KAPITEL 23

DIE RüCKKEHR

Der Weg ist einfach da.

Nolan steht am Rand der Wurzelkammer, barfu? auf Moos, das noch vom Nachbeben dessen summt, was sie getan haben, was sie geworden sind, und der Weg ist direkt vor ihm, steigt durch das Wurzelwerk nach oben wie eine Treppe, geschlagen von H?nden mit Sinn für Humor.

Festgetretene Erde. Glatter Stein. Farnwedel, die sich vom Pfad wegkrümmen, als h?tte man es ihnen gesagt.

Gestern hat er ihn nicht gesehen. Keiner von ihnen. Weil er gestern nicht da war.

?Nolan.“ Jonahs Stimme hinter ihm, rau von Schlaf und Ehrfurcht. ?Siehst du das?“

?Ja.“

?Das ist ein Weg.“

?Ja.“

Jonah tritt neben ihn. Seine Haut ist mit verblassendem Licht kartiert, bernsteinfarbene Zeichnungen am Schlüsselbein, grüngoldene Schlieren an den Unterarmen, wo Splint ihn festgehalten hat, w?hrend Moder ihn ge?ffnet hat.

Im schwachen Licht der Kammer glühen die Male wie Leiterbahnen dicht unter der Haut.

Bei Tageslicht, das wei? Nolan, werden sie verschwinden.

Ruhen. Auf das Dunkel warten, um sich wieder an sich selbst zu erinnern.

?Praktisch“, sagt Derek hinter ihnen. Er sitzt auf einer Wurzel von der Gr??e einer Parkbank und schnürt sich mit methodischer Genauigkeit die Stiefel, denn wenn das Universum schon wahnsinnig wird, sollen wenigstens seine Schuhe in Ordnung sein.

?Wir irren vier Tage lang herum, und jetzt gibt es einen Weg. Mit Stufen.“

?Er ist nicht für uns“, sagt Nolan. Die Worte sind drau?en, bevor er sie zu Ende gedacht hat, aber in dem Moment, in dem sie in der Luft stehen, wei? er, dass sie stimmen. ?Es ist kein Zugest?ndnis. Es ist eine Freigabe.“

Der Wald hat sie behalten, weil der Wald sie wollte. Jetzt ist der Wald fertig.

Nein. Nicht fertig. Zufrieden. Vorerst.

Theo sitzt im Schneidersitz nahe der Kammerwand, Splints gewaltige Gestalt hinter ihm gekrümmt wie eine Mondsichel aus Rinde und Moos.

Splints helleres Holz ist im schwachen Licht fast olivgrün, und die kleinen wei?en Blüten an seinen Unterarmen haben sich zu festen Knospen geschlossen.

Schlafend oder trauernd oder was Blüten eben tun, wenn das, wofür sie aufgegangen sind, weggeht.

Theo hat eine Hand auf Splints Handgelenk liegen.

Seine Finger sehen l?cherlich klein aus gegen die Holzhaut, wie eine Kinderhand auf einem Stamm aus dem Altbestand.

?Hey.“ Nolan geht neben ihm in die Hocke. ?Es ist so weit.“

Theo sieht nicht auf. ?Ich wei?.“

?Theo.“

?Ich hab gesagt, ich wei?.“ Seine Stimme ist ruhig. Nicht wütend. Etwas Schlimmeres: ruhig, wie Menschen ruhig sind, wenn sie sich für das entschieden haben, was sie zerbrechen wird. ?Gib mir eine Minute.“

Nolan gibt ihm eine Minute. Er gibt ihm fünf.

Er nutzt sie, um Mason zuzusehen, der im tieferen Teil der Kammer steht, dort, wo Kerns K?rper mit der Wurzelarchitektur verschmilzt, wo schwarze Rinde von Bernsteinlicht aufrei?t und die Luft nach Ozon und dunklem Honig und der ersten Stunde eines Gewitters schmeckt.

Mason hat beide Handfl?chen flach gegen Kerns Brust gelegt.

Der Kopf ist gesenkt. Seine Schultern gehen mit dem Atem, langsam und bedacht, wie ein Mann atmet, der etwas im Brustkorb h?lt, wofür er keine Sprache hat.

Kerns Hand, fünf Finger, jeder dicker als Masons Handgelenk, liegt in Masons Nacken. Kein Zugriff. Ein Halten. Der Unterschied z?hlt.

Eine Vibration rollt durch den Kammerboden, subsonisch, im Brustbein und in Nolans Fu?sohlen zu spüren. Kein Wort. Ein Laut, der eine Bedeutung tr?gt, die nur K?rper verstehen. Mason macht ein Ger?usch in der Kehle, klein, ruiniert, privat, und drückt die Stirn h?rter gegen Kerns Rinde.

Nolan sieht weg. Nicht aus Abscheu. Wegen der Intimit?t. Manche Dinge sind nicht zum Zusehen da.

?Wir müssen los“, sagt Derek leise. Er steht jetzt, den Rucksack geschultert, und sein Arztgesicht ist aufgesetzt, das, das einsch?tzt und triagiert und die harte Entscheidung trifft. Aber seine Augen sind nass. ?Wenn wir l?nger bleiben, glaube ich nicht, dass wir noch gehen.“

Er hat recht. Nolan kann es fühlen. Die Sporen in der Kammer haben sich über Nacht wieder verschoben, nicht der dr?ngende, fordernde Puls der Konvergenz, sondern etwas Sanfteres, Heimtückischeres.

Eine Wiegenliedfrequenz. Bleib. Schlaf. Schlag Wurzeln.

Sei ein Teil davon. Der Wald unter seinen Fü?en ist warm, und durch ihn hindurch kann er die Herzschl?ge jedes lebenden Dings in der Kammer spüren: die drei Waldschrate, die vier anderen M?nner, die Wurzeln, die sich kilometerweit in jede Richtung strecken.

Er ist ein Knoten in etwas Riesigem. Zu gehen hei?t, ein loser Faden zu werden.

Aber lose F?den verbinden trotzdem. Das hat er vom Wald selbst gelernt.

?Mason.“ Nolan geht zu ihm hinüber. Legt ihm eine Hand auf die Schulter. Der Muskel darunter ist starr. ?Bruder. Es ist Zeit.“

Mason rührt sich lange nicht. Dann ?ndert sich Kerns Vibration, tiefer, langsamer, ein Ton, der klingt wie die Erde, die sich nach einem Beben setzt. Ein langes gehaltenes Loslassen.

Mason l?st sich von Kerns Brust. Seine Augen sind rot. Sein Kiefer ist so hart gestellt, dass die Sehnen am Hals hervortreten wie Kabel. Er hebt seinen Rucksack wortlos vom Kammerboden, schultert ihn und geht auf den Weg zu.

Er sieht sich nicht um. Nolan versteht, warum. Sich umzusehen hie?e, noch einmal weggehen zu müssen, und Mason Vogt kann die meisten Dinge einmal. Das hier kann er nicht zweimal.

Theo ist der Letzte. Splint rollt sich hinter ihm auf, mit einem Rascheln von Moos und einem schwachen sü?en Geruch, zerdrückte Blüten, Saft, etwas wie Trauer, wenn Trauer einen Geruch h?tte, und Theo steht auf.

Er legt beide H?nde an Splints Gesicht. Die Holzhaut ist warm unter seinen Handfl?chen, immer warm, und Splints Augen wechseln von Bernstein in tiefes Grün und bleiben dort.

Das ausdrucksvollste Gesicht der drei. Das n?chste an menschlicher Regung.

Was den unmenschlichen Ma?stab von ihm, zweieinhalb Meter, H?nde wie Schaufeln, ein Mund, der zu weit ist, wenn er sich ?ffnet, schwerer zu fassen macht, nicht leichter.

?Ich komme wieder“, sagt Theo.

Splint spricht nicht. Hat nie in einer Sprache gesprochen, die Nolans Ohren zergliedern k?nnen.

Aber die Blüten an seinen Unterarmen gehen alle auf einmal auf, ein Dutzend wei?er Blüten entfaltet sich im Licht der Kammer, und die Sporensignatur schl?gt so scharf aus, dass Nolan fast die Knie wegsacken.

Dann l?sst Theo los. Dreht sich um. Geht.

Die fünf steigen hinauf.

* * *

Die Wurzeltreppe liefert sie durch eine ?ffnung im Waldboden an die Oberfl?che, von der Nolan sicher ist, dass sie vor zw?lf Stunden noch eine feste Masse aus Erde und Totholz war.

Sie treten in den tiefen Wald hinaus, und die Luft ?ndert sich sofort.

Immer noch dick, immer noch sü?, immer noch ges?ttigt mit der besonderen Signatur des Schwarzwalds aus Fichtenharz und Zersetzung, aber leichter.

Dünner. Die Sporenkonzentration f?llt mit jedem Schritt.

Nolan spürt, wie sein analytisches Denken stückweise wieder hochf?hrt, wie ein Rechner nach einer Spannungsspitze.

Synapsen verknüpfen sich neu. Der wissenschaftliche Wortschatz, den er irgendwo um Kapitel 15 seines Feldtagebuchs herum verloren hat, stolpert zurück an seinen Platz.

Er greift aus Gewohnheit nach dem Feldtagebuch. Findet es im Rucksack. Schl?gt es auf.

Der letzte Eintrag lautet: Myzeldichte übersteigt jede dokumentierte, und dann eine Linie, die von der Seite l?uft. Der Stiftdruck nimmt im Verlauf des Satzes ab, als h?tte seine Hand mitten im Gedanken vergessen, was sie tat. Als h?tte ein st?rkeres Signal die Aufmerksamkeit abgezogen.

Er erinnert sich, was die Aufmerksamkeit abgezogen hat. Sein K?rper erinnert sich in aller Sch?rfe.

Er packt das Feldtagebuch weg.

Der Bannwald ist am Morgen ein anderer. Das Kronendach steht drei?ig Meter über ihnen, dicht wie Teer, und das Licht, das den Boden erreicht, ist grüngrau und k?rnig, als w?re man in einer Kirche mit Buntglas aus Bl?ttern.

Die umgeworfenen B?ume von Orkan Lothar, fünfundzwanzig Jahre Zersetzung, sind zu Moderholz geworden, zu Ammenst?mmen, ihre K?rper mit Moos gepolstert und von neuem Wuchs bestanden.

Pilzkolonien von der Gr??e von M?beln w?lben sich aus der F?ulnis.

Alles wird gefressen, und alles, was frisst, wird zugleich geboren.

Der Kreislauf setzt nicht aus. Der Kreislauf kümmert sich nicht.

Sie gehen im G?nsemarsch. Mason vorneweg, weil Mason immer vorangeht und weil der Weg frei ist, absurderweise, unm?glicherweise frei, ein Band festgetretener Erde, das sich durch einen Wald zieht, der keinerlei Anlass hat, einen Pfad zu enthalten.

Derek hinter ihm. Dann Jonah. Dann Nolan.

Dann Theo, der immer wieder stehen bleibt und zurückschaut.

Die erste Stunde spricht niemand. Die Stille ist nicht leer.

Sie ist voll, ges?ttigt, die Stille von M?nnern, die so viel inneren L?rm tragen, dass ?u?erer Klang überflüssig w?re.

Nolan h?rt Stiefeln auf festgetretener Erde zu.

Dem weichen Schlagwerk von fünf Rucks?cken, die sich bei jedem Schritt verlagern.

Seinem eigenen Atem, der noch alle paar Minuten stockt, wenn die Sporenkonzentration absackt und sein K?rper den Verlust registriert wie einen Stolperer in einem vertrauten Rhythmus.

Die Ger?usche des tiefen Waldes füllen die Stille: Wind in den Fichten, ein tiefes stetiges Rauschen wie fernes Wasser.

Das Knarren von Holz unter Spannung. Vogelgesang, zum ersten Mal seit Tagen, merkt Nolan.

Tats?chlich V?gel. Der tiefere Wald war still geworden, die Fauna hatte sich aus dem Revier der Waldschrate zurückgezogen oder war darin aufgegangen.

Hier drau?en arbeitet das Leben in einem Ma?stab, den er wiedererkennt. Kurz. Warmblütig. Wach.

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