KAPITEL 23 #2
Er sieht seinen Freunden auf die Rücken und notiert, was anders ist. Wie Mason geht.
Lockerer in den Hüften, weniger gepanzert, die Schultern fünf Zentimeter tiefer als in dem Jahrzehnt, das Nolan ihn kennt.
Wie Derek immer wieder zur Seite greift und die Hand dann sinken l?sst, der Geist einer Geste, die jemandem gilt, der nicht neben ihm ist. Wie Jonah alle paar Minuten den Kopf dreht, um Nolan zu suchen, und wie sich die Spannung in seinem Gesicht, wenn er ihn findet, in einen Ausdruck aufl?st, der nackt und dankbar und be?ngstigend ist.
Diese M?nner. Diese fünf M?nner, die vor sechs Tagen ins H?llental gegangen sind und über Vegas und J?germeister redeten und so taten, als w?re das gr??te Risiko ein umgeknickter Kn?chel. Sie sind diese M?nner nicht mehr. Die zellul?re Tatsache davon sitzt Nolan in der Brust wie ein neues Organ.
Er fragt sich, ob irgendwer es merken wird.
Ob ihre Familien, ihre Kollegen, ihre Verflossenen sie ansehen und das Andere sehen werden.
Die Male sind jetzt unsichtbar. Die bernsteinglühenden Zeichnungen sind im wachsenden Licht verblasst, unter die Haut gesunken, dorthin, wo ruhende Dinge warten.
Aber die Ver?nderung liegt nicht an der Oberfl?che. Die Ver?nderung ist baulich. Tragend.
Sie erreichen die Bannwaldgrenze um die Mittagszeit.
Nolan wei? es in dem Moment, in dem sie sie überschreiten. Nicht, weil dort ein Schild oder ein Zaun stünde. Der Bannwald ist Schutzgebiet, an den R?ndern unmarkiert, begrenzt allein durch Verordnung und topografische Karten. Er wei? es, weil das Summen aufh?rt.
Die schwache Vibration, mit der er seit Tagen lebt, in den Fü?en, in den Backenz?hnen, an der Sch?delbasis, wird still. Als tr?te er aus einem Fluss, in dem zu stehen er vergessen hatte. Als würde eine Frequenz, auf die er seinen ganzen K?rper eingestimmt hat, pl?tzlich abgeschaltet.
Er stolpert. Taumelt tats?chlich, eine Hand vor, um einen Stamm zu fassen. Die Rinde ist nur Rinde. Kalt. Rau. Leblos.
?Spürst du das?“, sagt Jonah. Er ist auch stehen geblieben. Seine Hand liegt flach auf dem eigenen Brustbein.
?Ja.“ Nolan atmet. Atmet noch einmal. Die Luft ist nur Luft. ?Sie k?nnen nicht über diese Linie.“
?Woher wei?t du das?“, fragt Derek.
?Die Wurzeln des Altbestands enden hier. Der Wald dahinter ist bewirtschaftet. Aufgeforstet. Wirtschaftswald. Zu jung. Zu flach.“ Er denkt laut, der Wissenschaftler in ihm ruckt zurück ins Leben. ?Ihre K?rper sind der Wald. Wo der Wald aufh?rt, h?ren sie auf.“
?Dann sind wir sicher“, sagt Mason. Erste Worte seit zwei Stunden. Seine Stimme klingt wie zerkauter Kies.
Nolan w?gt das Wort. Sicher. Was für eine seltsame Bezeichnung für diese Abtrennung. ?Wir sind raus.“
Sie gehen weiter.
Der Weg führt sie durch bewirtschafteten Wald, gleichf?rmige Reihen aus Stangenholz, nach dem Krieg aufgeforstet, dünn und gleich wie Soldaten, und hinunter ins Tal.
H?llental. Die Talw?nde rücken zusammen, hundertdrei?ig Meter Gneis schlie?en sich über ihnen, und die Akustik wird wieder seltsam, genau wie am ersten Tag: Schritte vervielfachen sich, Stimmen springen falsch zurück, der Rotbach l?uft irgendwo unter ihnen wie ein Puls, den sie nicht sehen k?nnen.
Aber das Tal, das sie auf dem Hinweg erschreckt hat, ist jetzt nur noch ein Tal. Sch?n. Geologisch. Gew?hnlich. Nolan geht hindurch und spürt den Verlust der Verzauberung wie ein Phantomglied.
Der Hirschsprung, wo das Tal sich auf neun Meter verengt und der Himmel zu einem Schlitz wird, kostet sie zwanzig Minuten.
Auf dem Hinweg hat er eine Stunde gedauert.
Damals hat der Wald sie gehalten. Die Zeit gedehnt.
Jeden Schritt zu einer Verhandlung gemacht.
Jetzt trichtert das Tal sie nach Westen, mit einer Str?mung, die fast eifrig wirkt, als sch?be die Landschaft selbst sie zurück in die Welt, aus der sie gekommen sind.
Der Wald l?sst los. Nolan versucht, nicht darüber nachzudenken, was es bedeutet, dass sich Loslassen wie Verlust anfühlt.
Theo spricht zum ersten Mal, als sie aus der engsten Stelle des Tals heraustreten. ?Geht’s noch jemandem so, als würde er aufwachen?“
?Ja“, sagt Derek.
?Ich will nicht aufwachen.“
Niemand antwortet. Niemand widerspricht.
* * *
Sie kommen um drei Uhr nachmittags aus dem H?llental heraus, und die Sonne trifft Nolan ins Gesicht wie eine Blendgranate.
Er kneift die Augen zusammen. Hebt eine Hand.
Das Licht ist obsz?n, grell, flach, schattenlos, diese mitteleurop?ische Nachmittagssonne, die von allem zurückspringt und nichts verzeiht.
Nach Tagen unter einem Kronendach, das so dicht war, dass es den Mittag zur D?mmerung machte, fühlt sich der offene Himmel an wie ein überfall.
Zu viel Raum. Zu viel Sichtbarkeit. Er ist auf eine Weise entbl??t, die nichts mit Kleidung zu tun hat und alles damit, dass er sechs Tage lang in einer Welt aus grünem Dunkel und subsonischem Summen und goldenem Licht in den tiefen B?umen existiert hat und jetzt auf einem Parkplatz steht.
Ein Parkplatz. Asphalt. Autos. Ein Holzschild: WANDERPARKPLATZ H?LLENTAL. Zwanzig Meter entfernt l?dt eine Familie Wanderausrüstung in einen Volkswagen. Die Mutter sieht kurz zu ihnen herüber. Fünf M?nner, b?rtig, verdreckt, die mit Rucks?cken und verst?rten Augen aus dem Tal kommen. Sie sieht weg.
Normal. Alles ist rücksichtslos, gewaltsam normal.
?Der Bus steht da“, sagt Derek. Er zeigt hin. Der graue Mercedes Sprinter steht, wo sie ihn vor sechs Tagen gelassen haben, überzogen von Blütenstaub und Vogelschei?e. Sechs Tage. Es k?nnten sechs Jahre sein, so wenig hat es mit dem zu tun, was aus ihnen geworden ist.
Mason geht zum Bus, l?sst den Rucksack fallen und setzt sich mit dem Rücken gegen das Hinterrad auf den Boden. Er zieht die Knie an. Legt die Arme darauf. Legt den Kopf auf die Arme. Bleibt so.
Theo setzt sich neben ihn. Ohne ihn zu berühren. Nah genug, dass es z?hlt.
Jonah schlie?t den Bus mit zitternden H?nden auf. Er zieht die Schiebetür auf, und der Innenraum riecht nach abgestandenem J?germeister und Sonnencreme, und der Geruch ist so gew?hnlich, so aggressiv menschlich, dass Nolan die Kehle zugeht.
Derek steht auf dem Parkplatz und ruft im Krankenhaus an. Er war sechs Tage ohne Kontakt weg. Er spricht in knappen, professionellen S?tzen. Famili?rer Notfall. Unerwartet. Bald zurück. Seine Stimme ist ruhig. Seine H?nde sind es nicht.
Nolan lehnt sich an die warme Metallflanke des Busses und sieht zurück ins Tal.
Das H?llental ist ein dunkler Schlitz in den Bergen, der Wald drückt von beiden Seiten heran wie Lippen, die eine Wunde schlie?en wollen.
Dahinter, von hier aus unsichtbar, der tiefe Wald.
Das schwarze Wasser. Die Wurzelkammer. Drei uralte K?rper aus lebendigem Holz, die im Dunkeln stehen und darauf warten, dass die Grenze das n?chste Mal dünn wird.
Jonah kommt und stellt sich neben ihn. Ihre Arme berühren sich. Nicht zuf?llig.
?Wir werden darüber reden müssen“, sagt Jonah.
?über welchen Teil?“
Jonah lacht fast. ?über alles. Aber ich meinte uns. Ich meinte Claire.“
Der Name steht zwischen ihnen. Ein echter Name aus einem echten Leben, das sich von diesem Parkplatz aus anfühlt wie eine Geschichte, die ihm mal jemand anders erz?hlt hat.
?Nicht heute“, sagt Nolan.
?Nein. Nicht heute.“
?Aber bald.“
?Ja.“ Jonahs Arm drückt fester gegen seinen. ?Bald. Und Nolan? Es sind nicht die Sporen. Das wei?t du.“
Nolan sieht ihn an. Jonahs braune Augen im flachen Nachmittagslicht, ohne Bernsteinschein und ohne die unm?gliche Dunkelheit der Wurzelkammer.
Nur Augen. Nur Jonah. Der Mann, den er seit einem Studentenzimmer in Portland vor zehn Jahren liebt, der die wahre Sache sagt, auf einem Parkplatz, im Sonnenlicht, mit Vogelschei?e auf dem Bus und einer deutschen Familie, die herüberstarrt.
?Ich wei?“, sagt Nolan. ?Ich hab’s immer gewusst.“
Mason steht auf. Schultert den Rucksack. Sieht niemanden und alle an. ?Fahren wir“, sagt er. ?Bevor ich wieder da reingehe.“
Er meint es ernst. Nolan h?rt es. Der Sog ist noch da, stumpfer durch die Entfernung, ged?mpft von der Bannwaldgrenze, aber vorhanden. Ein Ziehen hinter dem Brustbein. Ein tiefes Summen, das Erinnerung sein k?nnte oder der Wald, der nach ihnen greift.
Sie steigen in den Bus. Nolan f?hrt, weil Nolan immer f?hrt. Die Stra?e wickelt sich nach Westen ab, bergab, Richtung Freiburg und Flugh?fen und Leben, die sie laufen lie?en, w?hrend sie aus der Zeit heraustraten.
Im Rückspiegel dunkeln die Berge. Der Schwarzwald füllt den Horizont, dicht und undurchdringlich und geduldig.
Niemand schaltet das Radio ein. Niemand sagt etwas.
Fünf M?nner in einem grauen Bus, die von dem einzigen Ort wegfahren, an dem sie je vollst?ndig gekannt worden sind, und die Stille zwischen ihnen tr?gt mehr Wahrheit als jedes Gespr?ch, das Nolan je geführt hat.
Die Sonne sinkt. Die Schatten werden l?nger.
Und im letzten Licht, bevor Freiburg aus dem Talgrund steigt, sieht Nolan auf den eigenen Unterarm und sieht, nur für einen Moment, im d?mmrigen Raum zwischen Fenster und Armaturenbrett, eine schwache grüngoldene Spur entlang der Vene, leuchtend, dann weg.
Der Wald erinnert sich. Seine Haut auch.
Er f?hrt weiter.