KAPITEL 22 #4
Moder verlagert sich hinter Nolan. Sein Mund, warm, zu weit, die glattsteinernen Z?hne drücken, ohne Druck auszuüben, findet die Stelle, an der Nolans Hals in die Schulter übergeht.
Ein langsames Schleifen. Kein Biss. Ein Erkunden.
Moders Zunge ist keine menschliche Zunge: strukturiert wie nasse Rinde, breiter, und sie hinterl?sst eine Spur von W?rme, die im Dunkeln schwach violett glüht. Nolans Atem stolpert.
Jonah lehnt sich heran. Sein Mund findet die andere Seite von Nolans Hals.
Menschliche Lippen. Menschliche W?rme. Der Kontrast ist so genau gesetzt, dass er abgestimmt sein muss, Moder und Jonah im Gleichlauf, sie spüren die Absicht des anderen, lesen Nolans Reaktionen in Echtzeit und justieren nach.
?Oh“, sagt Nolan. Nur das. Das kleinste Wort für das gr??te Gefühl.
Ihre H?nde laufen an seinem Schwanz zusammen.
Jonahs menschlicher Griff, vertraut, kr?ftig, die Schwielen eines Physiotherapeuten, der acht Stunden am Tag mit den H?nden arbeitet.
Moders holzgemaserte Finger, gr??er, geriffelt, glitschig von warmem Saft, der Nolans ganzes Nervensystem in einer Frequenz vibrieren l?sst, die er schmecken kann.
Zusammen bewegen sie sich. Langsam. In vollkommenem Gleichma?.
Jonahs Aufw?rtsstrich abgestimmt auf Moders Drehung, Moders Daumen über der Eichel abgestimmt auf Jonahs Mund, der zu Nolans Schlüsselbein hinabsteigt.
Nolan versucht, anwesend zu bleiben. Versucht zu beobachten, zu messen, den wissenschaftlichen Abstand zu halten, der neunundzwanzig Jahre lang seine Rüstung und sein Gef?ngnis war.
Er kann nicht. Die Daten sind zu viel. Jonah und Moder sind zwei Systeme, die über seinen K?rper miteinander koppeln, menschliches Verlangen und uralte Biologie, die sich in einer Sprache aus Berührung verst?ndigen, und Nolan ist die übersetzungsschicht, und die übersetzungsschicht weint jetzt, leise, Tr?nen laufen ihm über die Schl?fen ins Moos, weil sich das so anfühlt, wenn man von zwei Dingen vollst?ndig gekannt wird, die einen kennen wollten und sich die Zeit genommen haben, es zu lernen.
Es ist sanft, als es bricht. Nicht die wei?glühende Ausl?schung der Konvergenz.
Eine langsame Welle. Eine Flut. Jonahs Hand und Moders Hand und Nolans K?rper tut, was K?rper tun, wenn man ihnen die Erlaubnis gibt, und Nolan kommt mit offenen Augen, den Blick auf Jonah, Moder spürend, verbunden mit dem Wald, der den Puls davon durch den Kammerboden hinaustr?gt wie einen Stein, der in stilles Wasser f?llt.
Kleine Ringe. Leise. Das Moos hellt sich kurz auf, wo der Ring vorbeikommt.
Auf der anderen Seite der Kammer macht Theo einen zufriedenen Laut an Splints Brust. Splints Blüten ?ffnen sich, nur die, die Theos Gesicht am n?chsten sind, ein kleines Sternbild aus wei?en Blütenbl?ttern, das als Antwort auf die ankommende Welle aufgeht und sich wieder schlie?t.
Eine mitschwingende Antwort. Ein Nicken von einem Teil des Geflechts an einen anderen.
Moder zieht Nolan n?her. Jonah legt sich an seine Vorderseite. Zwischen ihnen, gehalten von einem menschlichen K?rper und einem uralten, atmet Nolan.
Er denkt an die Arbeit, die er nie wird ver?ffentlichen k?nnen. An die Daten, die kein Gutachterverfahren annehmen würde. An die Wahrheit, die jetzt in seinen Knochen wohnt, dort geschrieben in einer Sprache, die ?lter ist als jede Notation:
Die Sporen haben die Tür ge?ffnet. Aber was hindurchkam, das Wollen, das Brauchen, die schreckliche F?higkeit, gekannt zu werden, war schon da.
In ihnen allen. In Jonahs Jahrzehnt fehlgeleiteter Liebe.
In Masons Festung aus Aggression. In Dereks klinischer Distanz.
In Theos rastloser Suche nach dem unbenannten Ding.
In Nolans eigener sorgf?ltiger, leiser, akribisch gepflegter Lüge, es sei in Ordnung für ihn, zuzusehen und nie zurückgesehen zu werden.
Der Wald hat sie nicht neu gemacht. Der Wald hat sie zu dem gemacht, was sie waren.
Die Kammer h?lt sie. Das Bernsteinlicht h?lt sie. Die Waldschrate, geduldig und riesig und ?lter als die Sprache, die sie beschreiben k?nnte, halten sie.
Drau?en, weit oben, legt sich der Schwarzwald zur Ruhe.
Die bernsteinglühende Kaskade, die den Wald von unten erleuchtet hat, ist verblasst, aber die Wurzeln erinnern sich.
Irgendwo auf einem Wanderweg zwei T?ler weiter stehen ein Mann und sein Hund an einem Aussichtspunkt und starren auf den dunklen Wald unter sich, und der Mann schw?rt, er habe ihn leuchten sehen, nur einen Moment lang, nur am Rand des Blickfelds, ein Licht unter den B?umen wie ein riesiger K?rper, der sich im Schlaf umdreht.
Der Hund winselt. Der Mann schüttelt den Kopf. Geht weiter.
Unten, in der Wurzelkammer, schl?ft Nolan. Tr?umt die Tr?ume des Waldes. Gehalten von den Dingen, die ihn gefunden haben, die ihn gerufen haben, die wussten, was er war, bevor er in den Schwarzwald ging, und wissen werden, was er ist, lange nachdem er wieder hinausgegangen ist.
Der weiche Schein bleibt.
Er wird bleiben bis zum Morgen.
Morgen ist in der Wurzelkammer, wann immer sie beschlie?en aufzustehen.