KAPITEL 22 #3
Seine Hand hebt sich von Nolans Brust und wandert zu Nolans Gesicht.
Ein holzgemaserter Finger f?hrt Nolans Braue nach.
Den Wangenknochen. Den Kiefer. Die Berührung ist pr?zise und ohne Eile, Moder lernt ihn, wie Moder alles lernt.
Mit Geduld und Aufmerksamkeit und einer Gründlichkeit, die an Ehrfurcht grenzt.
Dann ?ffnet sich Moders Mund. Dieser zu weite Mund mit den glatten dunklen Z?hnen. Und daraus kommt ein Laut, den Nolan von keinem der Waldschrate je geh?rt hat.
Kein Grollen. Kein Knurren. Ein Ton. Ein einzelner gehaltener Klang, tief angesetzt, aber h?rbar, gerade eben innerhalb der menschlichen H?rgrenze. Er hallt durch die Kammer, und die beiden anderen Waldschrate werden still. Kerns Wiegenlied h?lt inne. Splints sanftes Zirpen h?rt auf. Sie h?ren zu.
Moder spricht.
Keine Worte. Keine Sprache, wie Nolan sie klassifizieren würde.
Aber strukturierter Klang. Absichtsvoll.
Eine Mitteilung, die eigens für Nolan bestimmt ist, aus wenigen Zentimetern Entfernung an sein Gesicht gerichtet, und obwohl Nolan die Bedeutung nicht so zergliedern kann, wie er Deutsch oder Englisch zergliedern würde, kann sein K?rper es.
Die Ranken übersetzen. Und was in Nolans Gehirn ankommt, ungenau, aber unverkennbar, ist:
Du warst der Erste, den ich gefühlt habe.
Als deine nackten Fü?e vor drei Tagen den Waldboden berührten.
Ich kannte dich, bevor du wusstest, dass es mich gibt.
Ich lerne dich, seit du angekommen bist, und ich werde dich lernen, wenn du gegangen bist, und du wirst zurückkehren, weil das, was dich in diesen Wald getrieben hat, dasselbe ist, was Wurzeln in den Boden treibt.
Das Bedürfnis, sich zu verbinden. Die Bindung rei?t nicht.
Nolan schnürt sich die Kehle zu. Sein Blick verschwimmt von Tr?nen, salzig und menschlich und unfeierlich.
?Ich wei?“, sagt er. ?Ich wei?.“
Moder drückt seinen Holzmund auf Nolans Scheitel.
Es ist kein Kuss. Es ist zu fremd für dieses Wort, zu bedacht, eher wie ein Siegel, in Wachs gedrückt.
Ein Zeichen, ein Anspruch, ein Versprechen, das der Wald gibt und das der Wald h?lt.
Nolan spürt den warmen bernsteinfarbenen Saft dort, wo Moders Mund sein Haar berührt, und er wird noch da sein, wenn er auftaucht.
Er wird da sein, wenn das Sonnenlicht ihn trifft. Er wird jahrelang im Dunkeln leuchten.
Jonah rollt sich zu ihnen. Sein K?rper legt sich an Nolans Vorderseite, wie er es immer h?tte tun sollen.
Brust an Brust, Schenkel an Schenkel, Jonahs Arm über Nolans Rippen gelegt und die Hand auf der Rinde von Moders Arm, als w?re den Waldschrat zu berühren so selbstverst?ndlich, wie Nolan zu berühren, als bildeten die drei jetzt ihr eigenes System, ihre eigene ?kologie.
?Ich heirate Claire nicht“, sagt Jonah.
Nolan atmet aus. ?Ich wei?.“
?Ich heirate Claire nicht, weil ich in dich verliebt bin und es seit dem zweiten Studienjahr bin und zu feige war, es zu sagen, und der Wald musste mir buchst?blich das Gehirn umverdrahten, damit ich die Worte rausbekomme, und ich brauche, dass du wei?t, dass die Worte meine sind. Nicht die Sporen. Meine.“
Nolan legt die Hand auf Jonahs Brust. Die Handfl?che über Jonahs Herz.
Moders Ranken treten aus Nolans Fingerkuppen, er hat sie nicht darum gebeten, sie tun das jetzt einfach, und streifen Jonahs Haut.
Was bleibt, ist Jonah, unver?ndert, der die Sache sagt, die er seit einem Jahrzehnt nicht sagen konnte.
?Ich wei?“, sagt Nolan zum dritten Mal, weil es stimmt.
Er hat es gewusst. So, wie man eine Sache wei?, die man so lange erforscht hat, dass sie Teil der eigenen Biologie wird.
Jonahs Liebe ist ein Datensatz, den Nolan sich vor Jahren eingepr?gt und sich verboten hat auszuwerten, weil die Schlussfolgerung alles ver?ndert h?tte und er dafür nicht mutig genug war.
Die Sporen haben ihn nicht mutig gemacht. Die Sporen haben es unm?glich gemacht, feige zu sein.
Es gibt einen Unterschied, und das ist das Wichtigste, was Nolan in der Wurzelkammer gelernt hat.
* * *
Sie liegen zusammen im Bernsteinschein. Alle acht. Die Stille ist von der Art, die nicht gefüllt werden muss, nicht leer, nicht unbehaglich, einfach vollst?ndig. Der Klang ruhender Organismen.
Moders H?nde bewegen sich über Nolans Haut mit einer Langsamkeit, die die Grenze zwischen Berührung und W?rme aufhebt.
Seine Holzfingerkuppen fahren Nolans Rippen nach, die Hüfte, die weiche Senke an der Innenseite des Oberschenkels, wo der bernsteinfarbene Saft sich gesammelt hat und die Haut noch empfindlich genug ist, um Nolan den Atem stocken zu lassen.
Es baut auf nichts hin. Es ist einfach Berühren.
So, wie eine Hand die Maserung von Holz nachf?hrt, um ihr Muster zu kennen.
Die Ranken folgen, federleicht, und wo sie streichen, leuchtet Nolans Haut auf, ein kurzes Aufflackern, der Wald markiert seinen Weg.
Jonah sieht Moders Hand auf Nolans K?rper zu.
Er zuckt nicht zurück. Sieht nicht weg. Seine eigene Hand kommt dazu, die Finger verschr?nken sich mit den Holzfingern, menschliche Haut und Waldschratrinde und die bernsteinglühenden F?den, die beide mit dem Mann zwischen ihnen verbinden.
Sie berühren Nolan gemeinsam. Ein langsames, geteiltes Erkunden.
Jonahs Daumen f?hrt Nolans Hüfte nach, w?hrend Moders Finger dieselbe Linie zwei Zentimeter weiter links nachzieht, zwei H?nde, die einen K?rper im abgestimmten Gleichlauf lernen.
Nolans Atem wird unregelm??ig. Nicht vor Dringlichkeit.
Vor der besonderen überw?ltigung, von zwei Wesen umsorgt zu werden, die sich, durch welchen Mechanismus ihre jeweilige Biologie auch immer Entscheidungen trifft, entschieden haben, dass er diese Aufmerksamkeit wert ist. Diese bedachte, geduldige, anatomisch gründliche Sorgfalt.
?Jonah.“
?Ich bin hier.“