?rt, der er vor drei Tagen war.
Er ist gegen zwei Meter siebzig lebendes Holz gedrückt, das Gesicht auf H?he von Kerns Brustmitte, und die Risse malen ihm die Haut bernsteingolden.
?Ich mach das nicht –“, versucht er noch einmal, und Kerns freie Hand kommt hoch und legt sich um seinen Hinterkopf. Behutsam. Die Finger sind lang genug, um seinen ganzen Sch?del zu k?figen. Der Daumen liegt an seinem Hals, dort, wo der Herzschlag h?mmert.
Das Signal ?ndert sich. Jetzt gerichtet.
Es rollt durch Kerns K?rper hinab, durch die Hand auf Masons Kopf, und direkt in seinen Hirnstamm.
Masons Sehen wird bernsteinfarben. Seine Gedanken stieben auseinander wie V?gel bei einem Schuss.
Drei Sekunden lang, er z?hlt, weil Z?hlen das Letzte ist, ist sein Kopf vollst?ndig und vollkommen leer.
Dann füllt er sich wieder. Aber nicht mit seinen Gedanken.
Gib nach.
Kein Wort. Keine Stimme. Ein Begriff, in sein Bewusstsein gedrückt über Kontakt und Resonanz und Spore und eine Kraft, die ?lter ist als all das.
Ein Gefühl von unermesslicher Geduld, die an ihre Grenze kommt.
Von einem Wollen, das in Schach gehalten wurde, seit diese fünf M?nner diesen Boden zum ersten Mal betreten haben. Vom W?hlen. Vom Gew?hltwerden.
Gib nach.
?Zwing mich“, faucht Mason.
Es ist das Falsche, was man sagen kann. Es ist genau das Richtige, was man sagen kann.
Kern bewegt sich mit einer Geschwindigkeit, die für ein Wesen seiner Gr??e unm?glich sein müsste.
Beide H?nde packen Masons Taille, die Finger überlappen sich, die Daumen treffen sich an seinem Nabel, und heben ihn vom Boden.
Nicht sanft. Masons Stiefel verlassen die Erde, und er ist Brust an Gesicht mit Kern, hochgehievt wie Fracht, die raue Oberfl?che schabt ihm über Bauch und Rippen, w?hrend er nach oben gezogen wird.
Er greift nach Kerns Schultern, um Halt zu finden, und das Moos dort ist grob unter seinen Handfl?chen und strahlt Hitze ab.
Kern h?lt ihn auf Augenh?he. So nah sind diese bernsteinfarbenen Augen nicht einheitlich. Sie sind zersprungen, facettiert, wie der Blick in versteinertes Baumharz. Sch?n. Fremd. Absolut gnadenlos.
Mason keucht. Seine Beine baumeln. Die Kraft, die es braucht, um hundert Kilo mit ausgestrecktem Arm zu halten, ohne zu zittern, ist absurd, unm?glich. Kern tut es, wie man eine Tasse h?lt.
Dann l?sst Kern ihn hinunter. Nicht auf den Boden.
An sich. Er gleitet Mason an seiner Vorderseite herab, und das Holz schleift über Masons Brust, seinen Bauch, seine Hüften, jede Rippe f?ngt seine Haut, hinterl?sst Linien aus Hitze.
Masons Gürtel hakt sich irgendwo fest, und Kern greift hinunter, und die Schnalle zerknüllt in seinen Fingern wie Alufolie.
Die Hose folgt. Die Unterhose. Mason hilft nicht und wehrt sich nicht, und in vier Sekunden ist er nackt, an Kerns K?rper gepresst, blo?e Haut auf Holz vom Schlüsselbein bis zu den Schenkeln.