KAPITEL 18 #3
Jonah rollt sich zu Nolan. Das Moos formt sich unter ihnen um. Ihre K?rper pressen sich aneinander, Brust an Brust, Jonahs Stirn an Nolans, die nackten Fü?e im lebenden Boden verhakt, und die F?den darunter lodern an jedem Berührungspunkt auf und speisen ihre Verbindung in den Rhythmus der Kammer.
?Ich kann es sehen“, flüstert Jonah. Seine Stimme ist belegt. Seine H?nde greifen Nolans Arme. ?Ich kann uns sehen. Hier. Wie wir zurückkommen. Ich kann –“ Seine Stimme bricht. ?Warum habe ich es nicht gewusst? Zehn Jahre, Nolan. Warum habe ich es nicht gewusst?“
?Hast du doch.“ Nolans Stimme ist ruhig. Sicher. Die F?den machen Lügner unm?glich und die Wahrheit leuchtend. ?Du hast es immer gewusst.“
Jonahs Mund findet seinen. Ohne Eile. Bewusst. Der Kuss ist langsam und tief und schmeckt nach Moos und Bernstein und dem Inneren der Erde, und durch den Boden spürt die ganze Kammer ihn, registriert ihn, nutzt ihn. Die Hitze zwischen ihnen füttert das Netz so, wie Sonnenlicht Chlorophyll füttert.
Moders Hand liegt auf Nolans Schulter. Die Rindenfinger warm auf seiner Haut, Ranken überbrücken den Abstand zwischen Mensch und Waldschrat, und Nolan versteht, dass Moder ihn nicht von Jonah trennen will.
Nicht in Begriffen von Besitz oder Eifersucht denkt.
Die Waldschrate wollen die M?nner aneinander und an den Wald gebunden.
Ihre Liebe zueinander ist ihre Liebe zum Wald. Die F?den machen da keinen Unterschied.
Auf der anderen Seite der Kammer spürt Nolan durch die Verbindung, wie Theo Derek neben Splint ins Moos zieht.
Spürt den Moment, in dem Derek aufh?rt zu z?hlen und anf?ngt zu berühren.
Spürt, wie Splints Blüten sich weiter ?ffnen und eine neue Welle dieses grünscharfen Dufts abgeben, und spürt Dereks Antwort.
Wie sein Puls springt, seine Haut err?tet, seine Chirurgenh?nde die Stelle finden, an der Splints Holzhaut der weicheren, w?rmeren Oberfl?che darunter weicht.
Er spürt, wie Mason sich in Kern lehnt. Freiwillig. Lehnen, wie ein müder Mann sich an eine Wand lehnt, nur dass die Wand lebt und seit Jahrhunderten auf genau dieses Gewicht wartet.
Die Kammer pulsiert. Das Licht an der Wurzeldecke rollt in langen, gleichm??igen Wellen, jetzt vereinheitlicht, alle verstreuten Muster aufgel?st in einen einzigen, langsamen Rhythmus, der dem gemeinsamen Herzschlag jedes Wesens auf dem Moosboden entspricht.
Die Luft ist dicht von Sporen und Duft und Hitze, und das subsonische Summen ist tiefer gesunken, jetzt nicht nur in der Brust zu spüren, sondern im Mark, in der Flüssigkeit zwischen den Gelenken, in der Zungenwurzel.
Nolan presst das Gesicht in Jonahs Hals und atmet. Jonahs Haut schmeckt nach Salz und Wald. Moders Hand auf seiner Schulter schickt einen Strom durch ihn, der mit Jonahs Herzschlag harmoniert, und der Boden unter allen dreien leuchtet so hell, dass er Schatten an die Wurzeldecke wirft.
Sein Biologenhirn macht eine letzte Notiz. Distanziert. Fast belustigt. Eine Beobachtung aus der hintersten Reihe seines Bewusstseins:
Das ist ?kologie. Die ?lteste Beziehung der Welt. Organismus A braucht Organismus B braucht Organismus A.
Der klinische Rahmen l?st sich auf. Er kann nicht fassen, was jetzt kommt.
Nolan spürt, wie es sich im Boden unter ihnen aufbaut, eine steigende Ladung, wie Statik vor einem Gewitter, jeder Nerv im Geflecht leuchtet der Reihe nach auf.
Die Waldschrate spüren es auch. Kerns bernsteinfarbene Spalten lodern.
Moders Augen laufen durch ihr Spektrum, Bernstein, Grün, Violett, Bernstein, schneller und schneller.
Splints Blüten ?ffnen sich die Arme hinauf, über die Schultern, an den Schl?fen entlang, wei?e Blütenbl?tter entfalten sich wie im Zeitraffer.
Die Kammer wird heller. Das Moos wird weicher. Die Luft wird dichter als alles, was Nolans Lungen je verarbeitet haben, und jeder Atemzug ist so ges?ttigt mit Spore und Pheromon und Absicht, dass Atmen und Berührtwerden dieselbe Handlung geworden sind.
Jonahs Arme ziehen sich fester um ihn. Mason st?hnt tief an Kerns Brust. Theo lacht, dieses helle, irre, entzückte Ger?usch, und Derek flüstert ein Wort, zu leise, um es zu h?ren, aber die Luft tr?gt es trotzdem zu allen, ein einziges Wort, wiederholt wie ein Herzschlag:
Ja. Ja. Ja.
Die Kammer h?lt den Atem an.
Acht K?rper auf dem lebenden Boden. Drei aus Holz und Moos und Pilz und Jahrhunderten. Fünf aus Muskel und Knochen und Blut und knapp drei?ig Jahren. Alle verbunden. Alle offen. Alle bereit.
Nolans letzter zusammenh?ngender Gedanke, bevor die Welle bricht:
Ich bin hergekommen, um den Wald zu untersuchen.
Der Wald hat mich zuerst untersucht.
Und dann h?rt das Verstehen auf, ein Signal zu sein, das er empf?ngt, und wird zu der Substanz, die er ist, und die Wurzelkammer flammt um sie herum auf, und die Grenze zwischen Nolan Hale und dem Schwarzwald dünnt zu nichts aus, und was bleibt, ist Hitze und Licht und der tiefe, langsame, uralte Puls von etwas, das auf sie gewartet hat, seit vor ihrer Geburt.
Die Bindung beginnt.