KAPITEL 18

DIE BINDUNG

Moder legt Nolan beide H?nde auf die Brust und drückt ihn auf den Rücken.

Das Moos nimmt ihn auf. Es d?mpft nicht nur den Fall.

Es formt sich um seine Wirbels?ule, seine Schultern, seinen Hinterkopf.

Bettet ihn. Das Wurzelnetz darunter flammt bei der Berührung wei? auf und zeichnet den Umriss seines K?rpers in leuchtende F?den, und die Empfindung, die durch sein Hemd und in seine Haut heraufflutet, ist so vollst?ndig, so umfassend, dass Nolan keucht und F?uste voll lebendem Boden greift.

Das sind nicht die Sporen.

Das ist der Wald, der spricht.

Information str?mt durch jeden Punkt, an dem sein K?rper den Boden der Kammer berührt.

Keine Sprache. Keine Bilder. Etwas Grundlegenderes.

So, wie eine Wurzel wei?, in welche Richtung sie wachsen muss, wie ein Pilzgeflecht wei?, welcher Baum hungert, wie Wasser wei?, wie es den tiefsten Punkt findet.

Ein Wissen, das dem Denken vorausgeht. Das nie Denken gebraucht hat.

Und was der Wald ihm sagt, ist dies:

Wir sterben.

Nolans wissenschaftliches Gehirn stürzt sich darauf.

Sterben. Das Wort übersetzt nicht genau.

Der Begriff, der durch den Boden kommt, ist feiner, als menschlicher Wortschatz erlaubt.

Nicht sterben, wie ein Tier stirbt. Sterben, wie ein Feuer stirbt, wenn niemand es füttert.

Entropie. Ein langsames Verl?schen. Die Waldschrate, das Wurzelnetz, die Kammer selbst. Ein Organismus, der sich seit Jahrtausenden tr?gt, verliert seinen Zusammenhalt.

Franst an den R?ndern aus. Die ?u?ersten F?den werden dunkel.

Das Kronendach dünnt aus, wo es nicht ausdünnen dürfte.

Warum?

Er fragt es nicht laut. Er fragt es mit dem K?rper, mit dem Sprung im Herzschlag, dem Cortisolschub, dem unwillkürlichen Krallen der H?nde ins Moos. Das Netz liest alles davon.

Die Antwort steigt durch den Boden wie Grundwasser.

Verbindungsverlust.

Und dann, schneller, komplexer, eine Kaskade von Verstehen, die Nolans Bewusstsein nur in Fragmenten empfangen kann, die es zusammensetzt, wie das Gehirn ein zersplittertes Bild zusammensetzt:

Die Waldschrate sind nicht getrennt vom Schwarzwald.

Sie sind der Schwarzwald. Sein Bewusstsein, sein Verlangen, sein Wille, gehf?hig und dicht geworden.

Die Wurzeln sind ihr Nervensystem. Das Pilzgeflecht ist ihr Blut.

Die Sporen sind ihr Atem. Sie brauchen Kontakt zur Welt darüber.

Kein Sonnenlicht. Keinen Regen. Hitze. Menschliche Hitze.

Die bestimmte, eigentümliche, alles übersteigende Hitze, die menschliche K?rper erzeugen, wenn das Verlangen sie bis auf den Draht abzieht.

Sex als Leitung. Erregung, die die Kan?le ?ffnet.

Orgasmus, der den Stromkreis schlie?t, die Schleife zwischen menschlichem K?rper und Waldschrat und Wurzelnetz und lebender Erde, und wenn dieser Stromkreis sich schlie?t, flie?t Energie.

Die Art, die einen uralten Organismus am Leben h?lt.

Die Wurzeln tiefer treibt. Das Kronendach noch einen Zentimeter weiter schiebt.

Die M?nner sind keine Beute. Sie sind kein Futter.

Sie sind Regen.

* * *

Jonah liegt neben Nolan auf dem Rücken, und Nolan kann spüren, wie er dasselbe Verstehen empf?ngt.

Nicht identisch, weil das Netz die übertragung auf jedes Nervensystem zuschneidet, aber parallel.

Jonahs Augen sind offen und nass, und er starrt an das Wurzelgew?lbe hinauf mit einem Ausdruck, den Nolan noch nie in seinem Gesicht gesehen hat. Kein Schock. Keine Angst.

Wiedererkennen.

?Es ist symbiotisch“, h?rt Nolan sich sagen.

Seine Stimme klingt falsch in der Kammer, zu dünn, zu menschlich, eine Frequenz, für die der Raum nicht gebaut ist. Er sagt es trotzdem, weil Benennen die einzige F?higkeit ist, die ihm noch funktioniert.

?Mutualismus. Beide Organismen profitieren. Beide Organismen brauchen –“

Moders Rindenfinger legen sich auf Nolans Lippen. Sanft. Beruhigend. Und durch die Berührung, durch die Ranken, die aus Moders Fingerkuppen wachsen und Nolans Kiefer streifen:

Du verstehst. Jetzt h?r auf zu verstehen. Fühl.

Nolan schlie?t die Augen. ?ffnet den Mund gegen Moders Finger.

Schmeckt Holz und Saft und Spore. Sein Biologenhirn schaltet sich nicht ab.

Das wird es nie, es ist strukturell, er ist katalogisierend zur Welt gekommen.

Aber es tritt zurück. Nimmt den Platz des Beobachters ein. L?sst den Rest von ihm führen.

* * *

Auf der anderen Seite der Kammer ist Theo schon barfu?, schon mit nacktem Oberk?rper, schon halb fort.

Er sitzt in Splints Scho?, oder was als Scho? durchgeht, wenn das Wesen, das dich h?lt, zweieinhalb Meter lebendes Holz und blühende Blüten ist. Splints Rücken liegt an einem Wurzelpfeiler, die langen Beine ausgestreckt, und Theo sitzt rittlings auf ihm mit der Selbstverst?ndlichkeit von jemandem, der seit Tagen aufgeh?rt hat, sich über die eigenen Wünsche zu wundern.

Die Blüten auf Splints Unterarmen sind voll ge?ffnet.

Wei?e Blütenbl?tter mit bernsteinfarbenen Zentren, Dutzende, und ihr Duft schneidet mit einer scharfen, grünen Note durch die dicke Luft der Kammer.

Neuer Trieb. Frühling. Splints H?nde liegen auf Theos Hüften, diese langen, holzstrukturierten Finger umspannen fast die ganze Breite von Theos Taille, und wo seine H?nde nackte Haut berühren, blühen blasse Bernsteinspuren auf Theos K?rper auf wie Farbe unter Schwarzlicht.

Theo hat die Handfl?chen flach auf Splints Brust. Der Kopf ist nach vorn gekippt, die dunklen Locken h?ngen ihm ins Gesicht, und er atmet in bewussten, abgemessenen Zügen.

So atmet er, wenn er Gitarre spielt, ist Nolan aufgefallen, der Rhythmus absichtlich, musikalisch.

Durch das Wurzelnetz kann Nolan spüren, was Theo spürt: die übertragung des Waldes, die durch Splints K?rper hinauf und in Theos H?nde flie?t.

Dasselbe Verstehen. Wir brauchen euch. Nicht um zu verzehren. Um weiterzugehen.

?Ich wei?“, murmelt Theo. Nicht zu jemandem in der Kammer. Zum Boden unter ihm. Zu den Wurzeln. Zu dem uralten, geduldigen Ding, das ihn seit Tag 1 ruft.

* * *

Derek steht am Rand des mittleren Raums, immer noch aufrecht, immer noch widerstehend.

Nicht dem Verlangen, sondern dem Verlust der analytischen Kontrolle.

Die H?nde zittern ihm. Seine nackten Fü?e auf dem Moosboden speisen ihm dasselbe Verstehen ein, das sie alle überflutet, und Nolan kann spüren, wie Dereks Verstand tut, was er immer tut: sezieren, einordnen, nach dem Mechanismus suchen.

Neurochemische Bindung, vermittelt durch exogene Pilzsubstanzen. Die Sporen enthalten Analoga von Oxytocin, Vasopressin, m?glicherweise neuartige Peptide, die –

Splint greift von seinem Platz bei Theo aus hinüber und f?ngt Dereks Handgelenk. Die Berührung ist leicht. Die Blüten auf Splints Hand streifen Dereks Pulspunkt, und Dereks klinischer Kommentar stolpert. H?rt auf.

Durch die Verbindung spürt Nolan den genauen Moment, in dem Dereks Widerstand sich faltet.

Nicht zusammenbricht. Faltet. Sauber. Absichtlich.

So, wie ein Chirurg seine Instrumente ablegt, wenn die Operation vorbei ist. Derek atmet lang und zitternd aus, und die Knie geben ihm nach, und er sinkt neben Splint und Theo ins Moos, und Splints freie Hand legt sich ihm in den Nacken.

Dereks Augen schlie?en sich. Seine Lippen bewegen sich, z?hlen noch immer, messen noch immer, aber die Zahlen sind jetzt ein Mantra geworden, eine Meditation, sein analytischer Verstand umgewidmet zum Anker, w?hrend sein K?rper sich dem Strom ?ffnet, der durch den Boden flie?t.

* * *

Mason.

Nolan spürt ihn durch die Verbindung, bevor er ihn sieht. Ein dichter Knoten von Empfindung auf der anderen Seite der Kammer, hei? und zerrissen und riesig auf die Art, auf die Mason immer riesig war, mehr Raum einnehmend, als sein K?rper technisch besetzt.

Er ist noch an der Wurzels?ule. Sitzt noch.

Ist noch starr. Aber die Stiefel sind aus.

Nolan kann sie einen Meter entfernt im Moos liegen sehen.

Seine nackten Fü?e sind hart in den lebenden Boden gedrückt, und sein Gesicht tut etwas Schreckliches und Sch?nes.

Der Kiefer arbeitet. Die Augen sind zusammengekniffen.

Die H?nde umklammern ihm die eigenen Oberschenkel so fest, dass die Kn?chel wei? werden.

Die F?den sprechen mit Mason, genauso, wie sie mit allen sprechen, aber Masons Empfang ist anders. Lauter. Eindringlicher. Weil Kern der ?lteste ist, der Tiefstverwurzelte, der M?chtigste, und weil Kern Mason gew?hlt hat, und das Wurzelnetz tr?gt Kerns Signal mit der Wucht einer Flussstr?mung.

Nolan kann spüren, was Mason empf?ngt:

Nicht nur wir brauchen dich. Etwas ?lteres.

Etwas, das sich nur ungenau auf menschliche Empfindung abbilden l?sst, sich aber roh und vernichtend übersetzt als: Ich bin so lange allein gewesen.

Verstehst du allein? Nicht Einsamkeit. Nicht Stille.

Allein, wie ein Berg allein ist. Jahrhunderte von allein.

Und dann bist du in meinen Wald gelaufen, mit geballten F?usten und festem Kiefer und deiner Angst, die sich als Wut verkleidet hat, und ich habe dich durch die Wurzeln gespürt, und ich wusste es.

Ich wusste, dass du k?mpfen würdest. Ich wusste, dass du brechen würdest. Ich wusste, dass das Brechen das Sch?nste sein würde, was dieser Wald seit hundert Jahren gesehen hat.

Mason gibt einen Laut von sich. Tief. Kehlig. Seine H?nde lassen die Oberschenkel los und pressen sich flach ins Moos, und das Licht flammt so hell um ihn auf, dass Nolan wegsehen muss.

Kern bewegt sich.

Zwei Meter siebzig uralter schwarzer Rinde erheben sich aus der Mitte der Kammer, das Bernsteinlicht in seinen Spalten pulsiert im Takt von Masons sto?weisem Atem.

Er durchquert den Raum in drei Schritten, jeder Auftritt schickt ein Beben durch den Moosboden, jedes Beben tr?gt seine Absicht in jeden K?rper, der damit verbunden ist, und dann steht er über Mason.

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