KAPITEL 20 #4

Moders Vibration wechselt zu einer Frequenz, die Nolan noch nie von ihm gespürt hat.

Tief, warm, gleichm??ig. Keine Erregung.

Keine Neugier. Eine Resonanz, die genau in der Frequenz von Nolans Herzschlag schwingt, ihn aufnimmt, ihn spiegelt.

Eine Resonanz, die ich kenne dich bedeutet, in einer Sprache, die ?lter ist als alle Sprachen.

Nolan schlie?t die Augen. Atmet. Die sporendichte Luft füllt ihm die Lungen, und es brennt nicht, überfordert ihn nicht. Es fühlt sich an wie das erste Atmen überhaupt. Als w?re alles davor Ersticken gewesen, ohne dass er es gewusst h?tte.

Moder zieht sich zurück. Sanft. Die Riffelungen fassen einmal an Nolans Rand, und Nolan keucht auf, Nachbeben, und dann ist Moder drau?en, und die Abwesenheit ist ein k?rperliches Ding, eine H?hlung, an die Nolans K?rper sich erinnern wird.

Saft l?uft aus ihm heraus. Warm. Schwach bernsteinfarben leuchtend auf dem Moos.

Rings um die Kammer kommen die anderen zur Ruhe. Landen.

Mason liegt an Kerns Brust. Der Waldschrat hat ihn an sich gezogen, an die warme schwarze Rinde gebettet, und Masons Augen sind geschlossen und sein Atem ist ruhig, und sein Gesicht, das Gesicht, das verkrampft in Abwehraggression liegt, solange Nolan ihn kennt, ist offen.

Glatt. Jung. Als s?he man den Mann, der Mason war, bevor er gelernt hat, eine Faust zu machen.

Jonah liegt auf dem Rücken, die Augen offen, und starrt zur Wurzeldecke hinauf.

Theo hat sich an seine Seite gerollt, einen Arm quer über Jonahs Bauch.

Splint hat sich an ihrer anderen Seite ausgestreckt, sein zweieinhalb Meter langer K?rper schützend um beide gekrümmt, die geschlossenen Blüten an seinen Unterarmen noch schwach leuchtend.

Derek sitzt im Schneidersitz auf dem Moos, nackt und von der Kehle bis zum Knie mit leuchtendem Rückstand bemalt.

Die Geisterspuren von Ranken und Blütenwurzeln auf seiner Haut kartiert wie ein neuer, sichtbar gemachter Kreislauf.

Er sieht sich die eigenen H?nde an. Dreht sie um.

Der Arzt untersucht den Patienten, und der Patient ist er selbst, und ausnahmsweise hat er keine Diagnose. Nur Daten, die er nicht erkl?ren kann.

Nolan stemmt sich hoch. Jeder Muskel protestiert.

Sein K?rper ist über jede Schwelle hinaus benutzt worden, die er zu haben glaubte, und die Ersch?pfung ist tief.

Nicht nur k?rperlich, sondern neurologisch, die Art Müdigkeit, die man spürt, wenn das Gehirn mehr Eingang verarbeitet hat, als es dafür gebaut war.

Er kriecht zu Jonah. Zwei Meter, und er braucht eine Ewigkeit dafür, und als er ankommt, greift Jonah nach ihm, ohne hinzusehen, als h?tte er Nolan durch den Boden kommen gefühlt. Was er hat, denn die F?den sind noch aktiv, verbinden sie noch immer, auch nach dem H?hepunkt.

Nolan legt sich an Jonahs Brust. Die Wange auf der warmen Haut über Jonahs Herz.

Der Herzschlag ist langsam. Kr?ftig. Derselbe Herzschlag, den Nolan sich vor zehn Jahren in einem Studentenzimmer eingepr?gt hat, um zwei Uhr nachts auf dem Boden sitzend, Jonah beim Schlafen zusehend, den eigenen Untergang begreifend.

?Ich liebe dich“, sagt Nolan. Nicht zum ersten Mal. Aber zum ersten Mal, ohne dass die Sporen es treiben, ohne Verzweiflung, ohne Hingabe. Einfach eine Tatsache. Wie das Nennen eines Artnamens. Klassifikation: Liebe. Reich: immer.

Jonahs Arm zieht sich um ihn zusammen. ?Ich wei?“, sagt Jonah. ?Ich hab’s immer gewusst.“

Theo, an Jonahs anderer Seite, greift herüber und findet Nolans Hand. Verschr?nkt die Finger mit seinen. Sagt nichts. Muss nichts sagen. Seine Haut ist warm und der Puls in seinen Fingerkuppen ist gleichm??ig, und die Verbindung ist menschlich und einfach und genug.

Die Kammer glüht sanft um sie herum. Die Waldschrate setzen sich zur Ruhe.

Kern eine gewaltige dunkle Anwesenheit in der Mitte, Mason an ihn gebettet, Moder und Splint flankieren die menschliche Traube, ihre K?rper bilden einen Ring, eine Mauer, ein Nest. Die Wurzeln über ihnen knarren leise, richten sich neu aus, und neuer Wuchs, winzig, hell, phosphoreszierend, sprie?t in Echtzeit an der Decke entlang, ein Garten, der aus dem keimt, was sie erzeugt haben.

Nolan sieht dem neuen Wuchs beim Ausbreiten zu. Er wird nie ver?ffentlichen, was er gesehen hat. Niemand würde die Methode der Datenerhebung glauben.

Er atmet. Die Luft ist warm. Sü?. Lebendig.

Acht K?rper in einem Raum unter der Erde, und die Erde satt, und der Wald wachsend, und das Licht weich, und die Stille nicht leer, sondern voll.

Voll von Atem, von Herzschl?gen, vom langsamen tiefen Brummen der Waldschrate, die sich in die Ruhe sinken lassen, ihre goldenen Blicke zu Glut heruntergedimmt.

Nolan schlie?t die Augen. Presst das Gesicht an Jonahs Brust. Spürt Theos Hand in seiner.

Spürt Moders Anwesenheit, aufmerksam selbst in der Ruhe, noch immer lernend, noch immer neugierig.

Spürt die F?den unter seinem K?rper, die denselben tiefen, gleichm??igen Ton summen, den sie summen, seit sie den tiefen Wald betreten haben, nur versteht er jetzt den Text.

Bleib.

Kehr zurück.

Wachse.

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