KAPITEL 20 #3

Derek kommt als Letzter und am h?rtesten.

Moders Ranken melken seinen Schwanz in programmierten Wellen, Splints Blüten wurzeln auf seiner Brust und pulsieren durch die Haut, sein K?rper ein passiver Empf?nger für das gebündelte Orgasmussignal von sieben anderen Wesen.

Er schreit. Der Schrei ist der einzige Laut, den er seit zwanzig Minuten gemacht hat.

Er enth?lt alles, was sein analytischer Verstand nicht verarbeiten konnte, jede abgelegte und wieder herausgerissene Empfindung, jede aufgegebene Diagnose, jede zersprungene Kategorie.

Der Orgasmus h?rt nicht auf.

Er kann nicht aufh?ren. Masons H?hepunkt speist Nolans, Nolans speist Moders, Moders speist Dereks durch die Ranken, Dereks flie?t durch die Wurzeln an Kern zurück, und der Kreislauf beschleunigt, jeder Durchgang steigert ihn, und die Kammerw?nde werden wei?.

Reines Wei?. Das Pilzgeflecht in den W?nden feuert mit maximaler Leistung, und die Wurzelkammer wird ein Raum aus lodernden, unm?glichem Licht.

Die Wurzeldecke. Der Moosboden. Die alten Grubenw?nde, von lebendigem Holz verschlungen.

Alles beleuchtet, alles sichtbar, keine Schatten, kein Dunkel.

Fünf menschliche K?rper und drei Waldschratk?rper ineinander verschlossen in Anordnungen, die sich verschieben und halten und aufl?sen und neu bilden.

Mason auf Kerns Schwanz, Nolan gegen seine Vorderseite gepresst, Moder in Nolan, ihre drei K?rper eine S?ule in der Mitte.

Jonah auf Theo aufgespie?t, Splint um beide gelegt.

Derek aufgeh?ngt in einem Netz aus Ranken und Blüten, sechzig Zentimeter über dem Boden schwebend, zuckend.

Die F?den unter dem ganzen Schwarzwald leuchten auf.

Kilometer um Kilometer Wurzelnetz feuert in einer Kettenreaktion, eine neuronale Kaskade, die sich von der Kammer nach au?en fortpflanzt, mit der Geschwindigkeit eines elektrischen Impulses durch nasses Holz.

Nicht schnell, aber nicht aufzuhalten. Jeder Baum, der mit dem Geflecht verbunden ist, empf?ngt das Signal.

Jeder Fruchtk?rper glüht. Der Waldboden, vom dunklen Auge bis ins H?llental, vom Bannwald bis zu den Wirtschaftsw?ldern am Rand, lodert in bernsteingoldenem Licht, sichtbar durch den Boden, durch die Nadelstreu, durch das Moos.

Eine Wanderin auf dem Feldberg, fünf Kilometer entfernt, wird der Badischen Zeitung sp?ter beschreiben, was sie gesehen hat: den leuchtenden Waldboden. Elf Sekunden lang. ?Als h?tte die Erde einen Herzschlag gehabt“, wird sie sagen. ?Als w?re die Erde aufgewacht.“

* * *

Der H?hepunkt ist ein einziger Augenblick, und er dauert lange genug, um sie auf molekularer Ebene zu ver?ndern.

Acht K?rper. Ein Organismus. Menschliche Biologie und Waldschratbiologie und Wurzelnetz und Sporenchemie und die alte, geduldige Intelligenz eines Waldes, der darauf gewartet hat, seit vor der Zeit, als die R?mer ihn benannten.

Für einen Moment l?sen sich die Grenzen auf.

Nicht metaphorisch. Buchst?blich. Nolan kann nicht sagen, wo sein K?rper aufh?rt und Moders anf?ngt.

Kann seinen Herzschlag nicht von Masons unterscheiden oder von Kerns langsamem Brummen.

Die F?den sind durch das Moos heraufgekommen und in die Haut seiner Fü?e hinein, dünne Pilzf?den, die die Dermis durchdringen und sein Nervensystem direkt an das Wurzelnetz anschlie?en und durch dieses Netz an jeden anderen K?rper in der Kammer.

Er sieht durch Jonahs Augen. Das wei?e Lodern der Kammer aus einem anderen Winkel, Theos Gesicht an seinem Hals, Splints gewaltiger Arm um sie beide.

Er fühlt durch Dereks Haut. Die Blüten, die auf seiner Brust wurzeln, pulsieren im Licht, die Ranken um seinen Schwanz arbeiten weiter, auch als der Orgasmus das Organ übersteigt und ganzk?rperlich wird, zellul?r, jede Zelle in Dereks K?rper vibriert in derselben Frequenz wie der Pilz an den W?nden.

Er denkt durch Masons Verstand. Die reine Schlichtheit der Hingabe. Die Abwesenheit von Widerstand. Wie still es in Masons Kopf ist, wenn er aufh?rt zu k?mpfen, wie ruhig, wie weit. Ein Mann, der seit achtundzwanzig Jahren die F?uste ballt, ?ffnet endlich die H?nde.

Und unter allem, tiefer, ?lter, der Basston, der den Akkord h?lt, die Waldschrate.

Keine drei getrennten Wesen, sondern eines, wie sie es immer waren, die drei Aspekte einer einzigen Entit?t: Kern, das Kernholz.

Moder, die F?ulnis, die neuen Wuchs n?hrt.

Splint, das junge Holz, das zum Licht greift.

Die drei Phasen des Waldes. Der eine Zweck des Waldes.

Sie fühlen die Menschen, wie die Menschen sie fühlen.

Die Waldschrate haben Jahrhunderte gewartet.

Auf die richtige Anordnung von K?rpern und Geistern.

Auf Menschen, die tief genug gehen und lange genug atmen und hart genug wollen würden.

Die Sporen sind ein Filter. Die meisten Menschen kommen nie über Stadium 1 hinaus.

Diese fünf haben es bis in die Wurzelkammer geschafft, weil in jedem von ihnen ein Hunger schon nach etwas gegriffen hat, was die Welt an der Oberfl?che nicht liefern konnte.

Nolan. Griff nach Jonah und durch Jonah nach einer Fassung seiner selbst, die fühlen durfte, was sie tats?chlich fühlte.

Jonah. Griff nach Nolan und durch Nolan nach der Erlaubnis, zu wollen, was er wollte.

Mason. Griff nach Hingabe und durch die Hingabe nach Stille.

Derek. Griff nach dem Ende der Analyse und durch dieses Ende nach dem Anfang der Empfindung.

Theo. Griff nach dem Rand von allem und durch diesen Rand nach dem, was dahinter lebt.

Die Waldschrate brauchten sie. Nicht als Wirte oder Nahrung oder Sklaven. Als Anker. Als Wurzeln. Die fünf M?nner werden die Sporen für immer tragen. Werden vom Wald tr?umen. Werden zurückkehren.

Das ist die Fortpflanzung des Waldes. Kein Nachwuchs. Ausbreitung.

Nolan begreift das alles im wei?en H?hepunkt, im Augenblick der vollst?ndigen Verbindung, und das Wissen macht keine Angst. Es ist die Antwort auf eine Frage, die sein K?rper stellt, seit er zum ersten Mal Waldboden berührt und ihn zurücksummen geh?rt hat.

Warum bin ich so.

Weil du dafür gebaut bist.

* * *

Das Licht wird schw?cher.

Nicht pl?tzlich. Ein langsamer Rückzug, wie ein Sonnenuntergang, wie die Gezeiten. Wei? zu Gold. Gold zu Bernstein. Bernstein zu dem weichen Grünschimmer, den die Kammer hatte, bevor das alles anfing.

K?rper l?sen sich voneinander. Die Pilzf?den ziehen sich sanft aus der Haut zurück, schmerzlos, und lassen schwach leuchtende Spuren zurück wie die Erinnerung an eine Berührung.

Moders Ranken l?sen sich von Dereks K?rper und lassen ihn mit einer Z?rtlichkeit auf den Moosboden hinab, die an Anbetung grenzt.

Splints Blüten schlie?en sich, die Bl?tter falten sich nach innen, die verwurzelten Blüten auf Dereks Brust lassen los und treiben frei wie Samen.

Kerns H?nde heben Mason langsam, vorsichtig von seinem Schwanz, der Saft erleichtert das L?sen, und Mason macht einen Laut, als Kern aus ihm herausgleitet, einen Laut des Verlusts, so scharf, dass er den Nebel nach dem Orgasmus wie eine Klinge durchtrennt.

Nolan liegt auf dem Moosboden. Moder ist noch in ihm. Er will nicht, dass Moder geht. Kann sich die Abwesenheit nicht vorstellen.

?Bleib“, flüstert er. ?Noch eine Minute.“

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