KAPITEL 19
ERSTE KONVERGENZ
Es f?ngt an, wie Atmen anf?ngt. Unwillkürlich, uralt, unterhalb der Reichweite des Denkens.
Nolan steht barfu? auf dem Boden der Kammer, und die F?den pochen unter seinen Sohlen wie ein zweiter Herzschlag, warm und feucht und gegen seinen eigenen versetzt.
Das bernsteingrüne Glühen überzieht jede Fl?che: die Wurzelw?nde, die Pilzkonsolen, die aus lebendem Holz ragen, die moosige Decke zehn Meter über ihm, wo Wurzelwerk sich verflicht wie die Finger von etwas Betendem.
Das Licht ist nicht statisch. Es atmet. Wird heller und dunkler in einem Rhythmus, auf den sich Nolans K?rper l?ngst eingerastet hat, sein Herzschlag folgt dem Glühen ohne seine Erlaubnis.
Drei Waldschrate. Fünf M?nner. Die Luft so dicht von Sporen, dass sie fast flüssig ist.
Moder kommt als Erster auf ihn zu.
Natürlich Moder. Nolans K?rper kennt Moders Frequenz inzwischen, dieses bestimmte subsonische Summen, das an seinen Ohren vorbeigeht und irgendwo zwischen Brustbein und Schwanz ankommt.
Der Waldschrat n?hert sich mit der bedachten Neugier, die Nolan von ihrer ersten Begegnung kennt, als Moder ihn wie eine neue Art studierte und seine Nervenenden mit der Geduld eines Wesens katalogisierte, das seit Jahrhunderten existiert und es kein einziges Mal eilig hatte.
Moders Rindenhand, warm, unm?glich warm, umfasst Nolans Hinterkopf. Fingerkuppen fahren das Hinterhauptbein nach. Die Ranken, die durch Moders Unterarm laufen, strecken sich, streichen über Nolans Kiefer, seinen Hals, finden seinen Pulspunkt und drücken dagegen wie eine Frage.
Nolan atmet aus. Lehnt sich hinein.
Auf der anderen Seite der Kammer ist Theo schon weg.
Splint hat ihn an die Wurzelwand gedr?ngt, Theos beide Handgelenke über dem Kopf in einer gewaltigen Hand fixiert, und Theo b?umt sich in den Druck dieses zweieinhalb Meter gro?en K?rpers mit einem Laut, den Nolan in den Z?hnen spürt.
Nicht geh?rt, sondern empfangen, so, wie der Boden alles übertr?gt.
Theos Augen sind geschlossen. Sein Mund steht offen.
Die wei?en Blüten, die auf Splints Unterarmen blühen, ?ffnen sich weiter, als Splint den Kopf zu Theos Hals senkt, und Nolan kann sie aus fünf Metern Entfernung riechen.
Sü?, narkotisch, unterlegt mit dem dunkleren Moschus von Erregung, der von Splints Holzhaut abstrahlt wie Hitze von einem Ofen.
Die Blüten bedeuten, dass Splint hart ist. Nolan wei? das jetzt. Kennt sie alle, ihre Signale, ihre Gerüche, ihre Mechanik. Drei Wochen Feldbeobachtung, zerschlagen von drei Tagen direktem Kontakt.
Kern steht in der Mitte der Kammer. Reglos. Zwei Meter siebzig schwarze Rinde, gerissen von Bernsteinlicht, die Spalten glühen jetzt heller, pulsieren. Warten. Seine Augen, tiefes Bernstein, uralt, geduldig, verfolgen Mason durch den Raum.
Mason hat sich nicht bewegt. Er steht drei Meter von Kern entfernt, die F?uste an den Seiten, den Kiefer fest, jeder Muskel in seinem gedrungenen K?rper verriegelt.
Der K?rper eines Feuerwehrmanns, gebaut für Widerstand, für Ausdauer, für Nicht-Nachgeben.
Aber sein Schwanz ist hart gegen den Oberschenkel, und sein Atem geht sto?weise, und der lebende Boden unter seinen nackten Fü?en übertr?gt jeden widersprochenen Herzschlag direkt ins Geflecht, wo alle es spüren.
Masons Verlangen schmeckt in Nolans Mund nach Kupfer.
Das ist neu. Das ist die Kammer.
* * *
Jonah und Derek finden einander, wie sie einander seit dem See finden, gravitativ, ohne Absprache.
Jonahs H?nde an Dereks Taille, ziehen ihn heran, und Dereks scharfe Züge werden weich, wie sie nur weich werden, wenn ein anderer ihm die Entscheidung abnimmt.
Der Notarzt, der aufh?ren muss zu diagnostizieren.
Jonah gibt ihm das. Jonahs Mund an seinem Hals, Jonahs breite H?nde gleiten ihm das Rückgrat hinab, und Dereks analytischer Verstand stottert, flackert, geht offline.
Nolan sieht ihnen zu. Spürt sie. Der Boden macht alle acht zu Voyeuren: jede Berührung registriert, jede Reaktion geteilt.
Als Jonahs Hand sich um Dereks Schwanz schlie?t, zuckt Nolans Hüfte.
Das Signal kommt in Nolans K?rper als Geist einer Empfindung an, Druck, Hitze, die genaue Reibung von Jonahs schwieliger Handfl?che.
Nolan keucht, und Moder f?ngt den Laut auf, legt den Kopf schr?g, diese wechselnden Augen laufen von Bernstein zu Grün zu Violett, w?hrend er Nolans Reaktion liest.
Moder versteht. Er versteht immer.
Seine Hand wandert von Nolans Sch?del an die Kehle.
H?lt, drückt nicht. Der Daumen an der Halsschlagader, überwacht die Blutflut.
Seine andere Hand, die mit den sichtbaren Ranken unter durchscheinender Holzhaut, f?hrt Nolans Brust hinab, und wo die Ranken Kontakt machen, leuchtet Nolans Haut auf.
Nicht im übertragenen Sinn. Ein blasses Bernsteinglühen blüht auf, wo Moder ihn berührt, leuchtender Rückstand malt Nolans K?rper in eine Karte all der Stellen, an denen Hand an ihn gelegt wurde.
?Ich kann sie alle spüren“, sagt Nolan. Seine Stimme klingt falsch, dick, weit weg, als spr?che er durch Wasser. ?Durch den Boden. Ich kann –“
Moders Frequenz verschiebt sich. Tiefer. Die Resonanz trifft Nolans Prostata von au?en, geleitet durch die Hand an seiner Kehle und die Ranken auf seiner Brust und die F?den unter seinen Fü?en, und Nolan knicken die Knie ein.
Moder f?ngt ihn auf. Natürlich f?ngt Moder ihn auf.
Zwei Meter sechzig und stark genug, um B?ume zu entwurzeln, und er f?ngt Nolan mit einer Sanftheit auf, die ihm die Kehle zuschnürt.
Ein Arm um seine Taille, der andere bettet ihm den Kopf, und die Ranken aus Moders Unterarm breiten sich über Nolans Rücken zu einem Netz, das jeden Wirbel gleichzeitig stützt.
Er l?sst Nolan auf den Moosboden hinunter, der warm und nachgiebig und lebendig unter seinem Rücken ist. Die Pilzf?den im Moos strecken sich herauf, fein wie Spinnenseide, drücken gegen seine Schulterbl?tter, seinen Arsch, die Rückseiten seiner Oberschenkel.
Lesen seine Haut, wie Blindenschrift unter Fingerkuppen gelesen wird.
Und in dem Moment, in dem Nolans ganzer K?rper den Boden berührt, ?ffnet sich die Verbindung wie ein Ventil.
Alles.
Er spürt, wie Theos Rücken sich durchbiegt.
Spürt den strukturierten Grat von Splints Schwanz an Theos Hüfte durch die dünne Barriere von Theos Boxershorts, dem letzten Fetzen Kleidung, den überhaupt noch jemand tr?gt.
Spürt, wie Masons Widerstand in Haarrissen bricht, Kerns Geduld so tief und langsam wie geologische Zeit.
Spürt Jonahs Mund, hei? und offen, der Dereks Bauch hinabwandert.
Spürt Dereks H?nde in Jonahs Haar, greifend, ziehend, die Finger des Arztes zittern.
Und unter allem, unter den menschlichen Signalen, gr??er, ?lter, spürt er die Waldschrate.
Drei gewaltige Gegenwarten. Keine Gedanken.
Keine Gefühle in irgendeinem menschlichen Sinn.
Eher wie Wettersysteme. Moder: neugierig, pr?zise, mit intensiver Konzentration auf Nolans K?rper wie eine Linse, die Licht bündelt.
Splint: eifrig, hell, seine Erregung ein scharfer hei?er Puls, der durchs Geflecht l?uft und allen die Haut prickeln l?sst. Kern: tief.
Langsam. Eine Druckfront, die sich aufbaut.
Nolan ?ffnet die Augen, und Moder ist über ihm, zwei Meter sechzig fremder Biologie, die Konsolenpilze an seinen Armen glühen violett an den R?ndern, und sein Schwanz, holzstrukturiert, gerippt, gl?nzend von warmem bernsteinfarbenem Saft, h?ngt schwer zwischen seinen Beinen, proportional zu seinem K?rper, unm?glich und wirklich.
?Ja“, sagt Nolan. Weil die Sporen vor Monaten alles au?er der Ehrlichkeit abgetragen haben, und was bleibt, ist ein Mann, der genau wei?, was er will. ?Ja.“
* * *
Die Paare halten nicht.
Es f?ngt mit Theo an. Natürlich f?ngt es mit Theo an. Theo, der als Erster aufgeh?rt hat, so zu tun als ob, der als Erster auf die Waldschrate zuging, der als Erster mit seinem ganzen rücksichtslosen K?rper sagte: Das passiert jetzt.
Splint hat Theo auf dem Moosboden, beide auf der Seite, Splint um Theos Rücken gerollt, den Schwanz zwischen Theos Oberschenkeln, in langsamen Wellen sto?end, die Theos Atem stolpern lassen.
Der bernsteinfarbene Saft macht das Gleiten leicht, warm, euphorisierend, und wo er Theos Haut berührt, ist die Wirkung sofort da, ein Lockerwerden, ein Vertiefen der Empfindung.
Theo greift nach hinten und packt eine Faust voll Mooshaar, das Splint vom Kopf f?llt, und Splint grollt, eine Vibration, die den Boden erschüttert und Derek sechs Meter weiter trifft wie eine Faust in die Magengrube.
Derek l?st sich von Jonah. Keine Entscheidung. Sein K?rper dreht sich zur Vibration hin, zu Splints Signal, und bevor der analytische Teil seines Gehirns Einspruch erheben kann, kriecht er auf den Knien über den Boden der Kammer.
Theo sieht ihn kommen. Grinst. Dieses wilde, rücksichtslose Grinsen, die Pupillen ins Schwarze aufgerissen. ?Komm her.“
Derek kommt. Kniet sich vor Theo. Splint passt sich an, hebt Theos Bein mit einer gewaltigen Hand, um Platz zu machen, und das Umlagern treibt Splint tiefer zwischen Theos Oberschenkel und zieht einen Laut aus Theo, der kaum menschlich ist. Derek beugt sich vor und küsst ihn.
Nicht sanft, nicht z?rtlich, alles Z?hne und Verzweiflung, der Skeptiker und der Wildfang mit verschmolzenen Mündern und greifenden H?nden und Splints riesigem K?rper als Klammer um sie beide.
Durch die Verbindung spürt Nolan den genauen Moment, in dem Dereks Zunge über Theos gleitet.
Schmeckt es. Zigaretten und Sporen und den dunkelhonigenen Moschus von Waldschratsaft.
Sein Schwanz pocht, und Moders Hand findet ihn, lange Rindenfinger schlie?en sich um den Schaft, und der Temperaturunterschied, Moders Handfl?che hei?er als menschliche Haut, hei?er als Fieber, eine Hitze, die eindringt, l?sst Nolan sich mit einem Schrei vom Boden aufb?umen.