KAPITEL 21

DIE brUCHGRENZE

Es f?ngt in seinem Rückgrat an.

Nicht unten, nicht an der üblichen Stelle, wo die Lust sich sammelt und wartet.

H?her. Zwischen den Schulterbl?ttern, wo Moders Myzelranken sich unter die Haut gef?delt und das Nervenbündel gefunden haben, das sich in jede Gliedma?e verzweigt.

Die Empfindung ist eine Frequenz. Ein Ton, angeschlagen auf einem Instrument, das es noch nicht gibt, und Nolans K?rper ist der Resonanzraum.

Er kann sie alle fühlen.

Keine Metapher. Keine Poesie. Neurologische Tatsache im Wortsinn. Das Wurzelnetz unter der Wurzelkammer hat acht Nervensysteme zu einem einzigen Stromkreis verbunden, und die Daten vernichten ihn.

Jonah ist hinter ihm. Jonahs H?nde an seinen Hüften, Jonahs Atem an seinem Hals, Jonahs Schwanz so tief in ihm, dass Nolan den Puls des Mannes von innen spüren kann.

Zehn Jahre Verlangen, reduziert auf die schlichte Physik von K?rpern, die denselben Raum einnehmen.

Moder ist über ihnen beiden, eine gewaltige holzh?utige Hand über Nolans Brust gespreizt, Pilzf?den treten aus den Fingerkuppen in das Geflecht leuchtender F?den, das jetzt Nolans Oberk?rper überzieht.

Die Ranken pulsieren im Takt von etwas. Nicht von Nolans Herzschlag, nicht von Jonahs. Vom Wald.

Zu seiner Linken: Mason auf dem Rücken, Kern zwischen seinen Schenkeln.

Mason, der gegen alles gek?mpft hat, Mason, der getobt hat, Mason, der zu einem zwei Meter siebzig gro?en Gott aus lebendigem Holz Fick dich gesagt und es als Gebet gemeint hat.

Kerns zerklüftete Rinde glüht geschmolzen bernsteinfarben im Halbdunkel der Kammer, Licht blutet durch die Risse in seinem K?rper, als w?re er um einen Schmelzofen herum gebaut.

Masons Beine sind um das gelegt, was sie von Kerns Rumpf erreichen, und das ist nicht viel.

Der Ma?stab ist obsz?n, Masons Kraftsportlerk?rper zu etwas beinahe Zartem verkleinert gegen Kerns Masse.

Aber Mason k?mpft nicht mehr. Der Kopf liegt ihm im Nacken, die Kehle blo?, und der Laut, der aus ihm kommt, ist nichts, was Nolan in zehn Jahren Freundschaft je geh?rt hat.

Tief und gebrochen und ohne Ende, wie Wind durch ein gesprungenes Fenster.

Zu seiner Rechten: Theo und Derek und Splint, verkn?ult in etwas, das keine Geometrie hat.

Splints hellere Holzhaut ist von Farbe durchflutet, der olivgrüne Ton fast bronzen, und die wei?en Blüten an seinen Unterarmen haben sich so weit ge?ffnet, dass sie Blütenstaub in die Luft abgeben, winzige Punkte bernsteinglühenden Lichts, die treiben wie Schnee unter Wasser.

Theo sitzt in Splints Scho?, nach au?en gewandt, aufgespie?t und strahlend, die t?towierten Arme nach hinten gestreckt, um die moosigen Schultern des Waldschrats zu fassen.

Derek kniet zwischen Theos Knien, den Mund an Theos Schwanz, und Splints raue Finger sind in Dereks kurzgeschorenes Haar gef?delt, und Derek, Derek, der misst, Derek, der diagnostiziert, hat die Augen geschlossen, und sein analytischer Verstand ist endlich, gn?digerweise, dunkel geworden.

Acht K?rper. Drei, die Wald sind. Fünf, die früher nur Menschen waren.

Die Rückkopplungsschleife baut sich seit Minuten oder Stunden auf.

Zeit funktioniert in der Wurzelkammer nicht.

Der bernsteinglühende Pilz an den W?nden misst Erregung, keine Sekunden.

Er ist von Bernstein in ein scharfes Grün gekippt, als die Paare sich in die volle Konvergenz aufl?sten, und jetzt klettert er auf einen Farbton zu, den Nolans Farbwortschatz nicht enth?lt.

Ein Grün, so ges?ttigt, dass es auf der Zunge nach Kupfer schmeckt. Ein Grün, das summt.

Moder verlagert sich über ihm, und die Bewegung ordnet alles neu.

Der Schwanz des Waldschrats, geriffelt, holzgemasert, glitschig von warmem bernsteinfarbenem Saft, der Nolans Nervenenden bei jeder Bewegung eine Tonart h?her singen l?sst, drückt gegen Nolans Oberschenkel, wo Jonahs Hüfte ihn festh?lt.

Der Saft ist in der letzten Stunde in Nolans Haut eingezogen.

Sein ganzer K?rper ist ein blanker Draht.

Wenn Kern in Mason st??t, spürt Nolan es.

Wenn Splints Vibration durch Theo rollt, keucht Derek, und Nolans Blick wird an den R?ndern wei?.

Wenn Jonah, Jonah, Nolan enger an die Brust zieht und seinen Namen sagt, nur den Namen, nur Nolan, dann l?uft das Wort durch das unterirdische Netz wie Blitz durch nasse Erde, und jeder K?rper in der Kammer erschauert.

?Ich kann dich fühlen.“ Jonahs Mund an seinem Ohr. ?Ich kann euch alle fühlen. Was ist das. Nolan, was passiert hier.“

?Wehr dich nicht.“

Nolan wei? nicht, woher die Worte kommen.

Sein wissenschaftliches Denken ist auf eine Zündflamme reduziert, ein schwaches Flackern von Beobachtung in einem Schmelzofen aus Empfindung.

Die Synchronisierung beginnt bei den Herzschl?gen.

Jonahs bei zweiundneunzig, schnell von Anstrengung und Wollen.

Masons bei hundertzehn, weil Masons K?rper hei? l?uft, auch wenn er sich ergeben hat.

Dereks bei achtzig, der niedrigste der fünf.

Theos ist unregelm??ig, setzt aus, schnellt hoch, die kardiologische Signatur eines Menschen, der nie irgendetwas in gleichm??igem Tempo getan hat.

Und die Waldschrate. Ihre Herzen schlagen nicht in menschlicher Zeit.

Kerns Puls kommt einmal pro Minute, ein tiefer Gezeitenrhythmus, der Herzschlag eines Wesens, das Leben in Jahrhunderten misst. Moders ist schneller, aber synkopiert, ein komplexer Polyrhythmus, der den Verzweigungsmustern des Wurzelwachstums folgt.

Splints ist der schnellste der drei, fast s?ugetierhaft, in seiner Dringlichkeit fast warmblütig.

Acht Rhythmen. Der Wald beginnt, sie zusammenzuziehen.

Nicht mit Gewalt. Nicht auf einmal. Nolan spürt es, wie er eine Str?mung spürt, wenn er in einem Bach steht, das sanfte Beharren von Wasser, das seinen Pegel sucht.

Jonahs Herz wird langsamer. Masons f?llt.

Dereks steigt. Die drei menschlichen Rhythmen laufen zusammen, w?hrend die Waldschrate sich von unten anpassen, ihre uralten Herzsignaturen schrittweise nach oben verschieben. Sie treffen sich in der Mitte.

In dem Moment, in dem die acht Herzschl?ge in Phase einrasten, pulst die Kammer. Ein einziger gleichgeschalteter Blitz aus Bernsteinlicht, da und wieder weg, als h?tte der Raum selbst jetzt einen Herzrhythmus und sie w?ren darin.

Moder macht einen Laut. Tief. Gehalten. Eine Vibration, die durch Nolans Rückgrat wandert und in Jonahs H?nde und durch das Wurzelnetz hinaus in jeden K?rper im Raum. Es ist kein Wort. Es ist eine Ankündigung: jetzt.

Moders Augen wechseln von Bernstein über Grün in ein tiefes Violett, eine Farbe, die Nolan sie nie hat erreichen sehen, und die Brust des Waldschrats ?ffnet sich.

Nicht w?rtlich. Keine Wunde. Die Rinde geht entlang einer Naht auseinander, von der Nolan nicht wusste, dass es sie gibt, und darunter, wo das Holz kernholzfest sein müsste, ist Licht.

Reine Phosphoreszenz, konzentriert, in der Farbe von Tiefseewesen, die nie die Sonne gesehen haben.

Es ergie?t sich über Nolans hochgewandtes Gesicht wie warmes Wasser.

Moder drückt Nolans Hand flach gegen die ?ffnung. Gegen das Licht.

Die Verbindung singt.

Kein Laut. Keine Vibration. Eine Kraft unter beidem, eine Resonanz, die unterhalb des H?rens und oberhalb des Fühlens liegt, eine Frequenz, die im Raum zwischen beiden wohnt und Atome schüttelt.

Nolans Hand ist in Moders Brust, umgeben von W?rme und dem dicken Puls bernsteinfarbenen Safts und den sich verzweigenden Pilzf?den, die der tats?chliche Kreislauf des Waldschrats sind, und durch diese Berührung kann Nolan den ganzen Wald fühlen.

Jeden Baum. Jede Wurzel. Jeden Faden des Pilznetzes, das sich über sechstausend Quadratkilometer des ?ltesten Waldes Europas erstreckt.

Er ist lebendig, wie ein Gehirn lebendig ist, nicht passiv wachsend, sondern aktiv denkend, verarbeitend, koordinierend.

Der Schwarzwald ist ein einziger Organismus, und er ist bei Bewusstsein, und er sieht zu, was in dieser Kammer geschieht, mit einer Aufmerksamkeit, die Jahrtausende umspannt.

Nolans Hand in Moders Brust wird zum Kanal.

Der Wald flutet ihn. Keine Daten. Erfahrung.

Er spürt das dunkle Auge über ihnen, das schwarze Gletscherwasser, das auf der Steindecke der Kammer lastet.

Er spürt Rehe, die einen Kilometer ?stlich schlafen.

Er spürt die Wurzeln einer Fichte, die ein S?mling war, als Karl der Gro?e durch diese Berge ritt.

Er spürt die drei Waldschrate so, wie der Wald sie spürt: nicht als Bewohner, sondern als Organe.

Kern, das Kernholz. Moder, die F?ulnis, die neuen Wuchs n?hrt.

Splint, das Splintholz, der lebende Rand, die Stelle, an der Holz auf Welt trifft.

Und die fünf M?nner. Der Wald spürt sie auch.

Fünf warme Gesch?pfe mit ihrer verzweifelten, herrlichen, befristeten Biologie, Herzen, die achtzig Jahre schlagen und aufh?ren, Neuronen, die feuern und sterben, Verlangen, das genau deshalb so hei? brennt, weil die K?rper, die es tragen, sterblich sind.

Der Wald ist alt und langsam. Menschen sind kurz und wei?glühend.

Nolan begreift das in einem Blitz von Einsicht, der ihm den Blick ausl?scht, und im selben Augenblick st??t Moder von hinten in ihn hinein.

Wann hat Moder sich bewegt, wie ist der Waldschrat jetzt hinter ihm, wie kann seine Hand noch in Moders Brust sein, wenn Moder gegen seinen Rücken gepresst ist. Die Geometrie ist unm?glich, aber die Kammer hat ihre eigene Physik, und Nolan hat aufgeh?rt, sie zu befragen.

Jonah ist ihm jetzt zugewandt. Stirn an Stirn.

Nolan sieht sein eigenes Spiegelbild in Jonahs schwarz aufgerissenen Pupillen, und das Spiegelbild glüht, bernsteinfarbene F?den zeichnen seine Wangenknochen nach, die Schlüsselbeine, die Venen, eine Karte all der Stellen, an denen der Wald in ihn eingedrungen ist.

?Bleib bei mir“, sagt Jonah.

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